Verena Lutter | Drucken11.05.2011 

Unfreiwillig komische Liebesschwüre

„Mr. Nice“: Bernard Rose macht aus der Autobiografie des Ex-Drogenschmugglers Howard Marks eine James-Bond-Komödie, die ins Melodram kippt

Jetzt ist er da, wo sie ihn immer haben wollten. Howard Marks (Rhys Ifans) sitzt vor Gericht und kann sich nicht mehr herausreden. Alle Weggefährten, denen er jahrelang treu ergeben war, haben gegen ihn ausgesagt. Der britische Geheimdienst hält nicht länger seine schützende Hand über ihn. Seine Frau Judy (Chloë Sevigny) muss so lange in Untersuchungshaft bleiben, bis er ein Geständnis ablegt. Die Karriere des berühmtesten Drogendealers der Welt ist damit ein für alle Mal zu Ende.

Bis zu diesem Punkt der Handlung war Mr. Nice von Bernard Rose ein mit Ironie gespicktes Katz-und-Maus-Spiel, das stellenweise an alte James-Bond-Streifen erinnerte. Der Film nach dem gleichnamigen autobiografischen Bestseller skizziert die Geschichte des Walisers Howard Marks, der in den 1970er- und 1980er-Jahren für mindestens zehn Prozent des gesamten Welthandels von Haschisch und Marihuana verantwortlich war und dabei mit der IRA und dem MI6 kooperierte. 1988 verhaftete ihn die amerikanische Drogenbehörde und brachte ihn mit einer Fülle von Beweisen vor Gericht. Für Marks ein biografischer Tiefschlag, den Rose als melodramatischen Höhepunkt inszeniert und der nicht zum Rest der Handlung passen will.

Die Geschichte von Mr. Nice beginnt, als dieser weder etwas von Gras noch von der großen weiten Welt versteht. Er wächst in einem Kohleabbau-Dorf im Süden von Wales auf, wo es „mehr Pubs als Schulen“ (Ich-Erzähler Marks) gibt. Rose filmt diese Anfangsszenen in Schwarz-Weiß und wechselt erst zu Farbe, als seine Hauptfigur auf dem Oxford-College den ersten Joint raucht ― der Grundstein für die Karriere als Drogenkonsument und -händler ist gelegt. Während seiner ersten waghalsigen Schmuggelfahrt von Wiesbaden nach London erklärt Marks, wie seine Flucht vor den Drogenbehörden zur Sucht wird: „Jedes Mal, wenn ich die Grenze passierte, erlebte ich eine Art religiösen Flash.“ Diese Sucht führt ihn nach Irland, Pakistan und Kalifornien, wo Mittelsmänner auf Anweisungen warten oder er die Qualität der Schmugglerware testen soll. Dazwischen steht Marks zweimal vor Gericht und kann sich doch nie dazu durchringen, ein bürgerliches Leben mit seiner Frau und den Kindern zu führen: „Ich war sehr brav. Aber ziemlich gelangweilt.“

Rhys Ifans, den viele als Spike aus Notting Hill (1999) von Roger Michells kennen, wirkt als Howard Marks hölzern und unbeholfen. Neben Schauspielern wie David Thewlis, die eigentlich nur Nebenrollen spielen, verblasst er. Ifans nimmt man es nicht ab, dass er mit Marks den „kultiviertesten Drogenbaron der Welt“ (Daily Mail) verkörpert. Und noch weniger glaubt man ihm, als Marks nach seiner dritten Verhaftung zum verzweifelten Ehemann wird. Die Liebesschwüre an die Adresse seiner Szenenpartnerin Sevigny wirken deshalb unfreiwillig komisch. Sevigny hingegen ist für Mr. Nice eine Bereicherung. Die französische Schauspielerin schöpft die Möglichkeiten ihrer Rolle, die vom Vamp bis zur Mutter reichen, voll aus.

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