Juliette Kaiser | Drucken22.12.2012 

Die koreanische Schmerzensmutter

Kim Ki-duk seziert mit seinem Film „Pieta“ schonungslos eine Mutter-Sohn-Beziehung

Der Geldeintreiber Kang-do (Lee Jung-jin) lebt ein geregeltes Leben …

Die Figur der leidenden Mutter hat einen festen Platz in der Kunst. Man denke an die historischen Pietà-Darstellungen von Maria am Kreuze Jesus etwa bei Michelangelo. Doch auch im zeitgenössischen Filmen wie I killed my mother, We need to talk about Kevin oder eben Pieta werden Freud und Leid der Mutterliebe beleuchtet.

Die männliche Hauptfigur Kang-do (gespielt von Lee Jung-jin) ist dreißig und lebt ein abgestumpftes, aber geregeltes Leben als brutaler Geldeintreiber. Er hat ausreichend Schlaf, Essen und Sex. Plötzlich verfolgt ihn eine Frau, die behauptet, seine Mutter zu sein. Die Schauspielerin Cho Min-soo spielt diese unnahbare Figur großartig. Sie bringt Kang-do mit ihrer Demut, zu der wirklich Mut gehört, immer mehr aus dem Tritt. Denn Kang-Do versucht die Lage mit Gewalt, auch sexueller, zu lösen. Doch er kommt nicht gegen die vermeintliche Mutterliebe an. So entsteht eine sehr komplexe und aufgeladene Mutter-Sohn-Beziehung. Die wachsende Nähe drückt sich am Frühstückstisch aus. Der Sohn fragt sie, warum sie ihn als Kind verließ. Als sie schweigt, drängt er sie nicht, sondern wechselt das Thema: „Soll ich dir etwas mitbringen? Willst du etwas unternehmen? Willst du jemanden umbringen?“ Die Kamera ist dabei nah an den Gesichtern, und dank der Schauspieler sind die vielen Wendungen fesselnd. Das gilt auch für die harten Gewaltdarstellungen, die zum einen die Brutalität des Systems spiegeln, zum andern die zarten Liebesbände kontrastieren.

… bis eine Frau (Cho Min-soo) bei ihm auftaucht, die sich als seine Mutter ausgibt. (Fotos: MFA)

Obwohl Kim ein self-made Regisseur, Autor und Kameramann ist, gilt er spätestens seit Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling (2003) als international anerkannter Filmästhet. Bereits 2008 zeigte das New Yorker Museum of Modern Art eine Retrospektive und Pieta gewann dieses Jahr in Venedig den Goldenen Löwen. Seine Figuren dagegen sind weiterhin Außenseiter. Alles begann mit seinem Erstling Crocodile (1996), in dem es um eine Gruppe Obdachloser geht, die sich einen Schlafplatz teilt. The Birdcage Inn (1998) zeigt die alltäglichen Probleme einer Prostituierten mit ihren Vermietern. Jeder Film ein Mikrokosmos. Für Pieta wählt er einen alten Stadtteil Seouls voller kleiner Metallwerkstätten. Die Wolkenkratzer der Innenstadt sind nur in der Ferne sichtbar und scheinen in eine andere Welt zu gehören. So klein das Milieu, so groß die Themen des Films: Mutter-Sohn-Beziehung, Liebe, Rache, Barmherzigkeit, Trauer und Feindesliebe.

Dazu kommt ein wirtschaftskritischer Subkontext. Seit dem Friedensnobelpreis für Mohammed Yunus, Gründer der Grameen-Bank in Bangladesch, werden Mikrokredite an Kleinunternehmer oft als Weg aus dem Armut gefeiert. In Kims Film kommen sie nicht gut weg. Hier beschleunigt die Verschuldung den sozialen Abstieg und schafft blutige Konflikte. „Die Menschen heute sind besessen von dem Irrglauben, dass Geld alle Probleme lösen könne. Dabei ist in den meisten Fällen Geld das Problem“, meint Kim. Man kann das als moralisierend abtun, aber Kims Figuren sind nicht schwarz-weiß gezeichnet und Pieta ist trotz all dem Blut, Sperma und christlicher Ikonografie mitreißend erzählt und weit entfernt von Sozialkitsch.

Pieta

Südkorea 2012, 104 Minuten

Regie: Kim Ki-duk; Darsteller(Hauptrollen): Lee Jeong-jin, Cho Min-soo

Kinostart: 8. November 2012


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