Sarah Schramm | Drucken23.09.2011 

Ein Stück Glückseligkeit

Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2011, Platz 3 für Sarah Schramm – Der Dokumentarfilm „Dem Himmel ganz nah“ beschreibt in wehmütigen Bilden den Untergang der Hirtenkultur

Filmstill (Copyright: Bernd Fischer)

Mit zittrigen Bewegungen versucht ein neugeborenes Lamm, sich zum ersten Mal aufzurichten. Bevor es fällt, greift die Hand eines Mannes nach ihm, legt das ängstliche Lamm behutsam zu seiner Mutter. Dort saugt es zaghaft jene Kraft in seinen kleinen Körper, die es zum Leben brauchen wird. Erneut versucht das Neugeborene, auf die Beine zu kommen – und bleibt stehen. Ein Moment des Glücks, ein kleines Naturwunder, eine Momentaufnahme im Dasein der transsilvanischen Hirten in den Karpaten.

Gemeinsam leben dort Mensch und Tier im Einklang mit den unendlichen Weiten der unberührten Natur. Sie bilden einen großen Organismus, dessen Teile einander bedürfen und beeinflussen. Es sind Szenen einer beruhigenden Idylle, eines ursprünglichen Zusammenhaltes – Bilder, die uns Welten entfernt scheinen.

Titus Faschinas Dokumentarfilm Dem Himmel ganz nah löst den Zuschauer aus dem Alltag und entführt ihn in einen völlig anderen, fernab des Bilderstroms der Reizüberflutungsgesellschaft. Eine ruhige Kamera (Bernd Fischer) erzählt eine schwarzweiße Geschichte des alten Europas und bewahrt sie somit vor dem Verblassen. Eine Geschichte, von Menschen zwischen Tradition und Zukunftsängsten – die der Familie Stanciu.

Dumitru, Maria und ihr Sohn Radu Stanciu sind eine der wenigen verbliebenen transsilvanischen Hirtenfamilien. Sie leben in der Wildnis der Karpaten, genießen die Freiheit und sind doch einsam. Mit Dorf und Kirche treten sie nur selten in Kontakt. Ihr Dasein ist ihren Schafen gewidmet – ihrem täglich Brot, ohne das sie im unaufhaltsam voranschreitenden Kosmos unserer Zeit untergingen.

Im Kontrast zur Beschleunigung des Lebens stehen weite, menschenleere Bilder der endlosen Karpaten: erhabene Hügel und Täler, unberührte Wiesen und steinalte Bäume – all das, wonach sich mancher Großstädter sehnt. Der Wechsel von totalen Naturaufnahmen und nahen Einstellungen tätiger Individuen verdeutlicht Einklang, suggeriert eine heile Welt. Doch der Schein trügt. Auch oder gerade dort kämpft man ums Überleben. In einem Teil der Europäischen Union geht, fern von Anti-Atomkraft-Debatten, Euro-Rettungsschirmen und Smartphones einer der ältesten Berufe der Menschheit unter. Unauslöschlich aber ist die

Hirtenkultur nicht. Sie hinterlässt Spuren. Überbleibsel, denen der Film nachgeht – sie weiterträgt.

Familie Stanciu tritt in die Fußstapfen ihrer Vorfahren. Im Zyklus der Natur ist sie vom Wetter abhängig. Aufschub gibt es nicht – sonst bleibt der Teller leer. Faschinas Film dokumentiert ein Jahr des Hirtenalltags dieser Familie, lässt uns eintauchen in die Bilder eines anderen, fast himmlischen Ortes.

Im Sommer gibt es reichlich zu tun. Dumitru Stanciu hütet die Schafe, schert und melkt sie. Seine Frau verarbeitet das Material, stellt Käse her. Vater und Sohn sensen das Gras der weiten Wiesen, denn es wird im Winter als Futter benötigt. Dabei herrscht eine meditative Stille. Nichts als das Geräusch des Sensens ist zu vernehmen. Es sind die Klänge und Impressionen der Natur, die diese ganz besondere Stimmung des Films ausmachen. Bild und Ton kreieren etwas Ursprüngliches, sind besonders, gerade weil sie so dezent sind. Ein einsamer, kahler Baum, das Dach der Stanciuschen Hütte, davor ein in Dunkelheit gehüllter Hügel: Gemächlich hebt sich die Sonne hervor, breitet ihre Strahlen über das Bild aus und hüllt die Szenerie in ihr warmes Licht. Ein unglaublicher Filmmoment, ein vergänglicher, der schlichtweg glücklich macht. Um dieses Glück Tag für Tag erleben zu können, arbeiten die Stancius hart. Mit dem Einbruch des Herbstes zerfällt allmählich das Leben; man bereitet sich auf den Winter vor. Es regnet, das Wetter lädt zum sitzen vor dem Feuer. Raum zur Rast aber bleibt nicht – die Zeit lässt sich nicht aufhalten.

Die Kamera dokumentiert das Voranschreiten; die Prozesse, Kreisläufe, große und kleine Veränderungen im Leben der Hirtenfamilie. Seien es die Käseherstellung vom Melken der Schafe bis zum fertigen Produkt oder die Geburt eines Lammes mit dem Blick auf den Tod eines anderen. Über alldem steht die Frage danach, wie lange diese Zyklen noch andauern werden: Wie lange wird der Hirtenbetrieb die Stancius noch nähren können? Wie wird es für Radu nach dem Tod der Eltern weitergehen? Bald wird alles wieder sprießen, Lämmer werden geboren, der Acker umgegraben. Aber was geschieht im nächsten Jahr und im darauf folgenden? Veränderung und Beschleunigung – die Moderne hält Einzug in die Karpaten. So erzählt Dumitru Stanciu davon, wie nach und nach alle Hirtenfamilien der Umgebung ihre Tätigkeit aufgaben, ins Tal zogen, um eine neue Existenz zu gründen. Wird auch er aufgeben müssen? Wer weiß schon, was die Zukunft bringt!

Dem Himmel ganz nah lässt uns zumindest für 90 Minuten nicht darüber nachdenken, was unsere Zukunft bringen wird oder was wir noch alles erledigen müssen. Der Film nimmt Geschwindigkeit und schafft dabei etwas Zeitloses, vielleicht einen Sehnsuchtsort. Als der Abspann läuft, hätte man Grund, glücklich und traurig zugleich zu sein. Glücklich darüber, dass es solche völlig anderen Orte noch gibt; traurig aber, dass sie allmählich zerstört werden. Ich jedenfalls verlasse den Kinosaal ruhig und in mich gekehrt – bin mit dem Kopf in den Karpaten und den Füßen in der Leipziger Innenstadt.

Dem Himmel ganz nah

Deutschland/Rumänien 2010

Regie: Titus Faschina

mit: Dumitru, Maria und Radu Stanciu

Kinostart: 13. Oktober 2011

Gesehen: 5. September 2011, Passage Kinos Leipzig

Rückblick auf die Verleihung des Friedrich-Rochlitz-Preises für Kunstkritik 2011

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