Sven Jaros | Drucken | Kommentar (1)07.11.2012 

Verrat im Dienste Ihrer Majestät

Sam Mendes’ „Skyfall“ ist ein klassischer Bond-Film mit stark aufspielenden Stars, der aber den Selbstanspruch des Bond-Reboots mit Daniel Craig über den Haufen wirft

Ein Mann und sein Auto: Als James Bonds (Daniel Craig) geliebter Aston Martin in die Luft fliegt, wird er noch einmal richtig wütend (Fotos: Sony Pictures Releasing GmbH)

Das Whiskeyglas fällt in Zeitlupe zu Boden, als die Frau, auf deren Kopf es noch vor wenigen Sekunden stand, von einer Kugel tödlich getroffen in sich zusammensackt. Hingerichtet wurde sie vom Oberschurken des neuen Bond-Films Skyfall, Silva, erinnerungswürdig und mit starker Leinwandpräsenz verkörpert von Javier Bardem. Welche Beziehung hatte sie zu ihrem späteren Mörder? Was war ihre Funktion in dessen System und warum wurde sie überflüssig? Dies sind nur einige der Fragen, die man sich stellt, als das diesmalige Bond-Girl, gespielt von Bérénice Marlohe in ihrem ersten großen Kinofilm, abtritt.

Skyfall ist der dritte Bond-Film mit Daniel Craig in der Rolle des berühmtesten Agenten der Filmgeschichte. Der Reboot der Serie im Jahre 2006 hatte den Anspruch, die Figur des James Bond ins 21. Jahrhundert zu führen und neue Wege zu gehen. Skyfall trägt diesen Anspruch in Hochglanz und inszenatorischer Perfektion zu Grabe. Traurig, aber wahr.

Nehmen wir es vorweg. Ja, Sam Mendes ist ein grandioser Bond-Film gelungen, mit viel Liebe für die kleinen Details und Anspielungen auf frühere Teile der Serie. Den Anspruch auf psychologische Tiefe und Reflexion des Bond-Charakters erhebt er ebenfalls. Letztere findet aber vor allem in den unfreiwillig komischen Momenten statt. Etwa wenn Bonds Augen vor Wut herauszufallen scheinen, weil Silva seinen Aston-Martin-Oldtimer zerschossen hat oder wenn er nach der eingangs geschilderten Erschießungsszene allein den vergeudeten Whiskey beklagt, jedoch kein Wort über die vor seinen Augen erschossene Geliebte verliert.

Im Vergleich zu den beiden Vorgängerfilmen Casino Royale (2006) und Quantum of Solace (2008) ist Skyfall deutlich klassischer geworden. Dies wird unter anderem durch den Ort des Action-Openers deutlich: Istanbul, Schauplatz des legendären Sean Connery-Bonds From Russia with Love (1963) und für Pierce Brosnans dritten Auftritt als Doppelnullagent in The World is not enough (1999). Letzterer war nicht nur der wohl beste Bond-Film der Brosnan-Ära, sondern nahm auch viel vorweg, was dann mit dem Craig-Reboot in den Fokus rücken sollte: das Aufzeigen der emotionalen Tiefe von Bond, seiner Verletzlichkeit, seines Haderns.

Kaum eingeführt, schon ist sie tot: Bérénice Marlohe spielt Craigs drittes Bond-Girl

Oberflächlich wird dieser Weg auch bei Skyfall weiter beschritten: Die Bond-Figur wird buchstäblich auseinandergenommen, mit ihren Narben, Falten und Verschleißerscheinungen ausgiebig zelebriert. Auch Vergänglichkeit und Alter der Figur werden mit ganz dicker Tinte nicht nur thematisiert, sondern dermaßen inflationär betont, dass es fast selbst wehtut. Trauriger Höhepunkt ist Albert Finneys pathetisches Lob auf das primitive Messer vor dem großen Finale am Schluss des Films. Finneys in seiner Rolle als Kincade, väterlicher Hauswart des Bond’schen Familienanwesens, ist sowieso vollkommen unterfordert. Mehr als schwülstige One-Liner, flache Witzchen und besorgte Blicke hat das Drehbuch für ihn nicht übrig.

Die Thematisierung von Bonds Kindheit gehört im Kanon der überschwänglichen Kritiken zum herausragenden Merkmal des neuen Bond-Films. Dieses Lob steht in keinem Verhältnis zur Rolle des Themas im Film. Hier entwickelt sich daraus keinerlei handlungstragende Bedeutung. Bond hat keinen Konflikt, den er mit seiner Herkunft löst, er wächst oder verändert sich nicht durch die Auseinandersetzung mit dieser. Das Kindheitsthema ist dabei symptomatisch für die gesamte Handlung von Skyfall: Hinter großen Tönen versteckt sich Banalität und Unlogik.

Ein paar Beispiele: Der brillante Cyberterrorist und Ex-Agent Silva wurde in den 90ern bei einem Einsatz für den britischen Geheimdienst gefangen und gefoltert. Die nächsten 15 Jahre verbringt er dann damit, ein Verbrecherimperium aufzubauen ― inklusive eigener Insel ―, durch das er in der Lage ist, sich in den MI6 einzuhacken, Explosionen auszulösen, die Daten mit den Identitäten sämtlicher Nato-Agenten zu entschlüsseln und zu veröffentlichen. Letztlich geht es ihm aber nur darum, seine Mutterfigur und ehemalige Chefin M zu isolieren und zu töten, wofür ihm aber nichts besseres einfällt, als mit zwei Halunken in den Gerichtssaal zu marschieren, in dem sich M gerade vor der Verteidigungsministerin rechtfertigt, und das Feuer zu eröffnen. Von der nun entstehenden Panik ist aber auch Silva vollkommen überfordert und verschwindet. Was für ein brillanter Plan!

Erinnerungswürdiger Gegenspieler: Javier Bardem als Silva

Und überhaupt diese Anhörung: M soll sich hier für schwerwiegende Fehler, die sie begangen hat, rechtfertigen. Doch anstatt sich und ihre Arbeit zu verteidigen, liefert ihr das Drehbuch nur schwülstige Zeilen über die Bedeutung des Geheimdienstes. Am Ende darf sie dann noch ein Gedicht rezitieren. Wenn das allein nicht ausreichende Gründe wären, die Geheimdienstchefin in den vorzeitigen Ruhestand wegen Alterssenilität zu schicken, was dann? Der einzige Grund, warum man als Zuschauer glauben soll, M wäre ungerechtfertigt angeklagt, ist das Charisma und die schauspielerische Klasse von Judi Dench, die den größeren Raum, der ihrer Figur in diesem Film gegeben wird, mit viel Wärme und Charme zu nutzen weiß. Während dieser Anhörung wandelt sich auch der von Ralph Fiennes gespielte Gareth Malory vom kritischen Bürokraten zum Verteidiger Ms. Dies aber allein deshalb, weil er in der durch Silvas Auftauchen entstehenden Schießerei endlich mal wieder selbst zur Waffe greifen kann und den Agenten spielen darf.

Bond bleibt hier seltsam unbeteiligt. Mögliche Zweifel an seiner Rolle als majestätstreuer Agent erledigen sich für ihn bereits am Anfang. Nach dem Istanbul-Auftrag wird er als vermisst gemeldet und verlebt im karibischen Exil durchzechte Nächte. Kurz nachdem er aber vom Angriff auf den MI6 gehört hat, steht er wieder bei M im Wohnzimmer. Auf ihre Frage, warum er denn zurückgekommen sei, antwortet sie selbst: „Because we need you!“ Damit ist die Sache erledigt. Der erste Ritter Ihrer Majestät steht wieder bereit. In einer psychologischen Befragung sagt er es später selbst: Töten ist sein Auftrag. Selten wurde Bond als so willenslose Kriegsmaschine charakterisiert. Da jedweder innere Konflikt Bonds also bereits am Anfang ad acta gelegt wurde, bleibt die Figur auch unempfänglich für alles weitere: für Silvas teilweise berechtigte Kritik am Geheimdienst, für Bonds Reise in die eigene Kindheit und natürlich auch für die Frauen in Skyfall.

Letztere sind ein entscheidender Kritikpunkt am neuen Bond-Film: Mit Eva Green als Bond-Girl in Casino Royale begann 007, seine eigene emotionale Tiefe zu erforschen. Der weibliche Part wurde zur handlungsentwickelnden und -tragenden Instanz. In Skyfall bleibt davon nichts übrig. Wir erleben ein Bond-Girl in light-Version. Kaum eingeführt, schon tot. Eine schemenhafte Figur, nur nötig, um Bond auf das Schiff zu Silvas Insel zu bringen und die obligatorische Liebesszene zu liefern. Komplett ohne sonst übliches Handlungs-Vorspiel geht es direkt zum Nacktduschen. So unwichtig war ein Bond-Girl selten.

Ben Whishaw ist der neue Q ― ein charmanter Klugscheißer im College-Look

Das ist der zentrale Verrat am Anspruch des Bond-Reboots mit Daniel Craig. Es ist endlich wieder Macho-Zeit im Bond-Universum. Dies wird am Schluss nochmals doppelt deutlich: Die ehemalige Kollegin von 007 entscheidet sich für einen ruhigen Bürojob als Sekretärin Moneypenny, und der Nachfolger von Judi Dench als M wird Ralph Fiennes’ Malory. Hinzu gesellt sich die ― ohne Zweifel sehr charmante und witzige ― Neuinterpretation Qs durch Ben Whishaw. Am Schluss steht also eine Welt, in der Frauen entweder ins Bett oder an den Schreibtisch gehören. Soll das die zentrale Lehre sein, die uns dieser vermeintlich aktualisierte Bond für das 21. Jahrhundert vermitteln will?

Mit Skyfall legen die Macher ein klares Bekenntnis ab: Ja, wir haben verstanden, die Figur des James Bond ist unveränderbar, ist statisch. Schon das ungewöhnliche Casino Royale ließ die konservative Fanlobby aufheulen, mit dem eigenwilligen Rachedrama Quantum of Solace wäre MGM fast vollkommen kollabiert. Mit Skyfall geht es nun Lichtjahre zurück auf sicheres Terrain: schnelle Autos, exotische Drehorte und schöne Frauen. Ein völlig enthobener irrer Bösewicht und der unbestechliche Streiter für Ihre Majestät in einem explosiven Kampf, der mit One-Linern auch für reichlich Humor sorgt. Blöd bloß, dass gerade diese flotten Sprüche bei Daniel Craig so seltsam hölzern wirken (bestes Beispiel: „I always hated that place!“ angesichts des gleich explodierenden Elternhauses), vielleicht weil der Schauspieler ja auch weiß, dass er ursprünglich für andere Zeilen in den berühmten Smoking seiner Rolle geschlüpft ist. Im Hinblick auf die früheren Instanbul-Bonds ist Skyfall daher deutlich näher an From Russia with Love als an The World is not enough.

Der neue Bond hat alles, was die klassische Franchise ausmachte, allein im Bezug auf Tempo und Inszenierung dem neuen Sehgeschmack angepasst und auf Hochglanz poliert. Als Nummernrevue klassischer Bondelemente hat Skyfall etwas von einer Grabrede, bei der nur das Positive einer Person besungen, das Negative aber mit einem Lächeln übergangen wird. Ein Bond im Glanz der alten Tage, mit dem schalen Beigeschmack, abgestorben und innen hohl zu wirken. Sollte dies alles sein, was die Figur des 007 noch zu bieten hat, so wäre wirklich zu überlegen, ob man dem obligatorischen Satz „James Bond will return“ im Abspann auch Taten folgen lassen sollte. Sam Mendes’ Interpretation wäre ein würdiger Schlusspunkt.

Skyfall

Großbritannien/USA 2012, 143 Minuten

Regie: Sam Mendes; Darsteller: Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ralph Fiennes, Naomie Harris, Bérénice Marlohe, Albert Finney, Ben Whishaw

Kinostart: 1. November 2012


Kommentare lesen und hinzufügen (1)

porncotty schrieb am 06.01.2013 um 21:15 Uhr:

ja, das mit dem gerichtssaal und den verkleideten polizisten war ja nun mal ein selten doofer plan und vollkommen unlogisch. ansonsten ein ganz guter bond, meilen besser als der bescheuerte zu schnelll geschnittene quantum of solace
brosnan war ein würdiger bond. craig ist ein stück holz

 
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