| Drucken04.05.2006 

Roadmovie im Rollstuhl: „Aaltra” von Benoît Delépine und Gustave Kevern (Tobias Prüwer)

AALTRA
Regie: Benoît Delépine und Gustave Kevern
Mit Benoît Delépine , Gustave Kevern, Aki Kaurismäki
Schwarz-Weiß, OmdU
Länge: 92 Min.
Verleih: Weltecho

Kinostart 4. Mai
www.weltecho.de

Vaganten im Rollstuhl - "AALTRA"

"Der Feind lebt nebenan." - Diese Parole ist en vogue. Vielerorts gehen nachbarschaftliche Konfliktparteien scheinbar grundlos aufeinander los. Man belästigt sich mit Lärm und Videoüberwachung, klaut Obst oder prügelt sich mal. Das ist die Ausgangssituation im Film "AALTRA", aus der sich dank eines Unfalls ein irrwitziger Road Movie entwickelt.

Auch in einem kleinen nordfranzösischen Örtchen befinden sich zwei Nachbarn im Clinch. Ein Landmaschinenfahrer fühlt sich durch des Nachbarn Vorliebe für das Motorradfahren gestört, während sich dieser, ein mittlerer Angestellter, am Lärm der Agrargeräte stößt. Diese eigentlich ganz alltägliche nachbarschaftliche Hassliebe erfährt eine tragische Wende, als sie während eines Handgemenges unter einem Traktoranhänger begraben werden und sich beide danach im Rollstuhl wieder finden. Um dieser Situation zu entkommen, suchen beide unabhängig voneinander das Heil in der Flucht und treten jeweils eine Reise an. Bald jedoch finden sie sich an einem Bahnhof vom Personal sitzen gelassen wieder und sind erneut Nachbarn. Nachdem sie ausgeraubt werden, beschließen sie notgedrungen gemeinsam zu reisen. Sie haben zwei Ziele: Nach dem Besuch eines internationalen Motocross-Rennens wollen sie bei der Landmaschinen-Firma AALTRA, die im fernen Finnland sitzt, aufgrund fehlender Sicherheitseinrichtungen Schadensansprüche geltend machen. Es beginnt eine groteske Irrfahrt, auf der die sehr unterschiedlichen Charaktere nach und nach zusammenwachsen. Als sie ihr skandinavisches Ziel schließlich erreichen, erleben sie eine neuerliche Überraschung.

Die Reise der rollenden Protagonisten wird bestimmt durch merkwürdige Orte, Begegnungen mit sonderlichen Menschen und permanent durch die Widrigkeiten ihrer Situation. Dass aber genau die Thematisierung des nicht leichten Los der Gehandicapten und ihrer Marginalisierung durch die menschliche Umwelt nicht zur plumpen Mitleidsproduktion geriert, ist der große Gewinn des Films. Denn das Duo gibt sich alles andere als schwach. Als eine Art spätmoderne Vaganten schlägt es sich durch und zurück. Sie nehmen sich, was ihnen sonst vergönnt bliebe und stehlen etwa einem Rentnerpaar ein Elektromobil, um sich einigermaßen stilecht als Biker fortzubewegen. Mit der Darstellung der Rollstuhlfahrer als Akteure und nicht als Opfer hintergeht AALTRA die gutmenschliche Attitüde des Bedauerns, die immer auch auf einem Ausschlussmechanismus beruht und im Filmzitat gipfelt: "Es sind Typen wie Ihr, die den Rollstuhlfahrern den Ruf versauen!" Doch lassen sich die beiden ihre Rolle nicht zuweisen, sind gerade deswegen Menschen und überaus sympathisch, wenn sie ihren trotzigen Gesang anstimmen: "Ich bin wie eine Flipperkugel, die rollt, die rollt."

Die Hauptdarsteller Benoît Delépine und Gustave Kevern zeichnen sich dadurch aus, dass sie gleichzeitig für Buch und Regie verantwortlich sind. Das in Frankreich vor allem durch Auftritte als Fernseh-Comedians bekannte Duo legte mit "AALTRA" seinen ersten Langspielfilm und beweist, dass eine Personalunion durchaus gelingen kann. Bei den Dreharbeiten dieser eigenwilligen Satire war Improvisation ein großes Thema und ein zumeist situativer Humor beherrscht den Film. Bei manchen Szenen lässt sich gar vermuten, dass die Kamera heimlich mitlief. Herausgekommen ist ein skurriles Filmstückchen, das sicherlich nicht aller Welts Geschmack trifft, aber gerade darum so überzeugend ist. Der Genrebegriff der Komödie kann jedenfalls den Charme dieses Filmes nur unzureichend eingefangen. Nicht grundlos hat der Film, der bereits auf einigen Filmfestivals zu sehen war, zahlreiche Preise errungen. Umso besser, dass mit dem neu gegründeten Filmverleih "Weltecho" aus Dresden, das Werk nun auch in hiesigen Gefilden zu sehen ist. Nach diesem mehr als gelungenem Auftakt ist ihnen zu wünschen, auch in Zukunft ein solch gekonntes Händchen in der Filmauswahl zu haben. Delépine und Kevern werden am 4. Mai zur Premiere im Leipziger Passage Kino zum Publikumsgespräch anwesend sein und dort vielleicht schon von neuen Projekten berichten, auf die man nach diesem Regiedebüt nur gespannt sein kann. (Tobias Prüwer)

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