Fabian Stiepert, Verena Lutter | Drucken11.07.2013 

Das Problem mit der Hipster-Ironie

Ein Film, zwei Meinungen: Über die New-York-Komödie „Frances Ha“ von Noah Baumbach

Sophie (Mickey Sumner) und Frances (Greta Gerwig) teilen sich in New York Wohnung und Alltag (Fotos: Filmcoopi)


Kontra - Fabian Stiepert

Zuerst sind da diese beiden jungen Frauen, vermutlich Mitte 20, die ausgelassen in den New Yorker Parkanlagen herumalbern. Sympathisch auf den ersten Blick und somit auch ein Versprechen für einen guten Film. Das Versprechen wird aber schon in dem Moment gebrochen, in dem sich in Noah Baumbachs Frances Ha unterhalten wird.

Egal, welche Figuren miteinander kommunizieren, es herrscht stets eine scheinbar unüberbrückbare Distanziertheit zwischen den Charakteren, die immer nur mit dem naheliegendsten rhetorischen Mittel kaschiert wird, um doch eine scheinbare Nähe aufbauen zu können: Ironie. Man darf also auch bei Frances Ha den ewigen Vorwurf der selbstzweckhaften Ironie in der Hipsterbewegung laut ausrufen. Was das schlimmste ist: Die unabschüttelbare Verstellung der Personen in Sprache und Gestus wird in diesem Film nicht einmal ansatzweise kritisch beleuchtet. Am Ende ist sie sogar der Kitt, der die zeitweise zerbrochene Freundschaft zwischen Frances und Sophie wieder zusammenfügt. Wann sonst würde man bei einem versöhnlichen Gespräch unter zwei Frauen darauf hinweisen, dass die andere doch bitte ihre Socken ausziehen solle (lapidar instruiert mit den Worten „You know, it's socks in bed!“)?

Wo Tom Schilling im durchaus zu Recht gefeierten Oh Boy einen Slacker verkörpern durfte, der für sein Nichtstun keinen großartigen Aufhänger brauchte, so spielt Greta Gerwig als Frances eine Sinnsuchende der Sinnsuche halber, um sich am Ende selbst auf die Schulter klopfen zu können. Zwischenzeitlich fragt man sich auch einfach nur, wieso Frances nicht in eine andere Stadt zieht, in der man nicht alleine schon 1200 Dollar braucht, um seine Miete zu bezahlen. Die Frage stellt sich erst recht, da kein echter Funke Leidenschaft in ihr zu glimmen scheint, wenn sie ihrer Berufung als Tänzerin und Tanzlehrerin nachgehen darf.

Man kann sich bei solchen in seiner emotionalen Logik nicht schlüssigen Geschehnissen des Eindrucks nicht erwehren, dass sich Regisseur Baumbach doch ein wenig in seine blonde, quirlige Hauptdarstellerin verliebt hat. Sonst hätte sie wohl kaum am völlig ziellosen Drehbuch und den zeitweise fremdschamlastigen Dialogen („I know her. I fucked her little brother!“) mitwerkeln dürfen. Oder um auch auf die Vorbilder für diesen Film zurück zu greifen: Baumbach wäre gerne Woody Allen und Greta Gerwig seine Diane Keaton. Aber stotternd-unsicher vorgetragene Pointen (die eigentlich keine sind; schlimm genug, dass Sophie Frances mehrfach ein „You're so funny!“ laut lachend um die Ohren hauen muss) machen noch lange keinen guten Film und schon gar nicht eine gute Komödie. Selbst in Allens Frühwerken merkt man, dass der begnadete Chronist New Yorker Befindlichkeiten sein Handwerk im Gagschreiben von der Pike auf gelernt hat.

Frances Ha ist schlicht und ergreifend ein absolut krampfhafter Film, der in jeder Sekunde versucht cool und vintage zu sein, dabei aber nur unnötig hektisch vorgeht und in seiner Schludrigkeit seine Vorbilder beleidigt. Die Kernaussage des Films ist dabei so allgemein bekannt wie simpel. Wer noch nicht wusste, wie teuer es ist, zu den coolen Einwohnern New York Citys zu gehören, für den wird ― Vorsicht, Ironie! ― das Ansehen von Frances Ha mit Sicherheit zu einer Erfahrung von purer existenzieller Dramatik. Wer bereit ist, hinter die Fassaden von Ironie, Geschwätzigkeit und cooler Pose zu schauen, der wird sich bei diesem Film immer wieder an den Kopf fassen und entsetzt denken, dass hinter 86 Minuten voller schöner Bilder einfach gar nichts steckt.

Als Sophie auszieht, kommt Frances bei Miles (Adam Driver) und Benji (Michael Zegen) unter


Pro - Verena Lutter

„I like things that look like mistakes.“ Frances (Greta Gerwig) lebt in New York, kann gerade so ihre Miete bezahlen, und ihre Karriere als Tänzerin ist eigentlich gar keine. Statt selber zu tanzen, gibt sie Kurse für Kinder. Und ihr Freund sucht bereits in den ersten Filmminuten das Weite, weil ihm das Zusammenziehen nicht schnell genug gehen kann. Luxusprobleme eines trotzdem fast immer gut gelaunten Mittelstands-Mädchens? Ja, vielleicht. Aber Frances Ha ist trotzdem kein überflüssiger Film.

Regisseur Noah Baumbach (The Squid and the Whale, Greenberg) porträtiert eine Generation von Endzwanzigern der sogenannten Kultur- und Kreativwirtschaft, die sich mehr oder weniger prekär durch ihren Alltag schlängelt. Er hätte seinen Film auch in Berlin oder Leipzig drehen können. Dass viele Figuren (allen voran Frances' zeitweiliger Mitbewohner Miles, gespielt von Adam Driver) nicht mehr als selbstbezogene Hipster sind, mit denen man auf keinen Fall befreundet sein möchte (auch nicht mit Frances' Busenkumpeline Sophie, der der Traum von einer neuen Wohnung im In-Stadtteil Tribeca wichtiger als die Fortführung des Zusammenlebens mit Frances ist) ― geschenkt. Denn die Heldin des Films hebt sich davon angenehm ab. Und hält ihrer Umgebung dadurch (unfreiwillig) einen Spiegel vor.

Greta Gerwig spielt Frances als offenherzige, aufrichtige und für eine Tänzerin eigentlich etwas zu grobmotorige junge Frau, die sich nicht hinter coolem Getue versteckt. Beim Tischgespräch mit Freunden ihrer neuen Mitbewohnerin gibt sie offen zu, dass sie nicht zu den Gewinnern gehört („Because I don't really do it“). Sie hat auch kein Problem damit, vorübergehend einen Job an ihrer alten Universität anzunehmen, für den sie eigentlich völlig überqualifiziert ist (aus Sicht ihrer stets nach Höherem strebenden Bekannten wäre das wahrscheinlich völlig inakzeptabel). Und sie ist ein zutiefst großzügiger Charakter, schaut über Miles' ständig wechselnde Eroberungen genauso hinweg wie über Sophies „Ich will noch hipper sein als ich es sowieso schon bin“-Allüren. Alles Gründe, um diese Frances gern zu haben. Dazu noch ein wunderbar beschwingter Soundtrack, der diesen leichten, aber nicht seichten Schwarz-Weiß-Film begleitet (herrlich etwa das „Everyone's A Winner“ von Hot Chocolate, während Frances gerade gar nicht siegertyp-mäßig über die Leinwand stolpert).

Die Hipster-Ironie, mit der der Großteil des Personals in Frances Ha auf das Leben schaut, ist zweifellos ein hervorstechendes Merkmal des Films. Auch Frances greift hin und wieder zu diesem Mittel, um sich für ihre Umgebung unangreifbarer zu machen. Aber lässt sich das den Figuren wirklich als Charakterfehler ankreiden? Nein. Denn es ist eine verständliche (und damit keineswegs selbstzweckhafte) Reaktion darauf, mit dem unerreichbaren Ideal von einem Joghurette-leichten Leben umzugehen.

Frances Ha

USA 2012, 86 Minuten

Regie: Noah Baumbach; Darsteller: Greta Gerwig, Mickey Sumner, Adam Driver, Michael Zegen

Kinostart: 1. August 2013


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