Paula Franke | Drucken30.11.2015 

Abgrundtiefe Verneigung vor der Liebe

Französische Filmtage Leipzig: „Mon Roi ― Mein Ein und Alles“ von Maïwenn Besco erzählt mit exzellenten Darstellern eine spannende Lovestory

Liebe als manisch-depressiver Kampf: Tony (Emmanuelle Bercot) und Georgio (Vincent Cassel). (Foto: Verleih)

Georgio (Vincent Cassel) ist ein großartiger Liebhaber mit unwiderstehlichem Charme. Wären da nicht sein bodenloser Narzissmus, seine Steuerschulden und seine Exfreundin ― ein depressives, ehemaliges Supermodel ― , um die er sich immer noch kümmert. Die Anwältin Tony (Emmanuelle Bercot) scheint zwar in sich zu ruhen, ist aber offensichtlich auf der Suche nach mehr Intensität. Georgio und Tony treffen sich auf dem bunt erleuchteten Dance Floor einer Pariser Disko und nähern sich an, als seien sie nicht Ende 30, sondern entdeckten das Lieben neu. Das Lamm und der Wolf.

Die Szenen, in denen Regisseurin Maïwenn Besco anschließend die leidenschaftliche Beziehung malt, sind die altbekannten Motive, in denen das Liebespaar die buchstäblichen „Pferde miteinander stiehlt“ ― wahnsinnig verliebt. Erfrischt wird diese Pariser Liebesgeschichte jedoch immer wieder von schonungslosen Dialogen und dem Aufeinanderprallen zweier enormer Darsteller ― trotz der Tragik ist Mon Roi oft zum Lachen komisch.

Tony gerät in der Beziehung mit Georgio in den Strudel einer emotionalen Abhängigkeit. Ihr Bruder (Louis Garell) versucht erst zu helfen, dann zu intervenieren, doch gegen diese abgrundtiefe Leidenschaft scheint kein Kraut gewachsen. Die Jahre vergehen. Ein gemeinsames Kind wird geboren. Die Vater- und Mutterrolle verträgt sich natürlich nicht mit der Leidenschaft von Tony und Georgio.

Nach einem fatalen Skiunfall muss Tony schließlich während eines Rehaaufenthaltes wieder Laufen lernen. „Was ist passiert?“, fragt die Ärztin beim Aufnahmegespräch. Schnell ist klar, dass es nicht nur um das beim Skifahren gerissene Kreuzband geht, sondern um Tonys verzweifelten Versuch der Verarbeitung dieser andauernden, desaströsen Beziehung. So simpel Regisseurin Maïwenn hier auf die Symbolik des „laufen lernen“ als Rahmenhandlung von Mon Roi setzt, so umfangreich ist der Kosmos dieser Reha, in dem man jede Kniestreckung der Figur Tony gespannt mitverfolgt. Mon Roi macht souverän vor, was intensives Lieben ist: in den kühnsten Momenten meist ein dreckiges Geschäft mit einem Sog, der direkt in einen goldenen Abgrund führt. Tony und Georgio zeigen uns das volle Programm: Liebesrausch, Hochzeit, Kind und zu jeder Zeit ein verzweifeltes Ausloten dieser Umstände. Hin und Her wird der Zuschauer zwischen beiden Liebenden getrieben. Keine Zeit zum Durchatmen.

Die Regisseurin Besco begann im Alter von 16 Jahren eine Beziehung mit dem französischen Star-Regisseur Luc Besson. Mit 17 gebar sie ihm eine Tochter. Mit Anfang 20 trennte sie sich schließlich von ihm. Die Liebe als manisch-depressiver Kampf. Sehr wahrscheinlich hat sich die Regisseurin diesen Teil ihrer Biografie in Mon Roi von der Seele gearbeitet. Das Ergebnis ist atemberaubend. Wohlverdient hat Emmanuelle Bercot für die Darstellung von Tony in Cannes dieses Jahr die goldene Palme gewonnen.

Mon Roi

Frankreich 2015, 130 Minuten

Regie: Maïwenn Besco; Darsteller: Emmanuelle Bercot, Vincent Cassel, Louis Garrel, Isild Le Besco

Voraussichtlicher Kinostart: 31.03.2016


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