| Drucken15.06.2006 

„Malen oder Lieben”, ein Film von Arnaud und Jean-Marie Larrieu (Lina Dinkla)

Malen oder lieben
(Peindre ou faire l'amour)
Buch und Regie: Arnaud Larrieu, Jean-Marie Larrieu
Darsteller: Sabine Azéma (Madeleine Lasserre), Daniel Auteuil (William Lasserre), Amira Casar (Eva), Sergi Lopez (Adam), Roger Mirmont
F 2005, 98 min.

Deutscher Kinostart: 15.06.2006Partnertausch in schönen Häusern

Madeleine und William Lasserre sind ein Paar in jenem besten Alter, in dem man zwar nicht mehr jung, aber eben auch noch nicht richtig alt ist und das Leben, so man es denn zulässt, noch eine ganze Menge vorzuhaben scheint.
William ist gerade in den Ruhestand getreten - ehemals hat er als Meteorologe Vorhersagen über das Wetter getroffen - Madeleine ist Chefin eines mittelgroßen Malereibetriebes. Die Kinder sind aus dem Haus und es stellt sich die Frage nach einem neuen Sinn des Daseins. Insbesondere William wirkt zunehmend beunruhigt und von der Tatsache überrascht, dass sich außer dem Wetter nicht sehr viel vorhersagen lässt. Jeder neue Tag bricht nahezu unberechenbar an und es fehlt ein gewisser Plan, mit der sich die viele freie Zeit füllen ließe.

Madeleine entdeckt eines Tages ein leerstehendes Bauernhaus in der hügeligen Landschaft des Vercors und es bedarf keiner großen Überredungskünste, um William von der Idee zu begeistern, das Haus zu kaufen und einen Neuanfang auf dem Land zu wagen. Die Liebe, die nach all den Jahren zwischen ihnen besteht, ist noch immer mit Händen zu greifen und das neue Zuhause wirkt wie der passende Rahmen, es ist sozusagen das bauliche Sinnbild ihrer Zuneigung. Sie sind angekommen.
Sie freunden sich mit ihren Nachbarn an, dem blinden Bürgermeister des Ortes, Adam, und seiner Frau Eva. Sie laden einander zum Essen ein, führen erfüllende Gespräche bei Kaminfeuer und gutem Cognac und sind sich bald schon sehr nah und vertraut. Sie mögen einander in einer Weise, die es erahnen lässt, dass die Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hat, ausgelebt werden will - und wird.

Arnaud und Jean-Marie Larrieus schaffen es, diese heiklen Szenen, in denen die Ehebrüche ihren Lauf nehmen, voll eindeutig friedlicher Lust darzustellen. Hier geschieht nichts Verletzendes, keine Form von Betrug deutet sich an. Vielmehr vollzieht sich eine Art Weiterentwicklung der Partnerschaften - es werden neue Ebenen des intimen Zusammenseins betreten. Niemand darf darunter leiden, die Grenzüberschreitung geschieht mit der Zustimmung aller Beteiligten.

Am nächsten Morgen sind Madeleine und William verwirrt und brechen Hals über Kopf auf. Sie versuchen das Geschehene mit ihren bisherigen Erfahrungen in Einklang zu bringen und kommen zu dem - voreiligen - Schluss von einem "gefährlichen Swingerpaar" verführt worden zu sein. Nach und nach müssen sie begreifen, dass sie sich auf eine ganz besondere Art in Adam und Eva verliebt haben und sie ausschließlich bereichernde Gefühle empfinden. Und sie sind umso enttäuschter als sie zurückkehren und feststellen, dass Adam und Eva verschwunden sind.

"Malen oder lieben" ist beileibe kein abgeschmacktes Stück über Gruppensex jenseits der vierzig oder die sexuellen Abgründe ganz normaler Menschen, es geht vielmehr um das Finden eines Zuhauses, im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Nachhaltig berührend ist die Darstellung des wunderbaren, absoluten Vertrauen zwischen den Menschen, die ihre Bedürfnisse ausloten, zulassen und ausleben. Es handelt von der Möglichkeit reueloser Lust und dem Überschreiten kleinbürgerlicher Tabugrenzen.
Das Auftauchen eines dritten Paares jedoch stört und stößt diese betörenden Bilder kribbelnder Verknalltheit und vollkommener Nähe in eine Richtung, die sich nicht so simpel einordnen lässt. Madeleine und William erleben mit zwei zufällig Vorbeireisenden einen eher unangenehm wirkenden One-Night Stand. Diese Wendung gibt der ganzen Erzählung zwar leider etwas Unglaubwürdiges, aber die innere spontane Abwehr, die sich beim Zuschauen aufbaut, ermöglicht es, die eigenen Moralvorstellungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten und mal wieder gehörig zu hinterfragen.(Lina Dinkla)

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