Elisabeth Hauck | Drucken13.03.2014 

Hello, I am your new Operating System

Spike Jonze gelingt mit „Her“ eine einfühlsame Liebesgeschichte, die zudem gesellschaftliche Entwicklungen kritisch hinterfragt − und gewann dafür den Oscar für das beste Originaldrehbuch

Joaquin Phoenix spielt in „Her“ den nerdigen Kauz Theodore Twombly

Wir befinden uns im Jahr 2025. Die Menschen auf der Straße laufen aneinander vorbei und reden in ihre Handys. Niemand ist wirklich anwesend, alle sind nur vernetzt. In der Menge begegnen wir auch Theodore Twombly (gespielt von Joaquin Phoenix). Er arbeitet bei einer Firma als Briefschreiber und hat die wunderschöne Fähigkeit Gefühle und Gedanken für Andere in Worte zu fassen. Dennoch ist er einsam. Die Ehe mit der Liebe seines Lebens Catherine (Rooney Mara) ist gescheitert, die offizielle Scheidung nur noch eine Unterschrift entfernt. Dann sieht er Werbung für ein sogenanntes Operating System (OS), welches mithilfe künstlicher Intelligenz in der Lage ist mit seinem Besitzer zu reden, sich in ihn einzufühlen und so eine vermeintlich echte Beziehung zu ihm aufzubauen.

Nach anfänglicher Skepsis fasst Theodore Vertrauen zu seinem OS, das sich selbst Samantha nennt. Im Original wird sie von der wunderbar rauchigen Stimme Scarlett Johannsons zum Leben erweckt. Samantha organisiert fortan sein Leben und leistet ihm auch in schlaflosen Nächten Gesellschaft. Plötzlich ist die Stimme viel näher an Theodore, aber auch am Zuschauer dran. Regisseur und Autor Spike Jonze gelingt dies mit einigen kleinen Kniffen. Bevor Theodor Samantha an seiner Seite hat, muss er seine schlaflosen Nächte mit zufälligen Internetbekanntschaften verbringen, die eigentlich nur auf schnellen Cyber-Sex aus sind. Da ist doch ein verständnisvolles und humorvolles OS tausendmal besser!

Und so ist es auch nicht weiter schwierig, der sich anbahnenden Liebesbeziehung zwischen Samantha und Theodore zu folgen. Diese Liebesgeschichte hat sogar sehr realistische Züge. Die ersten Schmetterlinge im Bauch entstehen und gemeinsame schöne Erlebnisse festigen die Verliebtheit, aber auch kleine Problemchen tauchen auf. Doch bevor man sich auch als Zuschauer komplett in dieser vermeintlich normalen Liebesgeschichte einrichtet, durchbricht der Film dies immer wieder mit Szenen, die einen vielmehr den Schauer über den Rücken laufen lassen.

Theodores Ehe mit Catherine (Rooney Mara) ist gescheitert

Schon zu Beginn gibt es die Szene, in der Theodore allein zu Hause Computer spielt. Der Bildschirm ist in den Raum integriert, die Spielfigur reagiert auf Theodores Bewegungen und scheint ebenfalls über eine Art künstliche Intelligenz zu verfügen. Denn plötzlich entspinnt sich ein Dreier-Streitgespräch zwischen Theodore, Spielfigur und dem OS Samantha – wie bei einem normalen Abend unter Freunden. Bis der Aus-Knopf eine schale Leere zurück lässt. Genau damit berührt Spike Jonze ein sehr aktuelles Thema. Trotz der ganzen Vernetztheit, die uns die Supertechniken ermöglichen, sind wir seltsam allein. So allein, dass es einfacher scheint sich in ein Operating System zu verlieben als Kontakt zu echten Menschen aufzubauen. Theodores einzige Freundin ist seine Nachbarin (gespielt von der großartigen Amy Adams), die sich nach der Trennung von ihrem Mann aber ebenfalls von einem OS trösten lässt.

Dass der Film 2025 angesiedelt ist, macht ihn nicht zu einem Science-Fiction-Film. Bis dahin sind es gerade einmal elf Jahre! Die Technik wird sich bis dahin noch rasant weiterentwickeln, vielleicht sogar bis zu einer künstlichen Intelligenz à la Samantha. Aber eigentlich zeigt der Film nur eine übersteigerte Abbildung unserer Gegenwart, die man angesichts dieses Entwurfs kritisch hinterfragen sollte. Und dazu gelingt dem Regisseur noch das Kunststück eine durchaus berührende Liebesgeschichte zu erzählen. Geht das zusammen? Im Fall von Her funktioniert es erstaunlich gut. Großen Anteil hat daran natürlich auch der Hauptdarsteller Joaquin Phoenix. Er trägt den Film fast im Alleingang. Dabei schließt man diesen nerdigen Kauz sofort in sein Herz und kann gar nicht anders als ihm mit Empathie zu folgen.

Man kann Spike Jonze zu diesem komplexen Film über Liebe und Einsamkeit nur gratulieren. Auch die Mitglieder der Academy haben das Werk mit dem Oscar für das beste Original-Screenplay ausgezeichnet. Dass es für den besten Film nicht gereicht hat, lag aber dann doch nicht nur an der starken Konkurrenz. So großartig die Ideen des Films sind, verlieren sie sich manchmal in zähen Zwiegesprächen von Samantha und Theodore. Die Inszenierung ist einfach gehalten, weist aber gerade zum Ende hin einige Längen auf. Alles in allem aber eine eindeutige „Ins-Kino-Gehen“-Empfehlung.

Her

USA 2013, 127 Minuten

Regie: Spike Jonze

Darsteller: Joaquin Phoenix, Amy Adams, Scarlett Johannson

Kinostart: 27. März 2014


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