Stefan Kronthaler | Drucken30.10.2010 

Punks und Prolls

Alles in allem ein passables Programm: „Neue Deutsche Animation“ beim 53. Leipziger Dokumentar- und Animationsfilmfestival

Der Gewinnerfilm des Programms „Neue Deutsche Animation“: „Apollo“ (Bilder: DOK Leipzig)

Und plötzlich steht die Welt still. Die unzähligen, ferngesteuert wirkenden Anzugträger mit all ihren Koffern, der unüberschaubare Verkehr, ja, sogar die Wolken bewegen sich keinen Millimeter mehr. Schuld daran trägt ein kleiner Lausbub mit Punkerfrisur, abstehenden Ohren und verdrecktem T-Shirt, auf welchem ein großes „A“ abgebildet ist. Nun könnte man schnell den Schluss ziehen, dass ein Junge, welcher im alltäglichen Gedränge auf den Straßen einer Metropole keine Beachtung findet, sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss, um bemerkt zu werden. Doch ganz so einfach macht es Felix Gönnert, der Macher des Animationsfilms „Apollo“, den Zuschauern nicht. Schließlich handelt es sich bei dem kleinen Dreikäsehoch auch in der hier dargestellten animierten Welt um nicht weniger, aber auch nicht mehr, als einen ganz normalen Jungen. Und Jungs wollen nun mal eines am liebsten: spielen. Am liebsten mit nachgebauten Miniaturgerätschaften, welche in Originalgröße nur für die Erwachsenen bestimmt sind: Autos, Flugzeuge, Schiffe. In „Apollo“ ist es ein besonders schönes Exemplar einer Rakete, welche die zentrale Rolle des Films einnimmt.

Es ist erstaunlich, wie viel Empathie und Spannung man bei einem Animationsfilm, der nur sechs Minuten dauert, aufbauen kann. Felix Gönnert gelingt es in „Apollo“, der beim diesjährigen Dokfestival den Preis für den besten deutschen Animationsfilm gewonnen hat, die Zuschauer zu fesseln und gleichermaßen zu amüsieren. Deshalb sticht sein Film positiv heraus aus den ansonsten zu weiten Teilen schlicht durchschnittlichen Beiträgen des Programms „Neue Deutsche Animation“.

Der Kampf einer Kuh gegen die Einsamkeit: „Mobile“

Zu häufig verzichten die Autoren auf Klarheit und verlieren sich in einer Art künstlerischem Labyrinth. Dabei ist es kein Mangel an Ideen und Kreativität, welcher den Filmen zum Verhängnis wird. Vielmehr scheint der bewusste Versuch, niemals wirklich konkret zu werden, einigen Filmen ihre Überzeugungskraft zu rauben („Weiß kein Weiß“, „Die Gedanken sind frei“). Stets scheint es so, als würden bewusst undurchsichtige Spielräume gelassen, welche eine Art Schutzraum bieten, um dem Publikum nicht zu viel anzubieten. Freilich ist es nicht vonnöten, einen erhobenen Zeigefinger vor die Nase gehalten zu bekommen. Doch der Verzicht die Dinge auf den Punkt zu bringen, sorgt bei einigen Beiträgen teilweise für Langatmigkeit.

Im Gegensatz dazu steht der völlig verstörende Animationsfilm „Milk Milk Lemonade“ von Ged Haney. Ganze 15 Minuten muss man hier einen hektischen Fäkalhumor ertragen, der bereits nach einer Minute nervtötend ist. Ganz gleich, wie tiefsinnig hierbei die Geschichte hinter der Geschichte auch sein mag: Der Stumpfsinn, mit welcher sie erzählt wird, lässt den Film schlicht prollig wirken.

Doch „Apollo“, bei welchem sogar ESA und NASA für authentische Weltall-Bilder gesorgt haben, bleibt nicht das einzige Highlight des diesjährigen Programms. Sehr zu überzeugen wussten ebenfalls „Laufende Geschäfte“ (Falk Schuster), ein humorvoller und zugleich emotionaler Wink mit der Säge, „Mobile“ (Verena Fels), ein Kampf einer Kuh gegen die Einsamkeit und „Hinterland“ (Jost Althoff & Jakob Weyde), die Verfolgungsjagd eines Bären, der seinen iPod von einer Krähe wiederhaben möchte.

Alles in allem ist es ein passables Programm, bei dem am Ende des Tages die Höhen überwiegen. Überhaupt gibt es im Prinzip keine klar benennbaren Tiefen, vielmehr sind es ein paar Beiträge, die sich schlicht nicht im Gedächtnis festsetzen. Doch auch hier gilt natürlich: Die Geschmäcker sind verschieden.

53. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm

18.-24.10.2010

www.dok-leipzig.de

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