Mascha Golda | Drucken10.04.2013 

„We had a dream, that we would always be best friends“

Ein Film über Haben und Sein: „Ginger & Rosa“ von Sally Potter

Schneeweißchen und Rosenrot in den Sechzigern: Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert), Fotos: Verleih

Es gibt Filme, die nur verlieren können, wenn man über sie schreibt, nämlich an Intensität, Emotionalität und Aussagekraft. Ginger & Rosa gehört dazu. Dieses ausdrucksstarke und gleichzeitig höchst sensible Drama besticht durch seine Charaktere und Vielschichtigkeit und ist nicht nur deswegen absolut sehenswert. In poetischen Bildern nimmt uns die englische Regisseurin Sally Potter mit in ihre Heimatstadt London und lässt uns teilhaben am Leben von Ginger und Rosa. Obwohl Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert) nicht nur optisch durchaus gegensätzlich erscheinen, pflegen Sie eine Mädchenfreundschaft, wie sie uns aus vielen Filmen und Büchern bekannt ist. Sie sind wie Schneeweißchen und Rosenrot in den Sechzigern. Es wird getrunken, geraucht, geküsst, gebadet, geschwänzt, geredet … und all das vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Während die politische Stimmung immer mehr eskaliert, sind sich Ginger und Rosa in einem absolut einig: Niemals so zu werden wie die eigenen Mütter.

Allerdings hat Ginger etwas, was Rosa nicht hat. Einen Vater. Roland (Alessandro Nivola), Pazifist und Freidenker aus Überzeugung, tut sich allerdings schwer mit seiner Rolle als liebender Familienvater und Ehemann. Er überzeugt stattdessen mit großen Worten über Freiheit, Liebe und Leben: „The only life is, the one we have now!“ Dieses weiß Roland zu nutzen und beeindruckt auf diese Weise nicht nur Ginger, sondern auch deren Freundin Rosa. Weniger beeindruckt als verletzt vom Leben des vermeintlichen Bohémiens zeigt sich seine Frau, Gingers Mutter Natalie (Christina Hendricks). Als es zur Trennung zwischen ihm und Natalie kommt, bezieht Ginger bei Roland und dem befreundeten Paar Mark (Timothy Spall) und Mark II (Oliver Platt) ein kleines Zimmer in der Hoffnung, ihrem Vater näher sein zu können. Doch schnell wird klar, dass die Hoffnung auf ein freieres und schöneres Leben als junge Poetin mit politischen Ambitionen unter der Obhut ihres Vaters nicht hält, was es verspricht.

„I had loved you, Rosa, but we are different. You dream of a lasting love, not me.”

Rosa, die mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Geschwistern aufwächst, fühlt sich Roland zutiefst verbunden und offenbart Ginger bald unverhohlen, dass sie in deren Vater verliebt sei. Roland, der sein Verhältnis zu Rosa offen auslebt, bemerkt nicht, wie sehr seine Tochter darunter leidet, die zunehmend unter dem Druck des Schweigens kaputt zu gehen droht. Von den gravierenden Umwälzungen in ihrem Leben gezeichnet, beschließt Ginger, sich aktiv im Kampf gegen den atomaren Widerstand einzusetzen.

„I think we should do something. You know … protest. The whole world can be blown to pieces in a minute.”

Die Figuren des Films zeigen uns auf ganz unterschiedliche Art und Weise ihre jeweilige Version des Besser-Lebens auf, deren Gegensätze und Gemeinsamkeiten sie aneinander binden und gleichzeitig voneinander abstoßen. Ob schwarz oder weiß, gut oder böse: Es gibt das eine nur, wenn es das andere gibt. Ginger ist das Dazwischen, der Klumpen Ton, der von allen geformt werden will, während sie sich zu dem entwickelt, was sie längst ist: eine Persönlichkeit von außerordentlicher Stärke, die versucht, ihren ganz eigenen Weg zu gehen.

Die Hauptfiguren wollen auf keinen Fall so werden wie ihre Mütter: Heimchen am Herd

Der Konflikt zwischen individuellem Verlangen sowie dem Bestreben nach Selbstbestimmtheit und Freiheit steht dem familiären (kollektiven) Bedürfnis nach innerem Frieden, Ruhe und Einklang gegenüber. Rechtfertigen die eigenen Erlebnisse, Ängste und Wünsche (unbewusste) die psychischen Demütigungen des eigenen Kindes? Aber wie glücklich kann ein Kind sein, wenn die Eltern auf ihr eigenes Glück verzichten? Der Film zeigt auf berührende Weise, dass die Zeit nicht alle Wunden heilen kann. Im Gegenteil. Und schmerzlich wird klar, welch unwiederbringlicher Verlust dabei entsteht. Es gibt immer ein zu spät. Ein zu spät um zu verzeihen. Ein zu spät für: „Es tut mir leid …“

Die Bilder des Films unterstreichen den Handlungsverlauf. Räume werden so gut wie nie im Ganzen gezeigt, was uns die Möglichkeit bietet, die Themen des Films weniger zeitgebunden zu betrachten. Es kommt einem wie die Aufforderung vor, sich, ebenso wie Ginger, nicht einzurichten in den Zimmern und Räumen der Geschichte. Alles ist einem Wandel unterworfen, auf dessen Verlauf die Protagonistin, trotz aktivem Widerstand, scheinbar keinen Einfluss hat. Alles außerhalb der Räume endet in einer Endlosigkeit, in einer nicht zu begreifenden Weite, die Freiheit suggeriert, aber auch Angst einflößt. Es gibt keinen Halt. So etwa das Meer, auf dem Ginger, Rosa und Roland eine Nacht im Sturm verbringen. Das, was zuvor noch als schöne Idylle und Wiege des Glücks daher kommt, erweist sich als ein grausamer Ort des Nicht-Entfliehen-Könnens.

Der Film zeigt uns, auf welch wackeligen Beinen das Konstrukt Familie und das der Freundschaft stehen und wie schnell „Liebe“ auf Kosten anderer zur Bombe wird in einem familiären Kalten Krieg. Hier geht es um Rollen, Macht und Ohnmacht, Stärke und Schwäche, Verlangen und Sattsein, es geht um Verlust und Gewinn, Freiheit und Befangenheit. Wenn einer glücklich ist, sind es die anderen nicht zwangsläufig auch. Und sind die anderen glücklich, ist das nicht das Glück des Einzelnen. Dieses Dilemma zeigt der Film auf ganz verschiedenen Ebenen.

Jedem sei ans Herz gelegt, diesen Film im OmU zu sehen, denn Worte wie „I explode if I say it“, klingen nur aus dem Munde Elle Fannings’ so erschütternd, dass es einem fast das Herz zerreißt.

„What is it, you can’t say, Ginger? What can’t you say?”

Ginger & Rosa

GB/Dänemark/Kanada/Kroatien 2012, 90 Minuten

Regie: Sally Potter; Darsteller: Elle Fanning, Alice Englert, Alessandro Nivola, Annette Bening, Timothy Spall, Oliver Platt, Christina Hendricks

Kinostart: 11. April 2013


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