Jörn Seidel | Drucken31.12.2004 

Ein Affront um jeden Preis

Film-Rückblick 2004: Die fragwürdigen Provokationen des Jahres 2004 - „Die Passion Christi”, „Der Untergang”, „Fahrenheit 9/11”, „Muxmäuschenstill”

Wenn Film nicht mehr vermag, Provokantes hervorzubringen, bleibt seine Legitimation als partizipierendes Kulturgut zweifelhaft. Wenn Film statt sinnfällig zu reflektieren nur noch provoziert, bleibt allerdings die Kultur, aus der er erwächst, fraglich. Es sei denn, provokante Filme, die wie im Jahr 2004 ungeahnte Massen in die Kinos zogen, werden zum Auslöser großer Diskussionen, an der sich zunächst die Diskursfähigkeit einer Gesellschaft, aber auch die Dimension ihres kulturellen Bewusstseins, letztlich die Demokratiefähigkeit einer Kultur offenbart und messen lässt. In den Fällen von Christus, Hitler und Bush als Protagonisten von provokanten Filmen par excellence zeigte sich im letzten Jahr, dass sich das Diskussionspotenzial auch hierzulande noch nicht erschöpft hat - wenn auch mitunter ein tiefer Schnitt durch die Meinungen der Zuschauer, Medienmacher und Kritiker ging. Abseits jener Blockbuster sorgte noch ein anderer Film für Diskussionen - in seinem Zentrum: Mux, einer von uns. Mich selbst haben alle diese Filme zutiefst irritiert. Auch das hat seinen Eigenwert: Provokationen fordern heraus zur Reaktion. Sie zwingen einen wie sonst selten, die eigene Meinung zu formen und formulieren, sich selbst den Anderen preiszugeben.


Die Passion Christi

(Bilder: Verleih)

Den Auftakt machte The Passion of the Christ - Mel Gibsons Schrei in die Welt, die Verkündung einer betörenden wie verstörenden Heilsbotschaft. Das Gros der Geistlichen und der Kritiker tat sich schwer mit dem Film, und doch strömten die Zuschauer hinein. Und all überall waren persönlichste Bekundungen zu lesen, Leserbriefe en masse, die den Film als Ausdruck tiefster Gläubigkeit lobpreisten. Tatsächlich lässt sich der Passion Christi das Potenzial zur Faszination nicht absprechen. Der Film fesselt seinen Zuschauer, zieht ihn machtvoll in den Bann mit opulenten Bildern voll existenzialistischer Thematik - Jesus, blutüberströmt auf dem Kreuzweg. Jeder der unzähligen Wunden gilt eine Nahaufnahme, die ein Schauergefühl nach sich zieht. Transzendenz und Spiritualität sind omnipräsent. Aus der Qual des Mitleids für die gepeinigte Leinwandfigur gebiert sich eine Wut, deren Katharsis in jenen Leserbriefen Ausdruck findet: "Schaut her, wie er für Euch gelitten hat! Glaubt demütig und handelt danach!"

Doch eben jene verengte Interpretation des Glaubens stößt bei vielen wie auch bei mir auf Ablehnung. Und der Verdacht liegt nah, dass Gibson nicht zufällig die Dreharbeiten an jenen Ort verlegte, an dem einst Pasolini seinen nicht weniger umstrittenen Film Das erste Evangelium - Matthäus drehte, welcher allerdings nicht dem Duktus des beschwörenden Predigers obliegt, sondern an die Reformfähigkeit der katholischen Kirche appellierte entgegen dem damals wiedererstarkenden Reaktionismus. Gibsons Film erscheint als erzkonservative Antwort auf Pasolini. Sein Anliegen ist eine fundamentalistische Simplifizierung, ein beklemmender Dogmatismus von schwindelerregender Spiritualität, der auch den Vorwurf des Antisemitismus nicht scheut. Die Passion Christi verpasste jede Chance, nach vorn gerichtete Diskussionen über Kirche zu initiieren, sondern servierte sich stattdessen als Horror-Splatter-Movie - und ist vielleicht auch nicht mehr.


Der Untergang

Besorgniserregender dagegen Der Untergang: Bernd Eichingers Blendwerk eines neuen deutschen Geschichtsbewusstseins. Ich hatte mich von ihm täuschen lassen, sah den Film zunächst als künstlerisch wenig ambitionierte Rekonstruktion Hitlers letzter Tage, die aber handwerklich solide gefertigt immerhin die spezifischen Akzentuierungen des Regisseurs Oliver Hirschbiegel zulässt: die Moral, persönlich für das eigene Handeln verantwortlich zu sein. Im Nachhinein aber beängstigt mich Der Untergang. Schon die pompöse Medienaufbereitung spiegelte die Stimmung in den Kinosälen wieder: eine Führergedächtnisveranstaltung, der man würdevoll, still und andächtig beiwohnt, als höre man den ehrwürdigen Führer persönlich zu sich sprechen. Tatsächlich verabschiedet man sich mit dieser Perspektive auf das "Dritte Reich" von allen ungeklärten Fragen. Der Untergang ist ein Befreiungsschlag für all jene, die die Kausalität der wohl größten Menschheitskatastrophe lieber in den rein persönlichen Beweggründen der Machthaber finden möchten als bei sich selbst. Indem der Film den Anschein erweckt, er würde deskriptiv den 'Untergang des Faschismus' inszenieren, verklärt er letztlich den Faschismus als unaufhaltbare Katastrophe und bleibt jeglichen Erklärungsansatz schuldig.

Vor allem erinnert Der Untergang mit seiner unbefangenen Rezeption an den Mythos der objektiven Geschichtsschreibung. Joachim Fest, dessen gleichnamiges Sachbuch eine der Vorlagen für Eichingers Drehbuch bot, steht selbst in einer bestimmten Tradition von Historikern. Als Ernst Nolte Anfang der 80er Jahre den Historikerstreit begründete, indem er die Einzigartigkeit des Holocausts anzweifelte und Auschwitz als eine "aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution" bezeichnete, gehörte Fest zu jenen, die Nolte öffentlich, vehement verteidigten. Auch seinem Buch lastet etwas Bedenkliches an, stand es doch seit jeher in der Kritik, es könne suggerieren, dass die Gründe für die Katastrophe allein in den individuellen Handlungsweisen Hitlers und Konsorten zu verorten sind, wodurch der Antisemitismus in der Bevölkerung womöglich nur noch als sekundäres Erklärungsmuster herangezogen werde. Als Bernd Eichinger den Titel "Der Untergang" für seinen Film übernahm, verfiel er genau dieser Verführung, den Faschismus als "Menschheitstragödie" zu interpretieren, wie es Georg Seeßlen so treffend bezeichnete. "Der Faschismus hat keinen Untergang, der Faschismus ist Untergang." Betrachtet man die Figurenkonstellation, nicht zuletzt das Happy End für die Heldin an der Hand des Jungen, wird augenfällig: "Der Untergang schildert das Ende des Krieges nicht als Befreiung [wie noch Richard von Weizsäcker 1985 und einst die 68er, Anm. d. Red.], sondern als tragische Abfolge von Selbstzerstörung, Opfer und Wiedergeburt. Das ist eine große Lüge, selbst wenn sie aus lauter kleinen Wahrheiten zusammengesetzt ist." Der Folgen dieses Films als Initialzündung einer neuen Geschichtsschreibung und letztendlich eines neuen Selbstverständnisses der Deutschen wird man vielleicht erst Jahre später im vollen Umfang gewahr.


Fahrenheit 9/11

Wohingegen sich Die Passion Christi und Der Untergang als Provokationen gegen landläufige Sichtweisen lesen lassen (Christus' Leben sei vor allem der schauerlich blutrünstige Leidensweg und Hitler sei nun endlich im persönlichsten Detail erfasst und somit auch die Gründe für den Faschismus), erntete zumindest im neuen Europa die womöglich gegenwärtigste der Provokationen die volle Zustimmung des Publikums, das mit ergötzender Genugtuung die Arme öffnete für Michael Moores Fahrenheit 9/11. Moore versteht es, mit Dokumentarfilm Kino zu machen, emotional und massentauglich. Da Fahrenheit aber wie keiner seiner Filme zuvor ein dermaßen überdeutliches politisches Ziel verfolgte, nämlich die Verhinderung der Wiederwahl Georg W. Bushs, ging Moore auf Nummer sicher und verließ sich nicht allein auf sein Markenzeichen des wutschnaubenden Enthusiasten. Fahrenheit 9/11 ist ein Propagandafilm. Und in einer Zeit der Renaissance des Dokumentarischen ist es schmerzlich zu sehen, wenn sich Lügen im Gewand des Aufklärerischen verstecken. Gewiss, auch das ist ein Mythos: dass ein Dokumentarfilm die Wirklichkeit abbilde. Umso dringlicher aber ist es, seine Maßstäbe und Perspektiven offen zu legen, so dass ein jeder selbst entscheiden kann. Dass Bush Michael Moores größter Feind ist, daran hat niemand gezweifelt. Dass Moore aber ignorant genug ist, sein Publikum für dumm zu verkaufen und ihm der eigenständigen Denke zu berauben, das enttäuscht doch sehr - hätte es Moore im Grunde nicht schwer gehabt, seinen diesmaligen Feind argumentativ schachmatt zu setzen.

So ist der Film ein Wirrwarr aus vielen Einzelfakten - verbürgte Wahrheiten, so die Factchecker aus Moores Recherche-Team. Manche Wahrheit ist tatsächlich noch eine Überraschung, und das Bild des infantilen mächtigsten Mannes vor der Schulklasse, als er die Nachricht über den Anschlag aufs World Trade Center vernimmt, bleibt nachhaltig - und letztlich erschütternd. Doch ergeben zig aneinander gereihte Wahrheiten noch lange kein ganzes Bild der Wahrheit - eher ein konfuses Bild des Verschwörungstheoretischen. Überwiegend sind es die scheinbar unbedeutenden Details, die die Liederlichkeiten vor allem in der ersten Hälfte des Films in sich bergen: Dass beispielsweise der Fernsehsender Fox-News durch die frühe Ausrufung Bushs zum Wahlsieger das Wahlergebnis entschieden habe (und damit richtig lag) - was de facto natürlich Nonsens ist. Dass Fox lange Zeit zuvor vehemente Propaganda für Bush betrieb, bleibt dabei freilich richtig. Widerwärtig und bösartig wird es aber vor allem dann, wenn Moore bewusst die Trennung zwischen den Bin Ladens, Osama und den Saudis verwischt und damit allesamt in Sippenhaft nimmt, was hinterhältig in die Kerbe zeitgenössischer Vorurteile haut. Dass Moore auf die billigen Tricks der Emotionalisierung mit dicken Kullertränen trauriger Mütter nicht verzichten wollte, ist für die Meisten hierzulande geschmacklos, gehört aber noch zu den verzeihlichen Details. In jenen Kapiteln, in denen er beklagt, dass immer die Armen für die Kriege der Reichen sterben müssen - stimmt man Moore ohnehin fraglos zu. Fragt man aber einen Zuschauer, was übrig bleibt vom Film an konkreten Argumenten und Zusammenhängen, kommt selten mehr als die diffuse Antwort, dass Bush und Osama, der Terror und der Krieg irgendwie miteinander zusammenhängen, vielleicht sogar alle unter einer Decke stecken.

Die Gefahr ist offensichtlich: Es ist so angenehm leicht, sich zum Kurzschluss verleiten lassen mit der Hoffnung, der Zweck heilige jedes Mittel. Das Medium Film verspielt dabei aber seine Kraft als Kunst, die im Stande ist, essenziell und anhaltend zu bewegen. Was Fahrenheit hinter sich her zog, war nicht mehr als der kurze Aufschrei der Hysterie. Moores Wutanfall verpuffte wie das abtauchende Rumpelstilzchen. Genützt hat es nichts - Bush erhielt so viel Macht wie noch nie. Dem Fortschritt, mit einem Mainstream die Diskussion durch alle Bevölkerungsschichten hindurch zu entfachen, folgte die Ernüchterung, dass nur mit ähnlichen Verleumdungen der Propaganda zurückgeschlagen wurde. Verschenkt ist der Effekt des Umdenkens. Ein solcher Film kommt vor allem einem zugute: der Stabilisierung eines bizarr-schillernden Systems.

Wer Lust hat, sich auf intelligentere Weise mit der Hysterie Amerikas nach dem 9/11 und seiner Kriegspolitik im Allgemeinen zu befassen, dem sei Wim Wenders Land of Plenty und Errol Morris The Fog of War empfohlen.


Muxmäuschenstill

Die legitime und authentische Provokation, das war schon immer eine Tugend, die den Machtlosen vorbehalten war, den Unterdrückten, den Schwächeren - oft genug denen, die im Untergrund leben. Wie aus einem solchen Untergrund erwuchs und gedieh und platzte mit einem Male in die saturierte Kinolandschaft Muxmäuschenstill des Drehbuchautors und Hauptdarstellers Jan Henrik Stahlberg und des Regisseurs Marcus Mittermaier. Obwohl kein deutscher Film mehr ohne öffentliche Fördergelder entsteht, schafften die beiden das Unmögliche, machten wie einst Scorsese bei Taxi Driver aus der Not eine Tugend und realisierten einen Film, der so frisch und frei, so hemmungslos und frech-dreist seit vielen Jahren nicht mehr zu sehen war. Die Hauptfigur Mux ist ein geschniegelter Saubermann, der als Ich-AG in Selbstjustiz Schwarzfahrer, Schwimmbad-Pinkler und Graffitti-Sprayer einer lehrreichen Brutalo-Strafe unterzieht. Dabei balanciert der Film auf so schmalem Grad, dass er es zeitweilig sogar schafft, die Sympathie des Zuschauers für die bösesten, faschistoiden Auswüchse zu gewinnen. In einer einzigartigen Mischung aus Spießigkeit und Brutalität, Humor und sensibler Schauspielerführung, dem Jonglieren mit kulturellen Ikonen und der befreienden technischen Unvollkommenheit ist Muxmäuschenstill ganz und gar vollkommen. Und selbst das schwächelnde Ende lässt nicht vergessen, dass er der vibrierendste Film des Jahres 2004 war. Muxmäuschenstill traut sich sein Publikum zu provozieren und zu verstören, und dafür erntete er nicht nur Beifall. Eine neue Ideologie verordnet er allerdings nicht - das Nachdenken überlässt er uns.

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