Dennis Osmanovic | Drucken22.09.2015 

Der Tod versus die Liebe

Filmkunstmesse: Guillaume Nicloux' „Valley Of Love“ ist ein kleiner Film mit großen Darstellern an einem noch beeindruckenderen Ort − ab März 2016 in den deutschen Kinos

Isabelle Huppert und Gérard Depardieu spielen in „Valley of Love“ ein nur scheinbar getrenntes Schauspieler-Ehepaar (Foto: Verleih)

Es fällt schwer, Schauspieler wie Gérard Depardieu oder Isabelle Huppert in den Schatten zu stellen. Sowohl hinsichtlich ihrer filmischen Leistungen als vielleicht mittlerweile auch wegen Depardieus beträchtlichem Körperumfang. Und doch finden sich diese beiden Größen des französischen Kinos genau dort während Guillaume Niclouxs Valley Of Love im wortwörtlichen Sinne immer wieder. Grund hierfür ist das kalifornische Tal des Todes, das Death Valley, mit seiner so einzigartigen wie tödlichen Landschaft, das sie mit seiner sengenden Hitze wieder und wieder aus dem Sonnenlicht drängt. Und der Tod ist es auch, der die beiden in Form eines getrennten französischen Ehepaares an diesem Ort wieder zusammenbringt.

Acht Monate ist es her, dass sich ihr gemeinsamer Sohn Michael in einem nahegelegenen Motel mit einer Überdosis Tabletten das Leben genommen hat und sie vor seinem Tod in einem Brief bat, sich im November desselben Jahres gemeinsam im Death Valley einzufinden, um ein letztes Wiedersehen mit ihm zu ermöglichen.

Die dazugehörige Familiengeschichte offenbart sich erst im Laufe des Films, der unprätentiös und still die beiden Protagonisten während der Erfüllung dieses Wunsches begleitet. Und so problematisch diese Familiengeschichte gewesen sein mag, so unmissverständlich wird mit der Zeit deutlich, dass die Liebe diese drei Menschen immer miteinander verbunden hat, auch über den Tod hinaus.

Man muss Guillaume Nicloux für seine stille und wunderbar undramatische Inszenierung dieses Plots danken, der unglaubliches melodramatisches Potenzial gehabt hätte (welches sich eventuell doch ein wenig im Titel niedergeschlägt). Indem er jedoch seine beiden Protagonisten meist nah und direkt mit der Kamera begleitet, auf Musik weitgehend verzichtet und sie immer wieder zumindest kurz in Totalen vor der überwältigenden Landschaft des Death Valley positioniert, umschifft er diese Gefahr eines melodramatischen Einschlags. Nicloux legt auf diese Weise einen unverfälschten Blick auf das Spiel von Gérard Depardieu und Isabelle Huppert frei. Dadurch wird rasch auch das Auratische dieser großen Namen paralysiert. Unterstützt wird dies ebenfalls durch den schönen Handgriff, dass die Darsteller im Film ihre eigenen Vornamen besitzen und ebenfalls mehr oder minder bekannte Schauspieler darstellen. Diese Form der Selbstdarstellung zelebrierte Nicloux bereits in seinem letzten Film, Die Entführung des Michel Houellebecq aus dem Jahr 2014, in welchem er den berühmten Autor Michel Houellebecq sich selbst spielen ließ.

Es ist unter diesen Vorzeichen eine große filmische Freude, Gérard und Isabelle zuzusehen, wie sie sich bei der Erfüllung des letzten Wunsches ihres Sohnes sowohl gegenseitig als auch Michael und der einzigartigen Landschaft nähern. Selbige erfährt im Laufe des Films eine gewisse mystische Aufladung, und zaghaft tauchen auch bei den Protagonisten Momente auf, die die Frage aufwerfen, ob diese nur geträumt oder tatsächlich geschehen sind. Durch die Einbettung der Szenerie in einen unmittelbaren US-amerikanischen Kontext, mit dem die beiden beispielsweise in ihrem Hotel immer wieder in Berührung treten, wird jedoch auf angenehme Weise verhindert, dass die Geschichte in einen selbstrefenziellen Raum entgleitet. Die angedeutete metaphysische Note des Films bleibt somit im Gesamtbild nur ein weiteres Detail neben der herausragenden Darstellung der beiden Hauptdarsteller und der einzigartigen Landschaft des Death Valley, auch wenn ihr zum Ende noch ein besonderer Moment eingeräumt wird.

Guillaume Nicloux ist zusammen mit seinen Protagonisten Gérard Depardieu, Isabelle Huppert und dem Death Valley ein wunderbarer und sehenswerter Film gelungen, der nur scheinbar klein ist und eine berührende innere Größe entfaltet.

Valley Of Love

Frankreich 2015, 92 Minuten

Regie: Guillaume Nicloux; Darsteller: Isabelle Huppert, Gérard Depardieu, Dan Warner

Kinostart: 10. März 2016


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