Thomas Hollick | Drucken09.12.2008 

Nicht jeder ist eine Zauberzunge

Die Verfilmung des Jugendromans „Tintenherz”

Es ist nicht leicht, aus einem guten Buch auch einen guten Film zu machen. Hollywood hat sehr genaue Vorstellungen, was ein guter Film ist: Der kleinste gemeinsame Nenner einer möglichst großen Masse. So etwas wie ein Eiertanz zwischen einer Menge unangenehmer Fettnäpfchen - ein schwieriges Unterfangen. Was dabei herauskommen kann, zeigt uns die Verfilmung des zurecht sehr erfolgreichen Jugendromans Tintenherz der Autorin Cornelia Funke.

Die Geschichte erzählt von Mortimer Folchart (Brendan Fraser) und seiner 12-jährigen Tochter Meggie (Eliza Bennett). Mortimer, auch Mo genannt, hat die Begabung Figuren aus Büchern zum Leben zu erwecken, wenn er laut daraus vorliest. Doch diese Gabe hat einen Haken: Für die Figur, die Mo herausliest, muss ein realer Mensch in dessen Universum verschwinden. So geschah es vor langer Zeit, dass Mo aus dem Buch Tintenherz den Schurken Capricorn (Andy Serkis), seinen Handlanger Basta und den zwielichtigen Feuerkünstler Staubfinger (Paul Bettany) herauslas. Als Pfand musste seine Frau Teresa (Sienna Guillory) in die Tintenherzwelt. Neun Jahre später findet Mo das Buch in einem alten Antiquariat wieder und hofft, damit Teresa zurückholen zu können. Auch Staubfinger ist auf der Suche nach dem Buch. Er will sich von Mo, der Zauberzunge, zurück in die Welt lesen lassen, aus der er kam. Einzig Capricorn liegt nichts daran zurückzukehren. Mit Lügen und roher Gewalt versucht er Mo zu erpressen, um sich seiner Künste zu bedienen. So nimmt er Meggie als Geisel. Doch sie ist nicht so hilflos wie es scheint.

Von der eigentlichen Geschichte, die Cornelia Funke in ihrem Buch erzählt, von dem Geruch nach Knochenleim, Leder und altem Papier in Mos Buchbinderwerkstatt, von der Liebe zu Büchern, von der Magie der Worte und der Macht der Phantasie ist nicht viel übrig geblieben. Herausgekommen ist mittelmäßiges, sich auf spektakuläre Effekte verlassendes Popcornkino, mit einem alle glücklich stimmenden Happy End. Über logische Fehler in der Dramaturgie zieht der Regisseur Iain Softley mit höchstmöglichem Tempo hinweg. Die Geschichte wirkt zerrissen, es ist schwer, nicht den Anschluss zu verlieren. Schon mit seinen letzten Filmen hat sich Softley nicht mit Ruhm bekleckert, aber diese Inszenierung ist lieblos bis laienhaft.

Auch die Schauspieler wirken zurückgenommen und unsicher. Gerade Brendan Fraser, der Cornelia Funkes Wunschbesetzung für Mortimer Folchart war, kann in der Rolle nicht überzeugen. Ein Gesichtsausdruck, der nur zwischen Melancholie und Überrascht-Sein unterscheidet, ist sicher toll für Fraser-Fans, kann aber die komplexe Figur Mortimer Folchart kaum fassen. Ob nun die Kulissen oder die Kostüme, zum Beispiel die von Capricorns Bande: Alles wirkt aufgesetzt und unfreiwillig komisch. Im ganzen Film ist kein klares Konzept zu erkennen, er ist ohne Tiefe und plump. Allein die Filmmusik von Javier Navarrete weiß zu überzeugen.

Es ist eben nicht leicht, aus einem guten Buch auch einen guten Film zu machen.
Iain Softley schafft es nicht, die Atmosphäre der Romanvorlage einzufangen und so die Figuren zum Leben zu erwecken. Er ist leider keine Zauberzunge.

Tintenherz

R: Iain Softley
B: David Lindsay-Abaire nach der Vorlage von Cornelia Funke
Cast: Brendan Fraser, Andy Serkis, Eliza Bennett, Helen Mirren, Paul Bettany, Jim Broadbent, Sienna Guillory, Rafi Gavron

Kinostart: 11. Dezember 2008


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