Maria Preußner | Drucken13.07.2011 

Die Vielstimmigkeit der Verzweiflung

Der dicht erzählte Film „Nader und Simin – eine Trennung“ geht unter die Haut

Es gibt Situationen im Leben, in denen wird entgegen jeder Hoffnung alles nur noch schlimmer. Je ambitionierter die eigenen Absichten sind, aus einer unglücklichen Situation auszubrechen, desto fataler sind deren nicht absehbare Folgen. So lässt es der iranische Regisseur Asghar Farhadi zwei gegensätzlichen Paaren in seinem neuen Film Nader und Simin – eine Trennung ergehen.

Die Trennung Nader und Simins führt zwei Paare als Schicksalsgemeinschaft zunächst zusammen. Diese stammen aus so unterschiedlichen Lebenswelten, dass sie sich unter normalen Umständen kaum länger als nötig miteinander abgegeben hätten. Ungewollt werden jedoch so schwerwiegende Ereignisse ins Rollen gebracht, dass die beiden Paare dazu gezwungen werden, sich einander zu stellen.

Am Anfang steht also die Trennung von Nader und Simin. Doch so dringlich sie auch auf den Richter einreden, nach iranischem Recht kann das Ehepaar keinen Grund vorbringen, sich scheiden zu lassen. Simin möchte mit der gemeinsamen Tochter Termeh ins Ausland gehen, weil sie diese nicht „unter diesen Umständen“ im Iran aufwachsen lassen möchte. Da Nader seinen an Alzheimer erkrankten Vater nicht zurücklassen will, kann er die Pläne seiner Frau nicht teilen. Das Ende dieser Beziehung ist ohnehin ein langes. Den beiden steht zwar Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, aber keine Verachtung – sie scheinen so aufgebracht zu sein, gerade weil sie sich lieben. An ihren Plänen trotzig festhaltend, zieht Simin zu ihrer Mutter, Termeh bleibt beim Vater.

Was nun folgt, ist eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die sich bald überschlagen. Wegen der Abwesenheit Simins muss für Naders hilfsbedürftigen Vater eine Pflegekraft gefunden werden. Nader stellt kurzerhand die streng gläubige Razieh ein. Diese möchte ihren von finanziellen Sorgen geplagten Ehemann Hodjat unterstützen, hält ihre Eigeninitiative vor diesem allerdings geheim. Bald gerät Razieh in einen Glaubenskonflikt, da die körperliche Pflege eine Intimität abverlangt, der sie sich als streng gläubige Muslimin nicht aussetzen will. Die tägliche weite Fahrt in die Stadt ist zudem für sie und ihre kleine Tochter zu beschwerlich. Als Nader am zweiten Tag von der Arbeit nach Hause kommt, sind Razieh und ihre Tochter nicht aufzufinden, der Vater dagegen wurde ans Bettgestell angebunden und liegt am Boden. Momente der Verzweiflung wie dieser, als Nader und Termeh in die Wohnung zurückkehren und den Vater verkümmert am Boden auffinden, werden in Farhadis Film so dicht erzählt, dass man die Anspannung der Figuren physisch mitzuerleben glaubt.

Die Situation eskaliert, als Razieh in die Wohnung zurückkehrt. Nader und Razieh geraten aneinander, Erklärungsversuche treffen auf Hilflosigkeit und Wut. Schließlich wirft Nader Simin aus der Wohnung. Als Razieh kurz darauf zurückkehrt, um das Missverständnis aufzuklären, stößt Nader sie aus der Tür. Eine Handlung mit schwerwiegenden Folgen. Wie Nader und Simin kurz darauf erfahren, wurde Razieh wegen einer Fehlgeburt ins Krankenhaus eingeliefert. Sie sei nach dem Rausschmiss aus der Wohnung im Treppenhaus gestürzt. Der Fall soll mithilfe der Polizei geklärt werden. Mehr und mehr wird in Wortgefechten offengelegt, dass beide Parteien keine weiße Weste haben. Wusste Nader etwa von der Schwangerschaft, hat er Razieh vorsätzlich gestoßen? Ist Razieh wirklich bei der Auseinandersetzung mit Nader im Treppenhaus gefallen? Und welche Schuld trifft Razieh an der Vernachlässigung des kranken Vaters? Im Laufe der Verhandlung werden kleine Schichten von Lügen und Unwahrheiten offenbart, die auch die Beziehung der Familien untereinander auf eine Probe stellen.

Der Film führt die Macht und Bedeutung der Worte vor Augen: wie die Figuren sich durch diese zu erklären versuchen, Verständnis oder Liebe erbitten, sich freimachen und in Gegnerschaft bringen. Wie umgekehrt fehlende Worte Misstrauen zwischen den Menschen nährt – das gibt den Ton des Films an. Und so viele Worte im Film ausgesprochen werden, so vieles bleibt auch im Dunkeln. Kameraführung und Schnitt verdecken Schlüsselszenen des Films, die den Auslöser für die Konflikte zwischen den beiden Familien bilden. Diese Leerstellen wiederum lassen die Erklärungen der Figuren umso wichtiger werden. Aussagen stehen gegen Aussagen – und dahinter, stets spürbar, die Verzweiflung der Figuren.

Nader und Simin wurde in diesem Jahr auf der Berlinale als bester Film ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielten sowohl das weibliche als auch das männliche Schauspielerensemble für ihre Leistung zu Recht einen Silbernen Bären. Die Schauspieler tragen kraftvoll die Vielstimmigkeit der Figuren im Ringen um ihren Seelenfrieden. Raziehs Mann Hodjat kann seinen Zorn nicht kontrollieren und setzt die Gegenseite unter Druck. Razieh selbst stellt sich nicht ihrem fahrlässigen Handeln. Nader beteuert wortkarg seine Unschuld. Simin möchte ihre Familie von der noch nicht bewiesenen Schuld freikaufen. Die kluge Tochter Termeh drängt darauf, von ihrem Vater die Wahrheit zu hören und ist hin- und her gerissen zwischen den beiden Elternteilen. So kämpft jeder seinen eigenen Kampf.

Die unterschiedliche Herkunft der beiden Familien manifestiert sich zudem in je eigenen moralischen Maßstäben, mit denen sie ihre Lebenssituationen angehen. Die einen sind verarmt und streng religiös, die anderen gehören der Mittelschicht an und hinterfragen gesellschaftliche Normen. So gelingt es Farhadi hervorragend, an den privaten Schicksalen der beiden Familien die Gespaltenheit der iranischen Gesellschaft vorzuführen: Tradition trifft auf Moderne. Die gelungene Verbindung von individueller und gesellschaftlicher Ebene wurde während der Berlinale von der Presse besonders herausgehoben. Und so gegensätzlich die Herkunft der beiden Familien auch sein mag, alle Figuren eint die Überforderung an einer Situation, der sie nicht gewachsen sind. Sie alle setzen Energien frei, die sich mit dem Gegenüber nicht vereinen lassen. Sie alle wollen, wünschen und hoffen. Diese universell-menschliche Dimension macht Nader und Simin zu einem Film, der wahrlich unter die Haut geht.

Nader und Simin – eine Trennung

Iran 2011, 123 min.

Regie: Asghar Farhadi; Darsteller: Shahab Hosseini, Sareh Bayat, Sarina Farhadi, Leila Hatami, Kimia Hosseini, Babak Karimi, Peyman Moaadi

Kinostart: 14. Juli 2011


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