Sven Jaros | Drucken22.02.2014 

Auf dem Beichtstuhl des Begehrens

Mit dem Drama „Im Namen des …“ über einen schwulen Priester in Polen ist Regisseurin Małgorzata Szumowska ein kleines frühes Highlight dieses Kinojahres gelungen

Adam (Andrzej Chyra) ist Jesuitenpriester im polnischen Nirgendwo (Fotos: Xenix Filmdistribution)

Irgendwo im polnischen Nirgendwo. Kinder spielen im Grünen. Die Szene ist in goldenes Licht getaucht. Lachen ist zu hören, gemischt mit Blätterrauschen. Idylle? Fehlanzeige. Bereits in den ersten Szenen umreißt Regisseurin Małgorzata Szumowska das Spannungsfeld, in welchem sich der gesamte Film Im Namen des ... bewegen wird. Lachen mischt sich mit Gewalt und sozialer Ausgrenzung. Ein Junge mit geistiger Behinderung, gerade noch mitten im so gar nicht kindlich-unschuldigem Spiel, wird geschubst, geschlagen, als „Jude“ beschimpft. Wehren tut er sich nicht. Bezeichnenderweise spielt die gesamte Szene vor einem vereinzelt stehenden Grabstein.

Diesem Konstruktionsprinzip folgt der gesamte Film. Es geht um Widersprüche, Gegensätze, Spannungen. Zwischen Handeln und Fühlen. Zwischen Außen und Innen. Zwischen der Kraft des Begehrens und der Unmöglichkeit seiner Artikulation. Szumowska findet oft berauschend schöne Bilder der polnischen Landschaft, der Masuren im Osten des Landes. Die Sonne strahlt über prallen Feldern. Junge, gesunde Körper voller Tatendrang springen von einem alten Holzsteg in einen See. Tannenwälder sind noch voll von dichtem Morgennebel. Bilder von Schönheit, die einen Sog entfalten und doch im schärfsten Kontrast zum allgegenwärtigen, unterdrückten Leiden der ProtagonistInnen stehen. Durch diesen ständigen Gegensatz erreicht der Film eine unglaubliche Intensität, die den Zuschauer beim Fortschreiten der Handlung nicht loslässt.

Adam (Andrzej Chyra) ist Jesuitenpriester und neu in einer Gemeinde eines kleinen polnischen Dorfes. Sportlich, hilfsbereit, engagiert in der wöchentlichen Predigt und der Arbeit in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Jeden Morgen läuft er in großen Schritten weite Strecken durch den Wald, einem Gebet gleich, wie er später auch einem der Jungen beim Abnehmen der Beichte sagen wird. Das Ideal eines Priesters. Und doch wirkt er seltsam traurig und einsam. Nachts wacht er auf und onaniert mechanisch in einer Badewanne voller Wasser, als ob er damit die Sünde, die sein Handeln darstellt, sofort wegspülen möchte. Darf ein Priester begehren? Diese Frage stellt nicht nur der Film, sondern auch die ProtagonistInnen. An einer Stelle unterhalten sich einige Jugendliche genau über diese Frage und trotz der einhelligen Meinung, dass ein Priester ja mit Gott verbunden ist, bleibt es den Jungen doch unverständlich: Ist ein Priester nicht auch ein Mensch?

Mit seiner offen gelebten Sensibilität fällt Łukasz (Mateusz Kosciukiewicz) im Dorf auf

Mit dieser Frage wird der größere Bezugsrahmen der Geschichte deutlich. Die Mikrostudie des homosexuellen Priesters zu einem Jungen aus dem Heim bildet zwar den Kern des Films, doch letztlich stehen alle ProtagonistInnen gleichsam in Widersprüchen zwischen gewünschtem und (nicht) gelebtem Begehren. Da ist Ewa (Maja Ostaszewska), die Frau des Heimleiters Michał (Łukasz Simlat). Eigentlich eine lebensfrohe Frau, die gern tanzt und lacht, vermisst sie das Leben der Stadt. Krank vor Langeweile und der fehlenden Anziehung zwischen ihr und ihrem Mann, bleibt ihr nur der tägliche Radweg zum kleinen Einkaufsladen des Dorfes und der Wunsch, durch Adam aus ihren engen Kreisen zu entwachsen. Ihr Mann Michał ist ein gewissenhafter Heimleiter, der einst ebenfalls Jesuitenpriester werden wollte, bevor er Ewa kennenlernte und daraufhin seine Ausbildung abbrach. Das Feuer zwischen den beiden scheint den Gang in die Provinz aber nicht überstanden zu haben, und Michał genügt sich im Umherfahren in seinem Jeep mit einem Cowboyhut, den wohl nur er nicht peinlich findet. Schließlich Łukasz (Mateusz Kosciukiewicz), der unter all den polnischen Jungen mit klassischem Millimeterhaarschnitt durch seine langen dunklen Haare und seine gelebte Sensibilität hervorsticht. Die Kraft der Anziehung zwischen ihm und Adam wird bereits in den ersten Momenten ihres Zusammentreffens deutlich und entfaltet sich zärtlich mit fortschreitender Filmdauer. Es ist schon feine Schauspielkunst, wie die beiden Darsteller diese Entwicklung glaubhaft darstellen. Zaghaft, scheu und trotz aller Tabus wunderschön.

Innerhalb dieses Panoptikums werden die Augen der ProtagonistInnen zum zentralen Fenster in das Innere der Figuren. Stetig rastlos drücken sie die Suche aus, dem gehemmten und oftmals nicht einmal bewussten Begehren einen Weg nach draußen zu verschaffen. Eine Ausnahme davon bildet „der Neue“ im Heim: Adrian (Tomasz Schuchardt) blickt kalt gerade aus. Auch er begehrt andere Jungen. Jedoch nicht zärtlich und insgeheim, sondern brutal und direkt. Er bildet den Gegenpol zum sensiblen Łukasz. Beide Figuren setzen die Handlung auf ihre Art in Gang.

Die beiden Protagonisten stehen im Film stellvertretend für die Kraft des Begehrens und die Unmöglichkeit seiner Artikulation

Szumowska und ihr Co-Autor Michał Englert verstricken die verschiedenen Beziehungen ihrer Figuren geschickt miteinander. Die Handlung schreitet sanft voran und entfaltet ohne großen Höhepunkt eine stetig wachsende Intensität. Natürlich wird das Begehren des homosexuellen Priesters schließlich entdeckt und zur Anzeige gebracht. Er selbst offenbart sich seiner Schwester beim Skypegespräch. Doch selbst dieses Geständnis ändert nichts. Sie wird abgetan, verschwimmt in einem größeren Meer von gesellschaftlichen Konventionen und strikten Denkmustern. So tut der Bischof einen ähnlichen Fall aus Adams Vergangenheit lakonisch mit den Worten ab: „Sie wissen ja, wie schnell Gerüchte entstehen.“ Adams Schwester wiederum versucht zu trösten, wenn sie sagt: „Du bist nicht schwul, du bist nur erschöpft.“ Ein familiäres Tabu, eine Institution, die sich nach innen und außen lieber selbst belügt und schweigt. Eine weitere Versetzung, ein genauso vergeblicher Neuanfang sind die Folgen. Keine Konfrontation, kein Wandel im Denken. Auch wenn Łukasz und Adam schließlich zusammenfinden, so zeugt der gesellschaftliche Kontext doch von einem universellen Konsens des Schweigens.

Szumowskas Film beobachtet genau und ist filigran gespielt. Er erreicht eine enorme Tiefe und Authentizität. Doch gerade weil der Film sein Milieu so genau zeichnet, werden Mechanismen und Denkmuster offensichtlich, die universelle Bedeutung haben. Auch Carolin Emcke beschreibt in ihrem genauso persönlichen wie bedeutsamen Buch Wie wir begehren über die Jungs ihrer Jugend, dass Gewalt ein probates Mittel war, „wann immer die Jungs aus der Vereinzelung wollten, in die sie ihre unbefriedigten Körper zwangen, wann immer sie nicht wussten, was Männlichkeit heißen sollte.“ Diese Spirale aus Gewalt und Frustration, aus Unsicherheit, die in Aggression umschlägt, schildert der Film genauso beispielhaft, wie die stille Tabuisierung von anderen Formen des Begehrens. Wie weit wir auch hierzulande von einer diesbezüglichen Normalität entfernt sind, verdeutlicht etwa der große Wind um das Outing des Ex-Fußballers Thomas Hitzelsberger.

Für seine Rezeption in Deutschland und der Welt ist dem Film daher ein großes Publikum zu wünschen. Eines, das hinter die Fassade des Dargestellten blickt und erkennt, dass hier nicht nur die polnische Provinz porträtiert wurde, sondern ein universales Gleichnis über die Kraft des Begehrens und die Alltäglichkeit seiner Unterdrückung entstanden ist.

Im Namen des …

Originaltitel: W imię …

Polen 2012, 102 Minuten

Regie: Małgorzata Szumowska; Darsteller: Andrzej Chyra, Mateusz Kosciukiewicz, Maja Ostaszewska, Łukasz Simlat

Kinostart: 2. Januar 2014


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