Paula Franke | Drucken25.11.2014 

Liebe reicht nicht

Xavier Dolans zweiter Mutter-Sohn-Film „Mommy“ thematisiert eine Rebellion − inszeniert im 1:1-Bildformat

Steve (Antoine-Olivier Pilon) ist ein einziges Problem: hyperaktiv, aufsässig und aggressiv. (Fotos: Pathé Films AG)

Der 25-jährige Filmregisseur, Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent Xavier Dolan hat wohl den perfekten Charakter zur Produktion von Geniestreichen: hochintelligent und attraktiv, Schulabbrecher und Autodidakt. Sein Regiedebüt, der semi-biografische Film J’ai tué ma mère (I killed my mother) war 2009 in Cannes zu sehen und so auch sein neuester Wurf Mommy, der dort dieses Jahr Premiere feierte und mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Das Mutter-Thema scheint nicht abgenutzt. Mommy ist wiederum eine Mutter-Sohn-Geschichte, eine Liebeserklärung an das Muttersein im Kampf um die Zukunft des Sohns.

Steve ist ein einziges Problem. Er ist hyperaktiv, aufsässig, aggressiv und dabei unglaublich charmant. Eine explosive Mischung, mit der niemand richtig umgehen kann. Als typischer ADHS-Fall inszeniert, verkörpert Steve (Antoine Olivier Pilon) das Produkt einer Gesellschaft, die einfach keine Schublade findet. Statt Anpassung steht Rebellion auf dem Programm. Nachdem er die Besserungsanstalt fast abgefackelt hätte, wird Steve wieder in die Obhut seiner Mutter Diane (Anne Durval) gegeben. Widerwillig nimmt diese ihren Spross bei sich auf. Doch schnell wird klar: Bei aller Auseinandersetzung sind Mutter und Sohn ein weit über die gesellschaftliche Norm hinausschießendes, fast symbiotisches Team. Königin und Prinz, Löwin und Jungtier, die sich entweder nur lieben oder hassen können.

Als das Nähe-Distanz-Problem mal wieder zu eskalieren droht, taucht die brave Kyla (Suzanne Clément) von gegenüber auf. Die zurückhaltende Lehrerin leidet unter einem stressbedingten Sprachfehler und nimmt gerade eine Auszeit vom Schulstress. Sofort ist Kyla fasziniert vom irren Clown Steve und der nervenaufreibenden und äußerst vitalen Mutter-Sohn-Beziehung. Auch Kyla ist Mutter, doch scheint sie weit entfernt von ihrer kleinen Tochter, die, von Daddy begleitet, morgens brav zur Schule trottet. Es entwickelt sich eine besondere Freundschaft zwischen Kyla, Steve und Diane, und durch ihre gemäßigte Art und Schutzbedürftigkeit scheint Kyla die Wogen zwischen Mutter und Sohn tatsächlich etwas glätten zu können. Doch die nächste Katastrophe lauert bereits, und Diane muss schließlich eine folgenschwere Erscheinung treffen.

Steves Mutter Diane (Anne Dorval) kämpft mit und gegen ihren Sohn.

Dolans Filme sind bekannt als bildgewaltig und gnadenlos schön ausstaffiert: Bei Les Amours imaginaires (Herzensbrecher, 2011) fast zu übertrieben in schönen Bildern schwelgend, trifft er mit der Ästhetisierung der Vorstadttristesse bei Mommy ins Schwarze. Dies gelingt unter anderem durch den Clou, die existenziell unsicheren Verhältnisse und die Beengtheit des kanadischen Vororts im Verhältnis 1:1 auf der Leinwand zu zeigen. Die schauspielerische Leistung des Trios Pilon/Durval/Clément ist grandios. Wenn Olivier Plion die Unterlippe leicht nach vorne schiebt und er seinen Unschuldsblick aufsetzt, lässt man sich zu gerne hinreißen zu dem verstörten und verklärten Wunsch, sein Steve möge die Welt gewinnen. Mit schonungsloser Attitüde lässt Suzanne Clément die schüchterne Kyla mit voller Stimme auf einmal Celine Dion schmettern. Anne Durval trägt das goldene Mommy-Kettchen zum schwarzen Spitzenteil, als seien es Diamanten. Ihre Mommy Diane lacht und weint in großer Manier und zelebriert einen derben kanadisch-französischen Slang.

Nach fast zweieinhalb Stunden lässt Mommy die Zuschauer nachdenklich und atemlos zurück. Xavier Dolan hat neben der Mutter-Huldigung die Perversion einer unemotionalen Gesellschaft thematisiert. Gegen sie führt Dolans jugendlicher Held ohne Ritalin seinen ebenso rohen Kampf und zwingt uns so zu einem Blick in diesen hochaktuellen Spiegel.

Mommy

Frankreich/Kanada 2014, 139 Minuten

Regie: Xavier Dolan; Darsteller: Antoine-Olivier Pilon, Anne Dorval, Suzanne Clément

Leipzig-Premiere bei den 20. Französischen Filmtagen, Passage-Kinos

Kinostart: 13. November 2014, u.a Kinobar Prager Frühling


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