| Drucken10.05.2007 

Hochkultur vs. Leinwandflackern: Stummfilmtage (Moritz Ostertag)

Stummfilmtage in der Schaubühne am Lindenfels
1. Die Nibelungen (1924) - Fritz Lang
2. Orlacs Hände (1924) - Robert Wiene
3. Faust - Eine deutsche Volkssage (1926) - Friedrich Wilhelm Murnau
28. April - 2. Mai 2007
Hochkultur vs. Leinwandflackern - ein Resümee

Im Großen und Ganzen kann man die drei Tage, in denen das Stummfilmfestival stattfand unter das Motto "Deutsche Hochkultur im Film" stellen, denn zumindest zwei der gezeigten Filme gehören zum Standardrepertoire im Germanistikstudium. Mit Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau waren gleich zwei der prominentesten Regisseure des deutschen expressionistischen Kinos vertreten.

Tag 1: Die Nibelungen
Mit Fritz Langs Verfilmung der Nibelungensage fuhr die Schaubühne gleich am ersten Tag schweres cineastisches Geschütz auf. Zusammen mit Dr. Mabuse der Spieler gehört dieser Zweiteiler zu den Frühwerken Langs, die ihm sofort den internationalen Durchbruch verschafften. Fritz Lang war immer ein Regisseur, der sich nicht gerne kurz fasste; nur die wenigsten seiner Filme halten die Schmerzgrenze von zweieinhalb Stunden ein, und seine Verfilmung des Nibelungen-Epos bildet da wahrlich keine Ausnahme. Die Gesamtlaufzeit von insgesamt 260 Minuten scheint allerdings niemanden abgeschreckt zu haben. Der Saal ist wohlgefüllt und die Besucherzahl bleibt auch nach der einstündigen Pause zwischen den beiden Teilen stabil.

Der erste Teil Siegfrieds Tod verfolgt den Weg des teutonischen Titelhelden von seinem Kampf mit dem Drachen bis zu seiner Ermordung durch Hagen von Tronje. Der zweite Teil Kriemhilds Rache beschreibt die Trauer seiner Witwe Kriemhild, die im Rahmen einer Intrige den Hunnenkönig Etzel heiratet, um sich an den Mördern ihres Gatten zu rächen. Trotz der hohen Zahl der Akteure führt Lang den Zuschauer selbstsicher durch das vierstündige Heldenepos, ohne dass jemals eine Figur zu kurz kommt. Die Besetzungsliste weist nach heutigen Maßstäben kaum Prominenz auf. Alleine Rudolf Klein-Rogge, bekannt geworden als Dr. Mabuse, brilliert im zweiten Teil unter schwerer Montur als der kriegerische Hunnenkönig. Mit einem Millionenheer von Darstellern, den hohen Ausgaben für Maskeneffekte und Requisiten sowie den weit ausladenden Kulissen waren Die Nibelungen einer der ersten großen "Blockbuster" der Kinogeschichte und seine gewaltigen Kulissen beeindrucken noch heute. Jürgen Kurz am Flügel greift energisch in die Tasten, um das dramatische Geschehen und die Kampfsequenzen angemessen zu untermalen. Manchmal vielleicht ein wenig zu energisch.
Die düsteren Kadenzen, die Siegfrieds Tod begleiten, prasseln wie Hammerschläge auf das unvorbereitete Publikum ein. Erst im zweiten Teil erhält die Musik etwas mehr Leichtigkeit und Fluss.

Tag 2: Orlacs Hände
Zum zweiten Teil des Festivals fanden sich sogar noch mehr Besucher ein. Erstmalig mussten improvisierte Sitzreihen aus Klappstühlen vor der regulären Zuschauertribüne aufgebaut werden, was den Beginn des eigentlichen Films um mehrere Minuten verzögerte. Orlacs Hände aus dem Jahre 1924 ist ein wohl zu recht in Vergessenheit geratener Film. Regisseur Robert Wiene kommt in keiner Phase des Films an sein Meisterwerk Das Kabinett des Dr. Caligari heran. Weder vom Thema noch von der ästhetischen Inszenierung bietet der Film Bemerkenswertes. Der geniale Pianist Orlac verliert bei einem Zugunglück beide Hände, erhält jedoch in letzter Minute ein rettendes Transplantat. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem "Spender" jedoch um den kürzlich hingerichteten Raubmörder Vasseur. Als Orlac dies erfährt, stürzt er in eine tiefe persönliche Krise; er möchte seine Frau nicht mehr berühren und mit einem Schlag verlernt er das Klavierspiel. Da wird plötzlich eine Leiche gefunden. Mit Vasseurs Fingerabdrücken am Tatort...

Zwischen den beiden Literaturverfilmungen wirkte Orlacs Hände wie eine erfrischende Ruhepause. Vom Anspruch und von der epischen Breite kann er weder der Nibelungensage noch Faust das Wasser reichen. Der Film bleibt eine kurzweilig unterhaltsame aber doch eher simple Schauerballade, die erst in der letzten halben Stunde an Dynamik und Spannung gewinnt. Conrad Veidt, weltberühmt geworden durch seine Darbietung als der Somnambule Cesare im Kabinett des Dr. Caligari, bleibt in der Hauptrolle weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Eine Überarbeitung des Bildmaterials hat vorher nicht stattgefunden und da Orlacs Hände ein sehr düsterer Film ist, der im Gegensatz zu Die Nibelungen fast ausschließlich in Innenräumen spielt, fällt die verschwommene Bildqualität umso stärker auf. Über sämtliche kritische Zweifel erhaben blieben jedoch die Musiker. Was Hui-Chun Lin am Cello und Tilo Augsten am Flügel zusammen erreichten, war an klanglicher Intensität kaum zu überbieten. Das fieberhafte Sirren des Streichinstruments in perfekter Abstimmung mit dem düsteren Klavierstück leistete einen wertvollen Beitrag zu der traumwandlerischen Stimmung auf der Leinwand und tröstete etwas über die mangelhafte Bildqualität hinweg. Nur als sich Orlac zum ersten Mal nach seinem Unfall wieder an die Tasten setzt, blieben beide Instrumente stumm - die Missklänge, die er nun produziert, kann man sich nur vorstellen. Großer Applaus.

Tag 3: Faust - Eine Deutsche Volkssage
Einen würdigen Abschluss des Festivals setzte Friedrich Wilhelm Murnaus Verfilmung des bekanntesten deutschen Dramas aller Zeiten - zumindest teilweise: War die Qualität der Filmrolle bereits in Orlacs Hände nur Mittelmaß, war die gezeigte Fassung von Faust, ein wahres Ärgernis. Man kann sich nur fragen, aus welchem Keller die Filmrolle ausgegraben wurde; Murnaus Film, seine für die damalige Zeit revolutionären Kamerafahrten über die Stadtdächer und die expressionistischen Bilder, die auch nach 80 Jahren noch beeindrucken, hat in jedem Fall Besseres verdient, als dem Publikum in einer zerkratzten und von weißen "Brandlöchern" übersäten Fassung nähergebracht zu werden. Zusätzlich dazu handelte es sich um eine zweisprachige Fassung, so dass die Texttafeln jeweils parallel zueinander in Deutsch und Englisch eingeblendet wurden. Bei allem Respekt vor den Schwierigkeiten der Beschaffung des Films - eine solche Präsentation eines der größten deutschen Regisseure kommt Frevel gleich.

Inhaltlich orientiert sich der Film sowohl an Goethes Drama, als auch an der Urfassung von Christopher Marlowe. Emil Jannings, bekannt aus Murnaus Film Der letzte Mann liefert eine glänzende Darbietung als Mephisto; eine Figur, die so kalkulierend und gleichzeitig so gewitzt ist, dass man sie einfach nicht verachten kann. Jannings überschattet den Faust-Darsteller nicht nur, er verdrängt ihn. Zu recht allerdings, denn die Darbietung des Schriftgelehrten bleibt während des gesamten Films eher blass und nebensächlich. Und wer erinnert sich heute denn noch an die schauspielerischen Leistungen eines Mannes namens Gösta Ekman?

Auch beim Abschlussfilm war die Musik nicht genug zu bewundern. Stefan Neumeier am Flügel war niemals zu dominant und sein Spiel niemals zu dick aufgetragen; niemals eine Ablenkung von den Bildern, sondern immer nur eine Ergänzung. 116 Minuten lang fehlerfreie Klaviermusik; man musste sich immer wieder davon überzeugen, dass dort wirklich ein Mensch sitzt, und kein Tonband einer vorgefertigten Aufnahme läuft.

Mit den Stummfilmtagen lieferte die Schaubühne in diesem Jahr eine repräsentative Mischung; zweimal großes Kino und einmal solide Unterhaltung. Nur ein wenig länger hätten sie vielleicht doch sein können, denn Stummfilm-Meisterwerke, bekannte, wie übersehene, gibt es schließlich noch genug. Gespannt auf das nächste Mal darf man in jedem Fall sein; überbrücken wir die Zeit, in dem wir gutgemeinte Drohbriefe an die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und das deutsche Studio Transit-Classics senden, um sie zu ermutigen, ihre Filmrestaurationsarbeit anzukurbeln. Damit dem Zuschauer unscharfe und abgenützte Filmkopien großer Klassiker beim nächsten Festival erspart bleiben.(Moritz Ostertag)
Zum Stummfilfestival 2003:

09.01.2003
Frinz Langs Nibelungen bei Übergriffe: Medienkrieg - Kriegsmedien und beim Stummfilmfestival in der Schaubühne (Max Bornefeld-Ettmann)

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