Kristin Heydecke | Drucken22.10.2015 

Alter ist nur eine Zahl

Der Dokumentarfilm „Hip Hop-eration“ begleitet die älteste Tanzgruppe der Welt zur Hip-Hop-WM nach Las Vegas

Die „Hip Op-eration Crew“ aus Waiheke hat nur ein Ziel: die Hip-Hop-Weltmeisterschaften in Las Vegas (Foto: Verleih)

Ältere Menschen sind stur, in sich gekehrt, wollen mit anderen Generationen nicht wirklich etwas zu tun haben, kommen aus ihren vier Wänden nicht heraus und interessieren sich musikalisch nur für Volksmusik. Dass diese und weitere Vorurteile nicht stimmen, zeigt der seit dem 1. Oktober in den deutschen Kinos laufende Dokumentarfilm Hip Hop-eration.

Es ist der erste Kino-Dokumentarfilm vom Filmemacher Bryn Evans, welcher in seinen Filmen bereits ein breites Spektrum von Reportagen aus den Krisengebieten der Welt bis zu persönlichen Geschichten abdeckte. Evans begleitete von 2012 bis 2013 die bereits in die Jahre gekommenen Mitglieder einer Hip-Hop-Tanzgruppe namens „Hip Op-eration Crew“ aus Waiheke, einer kleinen Insel vor Neuseeland, auf ihrem Weg zur Teilnahme an den Weltmeisterschaften des Hip-Hop-Dance in Las Vegas. Gewählt wurde der Crew-Name, da sich alle Tänzer bereits im Alter von 72 bis 94 Jahren befinden und etliche von ihnen eine Hüftoperation (hip operation) hinter sich haben.

Am Anfang des Films und der anstehenden Reise nach Las Vegas stellt die Choreographin Billie Jordan unmissverständlich klar: „Ihr kommt alle mit ― und sei es in einer Urne“. Sie stellt im Laufe des Films einige Lebensgeschichten der teilweise klapprigen Hip-Hopper, welche ihr selber sehr ans Herz gewachsen sind, vor. Dies geschieht durch historische Archivbilder, abgefilmte Fotoalben und durch Interviews mit den Tänzern.

So bereiste zum Beispiel die inzwischen 94-jährige Maynie („Quicksilver“), nachdem sie nach ihrem fünften Kind von ihrem Mann verlassen wurde, große Gebiete der USA, um auf Anti-Kriegs-Demos als Rednerin zu fungieren. Auch Kara („Bang-Bang“), die schon immer leidenschaftlich gern Klavier spielte und weniger Gefallen an der Hip-Hop-Musik als an den Bewegungen findet, nahm in den 80er-Jahren an Friedensdemos teil. Terri („2-Cents“) ist, seitdem sie Hip-Hopperin ist, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Als Verfechterin der Sterbehilfe ist es ihr Wunsch, gemeinsam mit ihrem dementen Mann Bill, den sie auch nach 73 Ehejahren immer noch abgöttisch liebt, am liebsten tanzend zu sterben.

Parallel zu den vorgestellten eindrucksvollen Biographien trifft die 2014 vom „Guinness-Buch der Rekorde“ gekürte „älteste Tanzgruppe“ mehrmals im Laufe der Dokumentation auf die jugendlichen Streetdancer der „DZIAH Dance Crew“. Diese werden dabei zu Fans, Unterstützern und teilweise Wahlenkeln der rüstigen Senioren. Neben den alltäglichen und altersbedingten Gebrechen der alternden Hip-Hopper werden auch andere Probleme der Crew aufgezeigt. Für die Tanzlehrerin Billie stellt sich heraus, dass es schwieriger als gedacht ist, Sponsoren für die Reise zu den Hip-Hop-Weltmeisterschaften zu finden. Letztlich zahlt jeder der Teilnehmer die Kosten selbst, um sich diesen Traum zu verwirklichen.

Der Film thematisiert nicht nur Hip-Hop, sondern spielt eher mit dem skurrilen Bild, das die zu Hip-Hop tanzenden Senioren aufzeigen. Zudem hinterfragt er damit die stereotypen Vorstellungen vom Altwerden. Generationenverständigung, Lebenslust, Liebe und Freundschaft im Alter spielen darin eine große Rolle. Da die im Film gezeigten Auftritte der Tanzcrew eine gleichbleibende, wiederkehrende Choreographie beinhalten, ist der Handlungsaufbau jedoch teilweise etwas holprig bzw. verwirrend.

Hip Hop-eration bringt einen oftmals zum Lächeln und berührt den Zuschauer sehr. Dies jedoch nicht aufgrund der Tanzperformances der Senioren, sondern eher durch die bemerkenswerten Menschen, welche porträtiert werden.

Die herzliche Dokumentation gewann 2014 den neuseeländischen Filmpreis in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ und „Beste Regie“. Sie wurde auch von der Jugendjury der diesjährigen Leipziger Filmkunstmesse zum Gewinnerfilm gewählt.

Hip Hop-eration

USA/Neuseeland 2014, 93 Minuten

Regie: Bryn Evans

Kinostart: 1. Oktober 2015


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