Carmen Orschinski | Drucken | Kommentar (1)10.04.2013 

Der Künstler und die Übelkeit

Evelyn Schels schafft in ihrem Dokumentarfilm über Georg Baselitz der Entinhaltlichung des Kunstmarkts ein würdiges Porträt

Der Künstler bei der Arbeit (Fotos: Alamode Film)

Martin Kippenberger ist deutscher Künstler. Martin Kippenberger ist seit 1997 tot. Martin Kippenberger äußerte sich einst über Baselitz wie folgt: „Gute Künstler, die nett aussehen und nett malen, sind ganz einfache Menschen. Auch hier leuchtet wieder das Beispiel Lüpertz und Baselitz auf. Die haben sich alles angeeignet, was es an Informationen gibt, über Möbel, Maltechnik, Stiche-Sammeln und Auf-dem-Schlößchen-Leben, und die Frau trägt den ganzen Tag Chanel.“

Evelyn Schels schafft mit ihrer Dokumentation Georg Baselitz ― wenn auch invitus ― eben jenem, von Kippenberger beschriebenen Baselitz, ein würdiges Portrait. Anlass zum Film bot die lange Freundschaft des Ehepaares B. und Schels sowie die Dresdner Ausstellung im Jahr 2009. Zu der dann aber keiner kam. „Ich hatte zwei große Ausstellungen in Dresden, da lief niemand hin. In Dresden sind lauter Touristen auf der Straße, aber die gehen lieber in das Grüne Gewölbe oder zu den alten Meistern. (...) Ich finde, zu unserer Zeit gehört unsere Musik, unsere Kunst. Wenn die nicht vorkommt, dann muss das Publikum blöd sein“, so Baselitz, nicht im Film, aber in einem Interview mit Spiegel online Anfang des Jahres.

Warum lässt Schels ihn dazu nicht zu Wort kommen? Er scheint ja was zu sagen zu haben. Also lieber doch nicht Dresden. Anlass genug scheint aber zu bleiben, um den „größten und radikalsten und kompromisslosesten Künstler“ (Schels) filmisch beschreiben zu müssen. Eine Dokumentation hat es schwer, spannender zu sein als ihr zu dokumentierendes Material. Unspannender ist da schon leichter. Und so nimmt uns Schels mit auf eine 105-minütige, langatmige, uninspirierte und -inspirierende Reise. Mit nach Deutschbaselitz und zu Nazi-Papa. Mit nach Westberlin, nach Imperia und New York, wo Spross zwei sich den Vorwurf, des ihm nicht zuteil gewordenen Vaterglücks, nicht verkneifen kann. Und auch der Ammersee darf nicht fehlen. Dort schaut man dem „privaten“ Baselitz minutenlang zu, wie er vor seinen Bildern dahindefiliert, während Frau Elke versucht, die kleine Kompaktkamera zu bedienen, um noch mehr Baselitz für die Nachwelt festzuhalten. Und überhaupt: Was ist Elke für eine Figur? Selbst studierte Grafikerin, ist sie nun nicht mehr als ein hübsch zurecht drapiertes Schoßhündchen, welches allein der Befriedigung des Künstlers Eitelkeit dienlich ist.

Georg Baselitz und seine Frau Elke

Vom Œuvre des Künstlers bekommt man wenig, da zu viel mit. Klatscht Schels den Zuschauer doch förmlich an die Leinwand. „Ganz nah dran“ zu sein hat die Regisseurin in diesem Fall leider zu wörtlich genommen. Ständig sieht man die Kamera nur wenige Millimeter übers Kunstwerk schaben, sodass das Betrachten der Bilder auf der Kinoleinwand in physische Marter ausartet. Schenkt man dem „einfühlsamen Portrait“ also Glauben, ist das Radikalste an Baselitz, dass er die Banalität seiner Motive nicht mehr ertrug und sie fortan auf den Kopf stellte. Das Kompromissloseste die Liebe zu seiner Frau. Und das Größte, sein Wunsch, die Nummer eins auf dem Kunstmarkt zu sein.

Gerhard Richter sagte einst, der Künstler sei eher Titel als Berufsbezeichnung. Allein das Wort löse immer noch hohes Ansehen aus. Glanz und Elend verbindet man mit ihm, verwirklichte Freiheit und beispiellose Unabhängigkeit. Abgehoben und abenteuerlich mutet das Leben der Künstler an. Die Künstler sind die wirklich Kreativen und Genialen, ihr Ruhm und der ihrer Werke basiert auf ihren begnadeten Fähigkeiten, auf der leidenschaftlichen Hingabe an ihre Arbeit, die sie mit Intuition und Intelligenz für die Gemeinschaft leisten. Sie sind immer fortschrittlich und gesellschaftskritisch, immer auf der Seite der Unterdrückten, und egal ob sie arm oder reich sind, sie sind immer privilegiert.

Man kann verstehen, dass jeder Künstler sein möchte und nicht die Schande eines einfachen Berufes tragen will. Aber irgendwann wird die Gesellschaft ihr Bild vom Künstler korrigieren, wenn sie merkt, wie einfach es geworden ist, Künstler zu sein und irgendetwas auf die Leinwand oder daneben zu setzen, das für alle unverständlich und deshalb unbegreifbar ist, wie einfach es ist, sich wichtig zu machen und in Szene zu setzen, um tatsächlich alle Leute und sich selbst zu betrügen. Spätestens dann wird der Titel „Künstler“ Übelkeit auslösen. Wir haben es geschafft!

Georg Baselitz

Deutschland 2012, 105 Minuten

Regie: Evelyn Schels; Mitwirkende: Georg Baselitz

Kinostart: 11. April 2013


Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Jule Kunst schrieb am 26.06.2014 um 22:53 Uhr:

Was für ein eitler Kommentar von jemandem, der sich zumindest mit Baselitz nicht wirklich befasst hat. Und Filme sind nur so gut wie diejenigen, die sie machen (Konzept, Fragestellungen, Materialauswertung, Kamera & Schnitt...).

PS: Warum haben Frauen so gerne das Bedürfnis andere Frauen zu schmähen? Frauen von erfolgreich Kunstschaffenden dürften nur selten "Schoßhündchen" sein, denn es gibt in deren Umfeld genug zu tun und nicht selten tragen sie zu Erfolg bei - nur eben im Hintergrund.

 
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