Tobias Prüwer | Drucken22.11.2007 

Von unbeugsamer Lebenslust

Großartige Leinwandadaption: „Persepolis”

I'm running free yeah, I'm running free.
I'm running free yeah, Oh I'm running free.
Iron Maiden: Running free

Was fällt uns zum Iran ein? Nun, das ist ein Land voller Antisemiten, in welchem Steinigungen an der Tagesordnung sind und das von einem Mann angeführt wird, dessen Name mit A beginnt und im Zungenbrecher endet. So oder ähnlich werden viele antworten, schließlich wird dieses Bild medial vielfach vermittelt. Dass die Wahrheit komplizierter ist, zeigt Persepolis und bringt neben einer großartigen Story auch ein Stück Zeitgeschichte auf die Leinwand.

Basierend auf den Graphic-Novels von Marjane Satrapi erzählt der Film von der jungen Iranerin Marjane. Mit der Kindheit in Teheran beginnend, wird ihr Weg nachgezeichnet durch Krieg, Koran und Kulturschock. Zu Zeiten der Iranischen Revolution geboren, welche ihre Eltern unterstützten, wird Marjane von diesen später schweren Herzens nach Westeuropa geschickt, um staatlicher Kontrolle und Repression zu entgehen. In den Wiener Schultagen wohnt sie zunächst in einem katholischen Mädchenheim, aus dem sie aber bald rausfliegt. Sie findet bei Hippies, Punks und anderen Alternativen Aufnahme, bleibt aber doch die wirkliche Exotin. Marjane ertappt sich schließlich dabei ihre Herkunft zu verschweigen, was sie zurück in den Iran treibt. Sie beginnt dort mit dem Studium der Kunstgeschichte und lebt mit Gleichgesinnten die heimliche, weil illegale Boheme: Man trifft sich nächtlich in Privatwohnungen, trinkt Alkohol, tanzt. Den obligatorischen Schleier kann frau hier kurz ablegen. Das sind aber nur kleine Freiräume im das Leben erstickenden Alltag, aber besser als nichts: "Vor lauter Suche nach dem Glück vergaßen wir, dass wir nicht frei waren." Die Verdrängung gelingt nur kurzfristig und auch der Hafen der Ehe erfüllt die Hoffnungen nicht. Als geschiedene Frau besonderer Verachtung und Bedrohung ausgesetzt, verlässt sie schließlich erneut das Land. Die nun 24-jährige landet auf dem Pariser Flughafen und schaut ihrer ungewissen Zukunft entgegen.Persepolis ist zugleich biographische Erzählung und Geschichte der Iranischen Revolution und ihren Folgen. Während Marjane weder hier noch dort ihren Platz findet und das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen erfährt, gibt der Film Bericht von einem Iran, den das westlich konditionierte Auge selten sieht. Es sind eben nicht alles ungebildete Bauern, die einen schurkischen Gottesstaat aufbauend an der Achse des Bösen feilen. Auch hier sind die Dinge komplexer als man meint. Gerade Persepolis gelingt es mit simplen Mitteln, dies zu vermitteln. Die Stimmung der Comicvorlage vortrefflich wiedergebend, sind die gezeichneten Bilder fast ausschließlich in Schwarz-weiß und pastellenen Grautönen gehalten und auf einfache Striche und monochrome Flächen reduziert. Vom realistischen Spielfilm beeinflusst, verzichteten die RegisseurInnen (Marjane Satrapi & Vincent Paronnaud) auf Anime-Effekte und künstliche Rasanz und erzählen stattdessen ruhig aber pointiert. Besondere Ausdrucksstärke gewinnt das Werk durch das Zusammenspiel von Bild und gesprochenem Wort. Der lakonisch gehaltene Kommentar der Icherzählerin (Synchronstimme: Jasmin Tabatabai) tut sein Übriges.

Der Film lebt insbesondere von der wunderbar entworfenen Hauptfigur Marjane: Erst Mädchen, dann junge Frau, sucht sie tatenhungrig und neugierig nach einem selbst bestimmten Leben, das sie weder im Iran, noch in der Ferne finden kann. Als Mädchen träumt sie davon, sich später einmal die Beine zu rasieren und Prophetin zu werden. Als Teenagerin stapft sie trotzig mit einem "Punk is not Ded" (sic!) auf der Jacke durch Teherans Straßen und besorgt sich Iron-Maiden-Tapes auf dem Schwarzmarkt. Sie zeigt sich bestürzt und verwundert, wenn ihre Wiener Freunde im satreschen Jargon über die Sinnlosigkeit der Existenz diskutieren, während in der Heimat Menschen ihr Leben für die Freiheit opfern. Und sie gibt sich rebellisch, wenn im Studium Botticellis Venus mit schwarzen Balken zensiert wird und das Modell für anatomische Studien bis auf das Gesicht verhüllt wird. Und sie stellt permanent das patriarchale Korsett der Gesellschaft in Frage. Beistand erfährt Marjane durch die großherzige und Lebens weise Großmutter, die auch in ihren Träumen erscheint, ihr Mut macht, aber auch mit kritischem Auge betrachtet. Und ihr immer wieder rät, sich treu zu bleiben.

Episodenhaft, in den Erinnerungen von Marjanes Großmutter und Eltern, tauchen die Schicksale vieler Freunde und Verwandte im Film auf, dieser wird zu einem großen, aus kleinen Steinchen zusammengesetzten Mosaik. So erfährt man parallel zu Marjanes Lebensweg, wie nach der blutigen Revolution plötzlich jeder und jede WiderstandskämpferIn war und wie auch dieser Umsturz begann, seine Kinder zu fressen. Das gewalttätige Regime war von einem neuen gewalttätigen Regime abgelöst worden. Der Iran wandelte sich zum islamistisch geprägten System und auf einmal kontrollierten selbsternannte, bornierte "Revolutionswächter" den Alltag. Die entstehende Theokratie verfolgte nun alle fortschrittlich oppositionellen Kräfte, Intellektuelle und Linke wurden weggesperrt und ermordet. Der auch vom Westen forcierte Krieg mit dem Irak radikalisierte den Staat im Innern weiter und machte Verfolgung und Repression total. Binnen zweier Jahre änderte sich das Gesicht des Landes: Der Schleier wurde prägnantes Symbol. Die Straßen trugen nun die Namen von Märtyrern - und das waren viele. Hier verankert der Film die kleinen Widerständigkeiten. Die winzigen Freiräume, die sich die Menschen trotz aller Verbote nicht nehmen lassen. Mit minimalen aber wirkungsvollen Mitteln zeigt der Film eben nicht nur ein Leben der anderen, sondern nimmt paradigmatisch das Leben der unbeugsamen, frechen Marjane, ihre allen Widrigkeiten trotzende Lebenslust und den Drang nach Freiheit in den Blick.

Persepolis
B & R: Marjane Satrapi & Vincent Paronnaud
FR 2007 - 96 min
Verleih: Prokino
Kinostart: 22. November 2007
www.myspace.com/persepolis_derfilm


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