Fabian Stiepert | Drucken15.02.2015 

Wenn die Sirene erzählt, wird es chaotisch

Als erster Filmregisseur überhaupt hat Paul Thomas Anderson einen Roman von Thomas Pynchon für die Leinwand adaptiert. Nur was zur Hölle soll „Inherent Vice“ genau sein?

Auch wenn „Inherent Vice“ wohl beim großen Publikum durchfallen wird: Joaquin Phoenix als Privatdetektiv Doc Sportello ist genial. (Fotos: Warner Bros.)

Zuerst ist da diese Idylle: Man blickt zwischen zwei Strandhäusern hindurch auf kristallblaues Meer. Es setzt die Stimme einer Frau ein. Man horcht auf, grübelt darüber nach, woher man diese leicht knarzige, aber zugleich wunderschöne Stimme kennt. Spätestens als man die Erzählerin Sortilége auf einem Felsen in Meeresnähe sitzen sieht, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Das ist ja Joanna Newsom! Eben jene Singer-Songwriterin, deren zwei letzte Alben „Ys“ und „Have one on me“ als Meilensteine der Indie-Popkultur betrachtet werden können. Die Geschichte, die diese bildhübsche Sirene erzählt, dürfen wir also nun zweieinhalb Stunden unserer Aufmerksamkeit schenken. Man vertraut dieser Erzählerin noch ganz zu Beginn und weiß doch schon wenige Minuten danach, dass es für den Zuschauer alles ganz anders kommen wird.

Paul Thomas Andersons Inherent Vice ist ein Film, der gnadenlos die Erwartungshaltung seiner Zuschauer unterläuft. Das liegt nicht in erster Linie daran, dass die Detektivgeschichte rund um den von Joaquin Phoenix kongenial verkörperten Privatdetektiv Doc Sportello kaum nachzuerzählen ist in ihren vielen Verstrickungen, in die der Protagonist ungewollterweise hineingerät. Man vermag eher kaum zu sagen, ob Inherent Vice nun nicht doch eher eine Liebesgeschichte ist als ein klassischer Detektivfilm voller kleiner Verbeugungen vor dem Blaxploitation- und Trash-Kino der 1970er-Jahre.

Immerhin nimmt das ganze Geschehen bei Shasta Fay Hepworth (Katherine Waterston), Doc Sportellos Ex-Freundin, seinen Lauf. Sie besucht ihn ganz zu Beginn in seinem Strandhaus und bittet ihn darum, ein mieses Komplott gegen ihren neuen Liebhaber, den Immobilienhai Mickey Wolfmann, abzuwenden. Alles was danach kommt, ist so verworren und komplex, dass es schlichtweg nicht vernünftig in eine Inhaltsangabe zu verpacken ist, ohne sich dabei die Finger wund zu tippen. Aber so viel sei gesagt: Man kriegt einige verstörend schöne Kulissen serviert, die die detektivischen Aspekte des Plots ironisch unterlegen.

Paul Thomas Anderson punktete unter anderem mit „Magnolia“ und „Boogie Nights“ bei den Kritikern.

Aber an all diesen Handlungsorten voller Eyecandy herrscht wiederum auch der pure Dialog anstatt zu erwartender praller Action. Nicht auszudenken, was ein Quentin Tarantino aus diesem Stoff gemacht hätte, zumal es an schönen Frauen und durchgedrehten Kiffern in diesem Film an keiner Stelle mangelt. Andererseits braucht es aber auch einen Regisseur wie Paul Thomas Anderson, um der Vorlage von Thomas Pynchon ansatzweise Herr zu werden. Das Fehlen eines Rachemotivs und eines durch und durch widerwärtigen Bösewichts hätten einen Regisseur wie Tarantino letzten Endes sowieso maßlos überfordert.

Insgesamt betrachtet ist Inherent Vice ein Film, der beim großen Publikum gnadenlos durchfallen und nur bei den „die hard“-Fans von Regisseur Paul Thomas Anderson einen gewissen Anklang finden wird. Vielleicht ist dieser Film nach einer Reihe von Meisterwerken (Magnolia, Boogie Nights, There will be blood) Andersons Versuch, es nach dem Publikum einmal sich selbst zu beweisen, indem er von folgender Frage ausging: Kann man einen postmodernen Autor hyperkomplexer Romane wie Thomas Pynchon auf die Leinwand bringen? Die Antwort scheint nach diesem im großen Stile gescheiterten Versuch wohl Nein zu lauten. Aber das, was in diesem Film funktioniert (beispielsweise Joanna Newsom als Erzählerin mit nahezu hypnotischer Stimme und der illustre Cast, dem man den Spaß am Spiel anmerkt), darf gern in den kommenden Filmen Andersons wieder aufgegriffen werden.

Inherent Vice – Natürliche Mängel

USA 2014, 119 Minuten

Regie: Paul Thomas Anderson; Darsteller: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson

Kinostart: 12. Februar 2015


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