| Drucken | Kommentar (1)09.05.2007 

Sehen und Nicht-Sehen in Leipziger Kinos: „The Host” (René Seyfarth)

The Host
Regie: Bong Joon-Ho
Mit: Byun Hee-bong, Song Kann-ho, Park Hae-il u.a.
Süd-Korea 2006 - 120 min.
Verleih: MFA
www.hostmovie.com
Zu sehen in der Schaubühne im Lindenfels
Sehen und Nicht-Sehen in Leipziger Kinos

Die Süddeutsche hat ihn gefeiert, die ZEIT hat erstaunt um Worte gerungen, Millionen Südkoreaner stürmten die Kinos und selbst das ganz und gar nicht für die Förderung von poppigen Filmen bekannte Nord-Korea war sich nicht für eine offizielle Verlautbarung zu schade, dass es diesen Film befürworte. Leipzig liegt aber weder in Nord- noch in Südkorea und Anschluss an die Weiten des Feuilletons hat es meist genauso wenig wie der Lindenauer Hafen das Tor zur Welt ist. Das alles ist aber keineswegs eine Erklärung, dass am fünften Spieltag erst vier Gäste ihren Weg in die lindenfelsige Schaubühne fanden, davon 75 Prozent auf Veranlassung des Autors dieser Zeilen. Meine aufrichtige Anerkennung gilt übrigens an dieser Stelle dem unbekannten Vierten, der sich offenbar des Samstag abends allein ins Kino begab - diese Courage bringen die wenigsten auf, da sie der irrigen Annahme erliegen, man könne nicht allein ins Kino gehen. Dabei sind die Unterhaltungen der Art "Und wie fandst duuus?" seltenst wirklich erhellend. Doch ich wollte ja gar nicht über fruchtloses Post-Filmpalaver schreiben, sondern über den Film selbst.

Falls sich ein weiteres Kino dieses Films erbarmen sollte: Nicht zögern, ausprobieren! Aus der Videothek besorgen, wenn der Tag gekommen ist. Auch mal riskieren, möglicherweise einen schlechten Film zu sehen. Mit dieser Haltung kann man schließlich nicht enttäuscht werden. Dabei ist The Host keineswegs ein schlechter Film. Er gehört sogar zu den Guten, und wer vielleicht die etwas gewöhnungsbedürftige Erzählweise des koreanischen Kinos kennt, wird sogar schlichtweg begeistert sein.

Koreanisches Kino ist jedenfalls nichts, was sofort den gediegenen europäischen Geschmack im Kern trifft. Die Grenzen des guten Geschmacks, wie man hier so zu sagen (oder als selbstverständlich anzunehmen) pflegt, werden dort in beeindruckender Regelmäßigkeit überschritten. Es sei nur an einen meditativen Film wie Frühling, Sommer, Herbst, Winter, ? und Frühling erinnert, der bei aller poetischen Ruhe nicht ohne Mord und Grausamkeit auskam; von Filmen, die von Anfang an auf Heftigkeit ausgelegt sind, ganz zu schweigen. Man fragt sich wirklich, was in diesen Südkoreanern vorgeht, dass sie Filme diesen Zuschnitts wie am Laufband produzieren.

Nein, keine Kulturanalyse. Das überlasse ich SZ und ZEIT, in The Host ein gesellschaftskritisches, politisches Drama zu erkennen. Zugegebenermaßen fällt diese Interpretation auch nicht schwer - Nordkorea wird wohl kaum aufgrund der Bildsprache oder des Wortwitzes sein Lob ausgesprochen haben, sondern vielmehr wegen der unverschlüsselten Kritik an den USA und am südlichen Nachbarn. Wirklich spannend ist die Familie und ist die Gewalt. Pathetische Reden, denen niemand zuhört. Studentendemos, die in biologischen Waffen in sich zusammenfallen wie ein misslungenes Soufflé. Und tatsächlich erfrischend ist es, wenn ein kleines Schulmädchen in einer großen Filmproduktion sagt, dass sie sich zuallererst ein kaltes Bier wünscht, wenn das alles vorbei ist. Man sieht, was man sonst im Kino eigentlich nicht sieht, was sonst als "unangemessen" oder schlichtweg "nicht zumutbar" gilt. Und das noch dazu mit viel Ratatam und Charakteren zum Liebhaben und noch mal doll umarmen, bevor sie ? nun ja, man ahnte es ja schon. Und bei alldem muss auch nochmals betont werden: es war der größte Publikumserfolg in Südkorea ever. Kein randständiges Experimental-Splatter-Trash-Kino für Freaks. Aber ein kleines bisschen irgendwie doch. Und zwar mit Spaß.
Ach, und übrigens, das Monster ist auch nicht ohne. (René Seyfarth)

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Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Berni schrieb am 13.04.2010 um 09:58 Uhr:

17. Mai 2007

Der letzte Satz ist der schönste ;-) Wollt schon fragen, worums eigentlich geht in dem Film. Aber vielleicht ist das ja auch egal. Gruß, Berni

 
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