Elisabeth Hauck | Drucken21.04.2014 

„I am Oscar Grant and my life matters”

Der eindrucksvolle Spielfilm „Nächster Halt: Fruitvale Station” erinnert fünf Jahre später an den Tod des Afro-Amerikaners Oscar Grant durch Polizeigewalt

„Nächster Halt: Fruitvale Station“ beruht auf wahren Ereignissen (Fotos: Ascot Elite)

Mit Filmen, die auf einer wahren Begebenheit beruhen, ist es ja manchmal so eine Sache. Stellenweise kommt das Gefühl auf, jeder zweite Film basiere auf realen Ereignissen. Filmemacher verhehlen diesen Umstand meist nicht, sondern posaunen ihn in die Welt, schreiben es auf Filmplakate und setzen es natürlich als übergroßen Hinweis an den Beginn des Films. Der Zuschauer soll sich dadurch besonders betroffen fühlen.

Mit Nächster Halt: Fruitvale Station verhält es sich nicht anders. Doch der Bezug zu realen Ereignissen bleibt hier nicht nur eine leere Worthülse, die eigentlich keine Bedeutung für den Film hat. Nein, hier ist es eine wichtige Information. Und Regisseur Ryan Coogler schafft es uns in seinem ersten Langfilm Oscar Grant ganz nahe zu bringen. Damit ehrt er den Toten und gleichzeitig auch viele andere, die durch unnötige Polizeigewalt in den USA und anderswo zu Schaden gekommen sind.

Schon die erste „Szene” ist sehr eindrucksvoll. Wir sehen eine verwackelte Aufnahme, die von einer Handykamera stammen muss. Das Bild ist verpixelt, aber man erkennt noch genug. Im Verlauf der „Szene” merken wir: Das ist echt. Dies ist eine der zahlreichen Aufnahmen, die am Morgen des 1. Januar 2009 in der Fruitvale U-Bahnstation in der San Francisco Bay Area von Zeugen aufgenommen worden ist. Wir sehen Polizisten, die einige Leute festhalten und verhaften wollen. Dann ertönt ein Schuss.

In diesem Moment hat ein BART (Bay Area Rapid Transit) Polizist den 22-jährigen afro-amerikanischen Oscar Grant in den Rücken geschossen, er wird später an seinen Verletzungen sterben. Das jagt einem den Schauer in den Nacken, und er wird einen auch den Rest des Films nicht mehr loslassen.

Am 1. Januar 2009 starb Oscar Grant (Michael B. Jordan) durch den Schuss eines Polizisten in einer U-Bahn-Station in San Francisco

Doch nun springt der Film 24 Stunden zurück und erzählt von Oscars letztem Tag. Der Protagonist, der überzeugend von Michael B. Jordan (u.a. Chronicle) gespielt wird, hat für das neue Jahr einige gute Vorsätze. Das ist nicht so einfach, da ihn seine Vergangenheit auf Schritt und Tritt verfolgt. Dabei erfüllt sein Leben fast ein Klischeebild: Er ist ein arbeitsloser, gelegentlich mit Drogen dealender Afro-Amerikaner aus der Bay Area mit Gefängnisgeschichte, der scheinbar immer irgendwie Ärger hat. Doch dies soll nun anders werden. Liebevoll kümmert er sich um seine kleine Tochter Tatiana und versucht mit deren Mutter Sophina (Melonie Diaz) wieder ein Familienleben aufzubauen. Der Zuschauer ist ganz bei Oscar und seinen Bemühungen um ein besseres Leben. Das gelingt gut und schürt die Tragik seines sinnlosen Todes noch zusätzlich. Manchmal wirkt die Darstellung der Ereignisse jedoch auch etwas überdramatisiert. Doch so funktioniert Fiktionalisierung im Kino, sie ist eine Verdeutlichung und ist hier berechtigt eingesetzt.

Oscars Geschichte ist bekannt und weltweit durch die Medien gegangen, es gab unzählige Proteste und öffentliche Beileidsbekundungen. Natürlich spielte auch der Vorwurf des Rassismus eine Rolle. Immer wieder wird ja in den USA beklagt, dass weiße Polizisten gegenüber afro-amerikanischen Mitbürgern ein anderes Verhalten an den Tag legen als gegenüber Weißen.

Doch diesen Aspekt betont Regisseur Coogler gar nicht so sehr. Und auch wenn er ganz klar bei Oscar und seiner Familie bleibt und mit deren Perspektive auch deren Partei ergreift, nimmt er sich bei Schuldzuweisungen zurück und blendet die Täter fast ganz aus. Das ist intelligent gelöst, denn es bedarf sie nicht, um die Ungeheuerlichkeit der Ereignisse zu erfassen.

Nächster Halt: Fruitvale Station ist eine Hommage an Oscar Grant, sein Leben und das, was aus ihm noch hätte werden können. Dank eines guten Casts (allen voran Jungschauspieler Michael B. Jordan) ist die Geschichte trotz einiger Überdramatisierung glaubhaft und sensibel erzählt. So konnte der Film schon beim Sundance Film Festival sowohl Zuschauer als auch Kritiker für sich gewinnen. Und mit Recht! Nächster Halt: Fruitvale Station ist intelligentes und sensibles Kino.

Nächster Halt: Fruitvale Station

USA 2013, 85 Minuten

Regie: Ryan Coogler; Darsteller: Michael B. Jordan, Melonie Diaz, Octavia Spencer

Kinostart: 1. Mai 2014


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