| Drucken13.12.2006 

Geheimtipp mit Gehalt: „Mondscheinkinder” (Vicky Noack)

Mondscheinkinder
Regie: Manuela Stacke
Kamera: Alexander Sass
Mit: Leonie Krahl, Lucas Calmus,
Lucas Hardt & Renate Krößner
Deutschland 2006
Länge: 86 Min.
Kinostart: 16. November 2006
Vom Leben jenseits des Lichts

Dunkelheit umgibt ihn. Die Bürgersteige sind hochgeklappt. Auf dem Spielplatz begegnet ihm keine Menschenseele. Seine Freunde schlummern längst in ihren Betten. Allein der stille Schein des Mondes wird zu seinem Begleiter. Es ist tiefste Nacht. Erst dann darf der kleine Paul (Lucas Calmus) endlich das Haus verlassen. Der Junge ist ein ganz besonderer Mensch. Paul ist ein Mondscheinkind.

Der Titel Mondscheinkinder mag allegorisch klingen. Doch verheißt diese Bezeichnung nichts Gutes. Im Gegenteil - sie steht für eine Krankheit, die abstempelt und ausgrenzt. So werden Menschen bezeichnet, die an Xeroderma pigmentosum (XP) leiden. Dabei handelt sich um eine erblich bedingte Hautkrankheit, bei der Sonnenlicht zu Veränderungen am Erbgut führen und Hautkrebs hervorrufen kann. Um zu überleben, ist Paul gezwungen, das Sonnenlicht und - man könnte meinen - auch das Leben zu meiden. Traurige Aussichten. Allerdings geht es hier nicht um die bloße Dokumentation einer leidivollen Krankheitsgeschichte. Im Gegenteil, im Zentrum des Films steht ein kleiner Mensch in auswegloser Situation, der einen unglaublich starken Lebenswillen offenbart. Ergebnis ist ein realistisches Märchen, sensibel zusammengestellt aus den Komponenten Menschlichkeit, Freundschaft und der Kraft der Phantasie.

Die Flucht vor dem Sonnenlicht macht Paul zum Gefangenen. Das Eingesperrtsein gehört ebenso zu seinem Alltag wie die Reisen in seine Phantasiewelt. Plötzlich findet sich der Zuschauer auf einem atemberaubenden Flug durch das tiefblau verzauberte Weltall wieder. Mitgerissen von der Sogwirkung dieses Filmes steuert er gemeinsam mit dem Astronauten Paul entfernte Galaxien an. Dieser entschwindet täglich dorthin in Begleitung seiner Schwester Lisa (Leonie Krahl). Deren erfundene Geschichten werden zu seinem Lebensmittelpunkt. Denn die 12-Jährige baut die Brücken zwischen Traum und Realität. Als sich die Schwester verliebt und daraufhin ihrem Bruder immer mehr entgleitet, schlägt dieser Alarm. Dann entpuppt sich der süße Sympathieträger zum fiesen Egozentriker oder cleveren Quälgeist, der seiner Umwelt gehörig auf der Nase herumstolziert. Mit frechen Streichen macht er einer völlig überforderten Mutter und einer zwischen erster Liebe und Loyalität hin- und hergerissenen Schwester solange das Leben schwer, bis die Krankheit ihn einholt. Unglaublich souverän tritt der mutige kleine Held seine wirklich letzte Reise an - mit einer Selbstverständlichkeit, der man mit Worten schwer gerecht werden kann.

Dieser Film ist ein Geheimtipp. Nicht allein deshalb, weil er eine nahezu unbekannte Krankheit thematisiert, sondern weil die Charaktere allesamt glaubwürdig und erfrischend authentisch wirken. Abgesehen von den Animationssequenzen setzt die Regisseurin den Focus auf die Menschen. Eine durchaus kluge Entscheidung. Denn die Handkamera führt dem Zuschauer das Schicksal des kleinen Paul direkt vor Augen. Wegschauen wird zur Unmöglichkeit. Die entstehende Nähe verweigert sich jedem Pathos und trifft mitten ins Herz. Dort stellt sich eine Beengung ein, die man nur schwer wieder los wird.

Das filmische Ganze erscheint dann, trotz zwischengeschalteter, minimalistisch gehaltener Animationssequenzen, sehr stimmig, sodass sich am Ende alles zueinander fügt. Junges deutsches Kino in recht unspektakulärer Verpackung. Dafür aber mit wertvollem Inhalt.(Vicky Noack)

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