Friederike Haupt | Drucken09.06.2004 

Zurück in die Zukunft

DDR meets Science Fiction: „Im Staub der Sterne” - Eine Mischung, die ihresgleichen sucht

Filmstill (Bilder: Icestorm Entertainment)

Dieser Film macht einen sprachlos. Ob das, was man gerade gesehen hat, grottenschlecht oder extrem gut war, weiß man noch nicht genau, als die Lichter im Kinosaal angehen - dass das, was man gerade gesehen hat, aber auf eine bestimmte Art und Weise sensationell war, weiß man. Im Staub der Sterne ist als "utopischer", "wissenschaftlich-fantastischer" Film konzipiert, und dass man das so sagen kann, liegt daran, dass er 1976 von der DEFA produziert wurde und man den Begriff Science Fiction in der DDR nach Möglichkeit vermied. Utopisch also - was das betrifft, wird der Film seinem Anspruch voll und ganz gerecht. In der Zukunft, die er entwirft, werden jedoch auch zahllose eindeutig der DDR-Realität entlehnte Elemente platziert - nicht zu vergessen der ideologische Aspekt. Ergebnis: Eine höchst skurrile Melange, die die Zuschauer im Jahre 2004 zum Lachen, Schaudern und Nachdenken bringt, letztendlich aber ratlos zurücklässt. Zum Glück.

Jahrelang schon schippert das Raumschiff Cynro durch die unendlichen Weiten des Alls. Grund: Auf der Erde wurde per Funk ein Hilferuf vom Planeten TEM 4 empfangen, Kommandantin Akala und ihre Besatzung wollten helfen und machten sich auf die Reise dorthin - ein nicht eben kurzer Weg, doch nun sind sie endlich angekommen auf dem kargen, wüstenähnlichen TEM 4. Die Crew wird begrüßt, aber: man versichert ihr, der Notruf sei versehentlich durch einen Defekt des Funkgeräts gesendet worden, es sei alles in Ordnung. Akala zieht eine Schnute - auf die Idee, schon von der Erde aus die Hilfesuchenden zu kontaktieren, schien man nicht gekommen zu sein. Alles halb so schlimm, am Abend wird ein Fest für die Besucher veranstaltet - ein Abschiedsfest, denn am nächsten Tag soll die Heimreise angetreten werden.

Ein Fest! Da packen Akala und die drei anderen Mädels von der Erde freudestrahlend ihre hautengen roten Lackanzüge aus. Überhaupt ist anzunehmen, dass ein Großteil des Raumschiff-Laderaums von 1970er-Jahre-typischen ABBA-Style-Kleidungsstücken ausgefüllt ist - in beinahe jeder Szene wechseln die schicken Kostüme, manchmal auch von Einstellung zu Einstellung. Auch die Frisuren sitzen nach der langen Reise noch perfekt, und so kann die Party starten - nur Suko, der Navigator, bleibt aus Vorsicht im Raumschiff zurück, vom Rest der Besatzung als Spaßbremse verlacht. Er verpasst in der Tat einiges: Zu Ehren der Besucher werden im TEM 4-Zentralpalast Schleiertänze aufgeführt, die anscheinend eine mysteriös-erotische Wirkung haben sollen, heutzutage aber als dilettantischer Softporno aus dem Erzgebirge durchgehen würden - ungewollt komisch, wie so einiges andere auch. Als Akala, zurück im Raumschiff, über Kopfschmerzen klagt, weiß Suko sofort, wie dem beizukommen ist: "Ich mach dir erstmal einen ordentlichen Mokka."


Langsam aber kippt die Stimmung. So nett, wie es anfangs den Anschein hatte, sind die Gastgeber nämlich nicht: Abgesehen davon, dass die Frauen, die auf TEM 4 ausschließlich Dienerinnen und Tänzerinnen sind, willkürlich geschlagen werden, haben Akala, Suko und die anderen bald den Verdacht, dass ihre Wahrnehmung von Ronk, dem Überwachungsbeauftragten, manipuliert wird - daher auch die Kopfschmerzen. Navigator Suko findet auf einem Erkundungsflug heraus, weshalb: Die eigentliche Bevölkerung des Planeten schuftet in Bergwerken, weil Ronk und sein Chef - typisch imperialistischer Klassenfeind - sie zwingen, dort ein Mineral zu fördern. Logisch, dass der Hilferuf von dort unten kam. "Gebt uns Waffen!", flehen die Unterdrückten, während Ronk vor seinem psychopathischen, ständig sardonisch grinsenden Chef rechtfertigen muss, dass die "Kosmonauten" (O-Ton Ronk) noch immer nicht fort sind. Das Gefolge des Chefs, gewandet in sadomaso-ähnlichen Outfits aus schwarzen Lackwesten und Netzhemden, steht daneben und glotzt.

Welcher sozialpolitische Konflikt sich hier darstellt, ist klar: böse, hässliche, materialistische Minderheit (Chef, Ronk) unterjocht gute, brave, arbeitsame Masse (Bergwerkarbeiter); Retter sind die von sozialistischen Werten geprägte Akala und ihre Freunde. Hinzu kommen noch die albernen Pseudo-Erotik-Einlagen, die DDR-Einsprengsel und die nicht gerade visionären Zukunftsideen - man denke zum Vergleich an Star Wars, der ein Jahr später in die amerikanischen Kinos kam.

Nichtsdestotrotz: Im Staub der Sterne ist keine herzlos zusammengezimmerte Politikparabel, denn wie der Film sich nach Sukos Entdeckung der Minenarbeiter entwickelt, ist höchst überraschend und irritierend. Wer denkt, Kolditz ließe seinen übrigens recht unterhaltsamen Film so enden, wie es das entworfene Gut-Böse-Schema erwarten lässt, irrt sich. Und angesichts dieses enormen Pluspunkts ist es durchaus zu ertragen, dass mindestens soviel DDR wie Science Fiction im Spiel ist. Die Zukunft ist flexibel, und morgen ist heute schon gestern - oder wie war das?

Im Staub der Sterne

DDR 1976, 100 min
Drehbuch und Regie: Gottfried Kolditz
Kamera: Peter Süring
Musik: Karl-Ernst Sasse
Kostüme: Katrin Johnsen
Darsteller: Jana Brejchová (Akala, Kommandantin), Alfred Struwe (Suko, Navigator), Ekkehard Schall (Chef), Milan Beli (Ronk, Leiter der Überwachungszentrale) u.a.

Schaubühne Lindenfels, 9. Juni 2004

Reihe "Spurensuche der Filmgeschichte: Zukunftswelten im Science Fiction"


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