Claudia Euen | Drucken11.11.2007 

An der Kreuzung in ein neues Leben

Sinn- und Selbstsuche: die Romanverfilmung „Liebesleben”

Es stürmt über den Dächern Jerusalems. Idyllisch unter Bäumen gelegen, hat die Studentin Jara eine Geburtstagstafel gedeckt. Während sie auf die Gäste wartet, weht der Wind Konfekt und Blumen vom Tisch. Geschenkbänder rascheln zwischen den Ästen. Die Sitzbänke aber bleiben leer. Und Jaras Sorge wächst. Also macht sie sich auf zu dem Haus ihrer Eltern. Dort angekommen, öffnet ihr ein fremder Mann die Tür.

Schon in den ersten Minuten des Films reihen sich ungute Vorahnungen aneinander, wie die Perlen einer Kette. Irgendetwas ist anders an diesem Tag. Ihre Mutter liegt aus unerfindlichen Gründen kränkelnd im Bett und ihr Vater hat sein eigenes Geburtstagspicknick vergessen. Arie, ein alter Studienfreund des Vaters, der nach fast 30 Jahren zu Besuch kommt, sitzt im Wohnzimmer und scheint sich des familiären Chaos nicht bewusst zu sein. Sein spöttischer Hochmut und seine elegante Eitelkeit ziehen Jara unweigerlich in ihren Bann. Sie fühlt sich hingezogen zu diesem großen, stattlichen, viel älteren Mann. Flucht scheint ihr die einzige Möglichkeit sich der Situation zu entziehen. Doch wie in einem Strudel treibt es Jara immer wieder in seine Nähe. Sie ruft ihn an, stellt ihm nach. Er antwortet mit kaltem Sex. Trotz der Demütigung, lässt sie alles stehen und liegen, verlässt ihr eigene Welt um sich Aries Regeln zu unterwerfen.

Es ist absurd mit anzusehen, wie eine selbstbewusste Frau ihre doch glückliche Ehe für einen Mann aufs Spiel setzt; ein Mann, der ihr seelische Ohrfeigen verpasst, der ihr das scheinbare Glück in kleinen Häppchen lieblos vor die Füße wirft. Von leidenschaftlicher Liebe kann hier keine Rede sein. Und doch scheint es irgendetwas zu geben, was sie antreibt. Als wäre sie an eine dieser Wegkreuzungen im Leben geraten, an der ein Schritt in die andere Richtung alles verändern kann. Von der Angst des Ungewissen, die gelegentlich aufflackert, lässt sich Jara nicht beirren. Am Ende bringt sie den Mut auf und verlässt die gewohnten Bahnen, lässt sich von der Faszination des Unvorhersehbaren treiben. Die Fäden ihres bisherigen Lebens sind ihr längst aus den Händen geglitten.

Mit Liebesleben zaubert Maria Schrader ein großartiges Regiedebüt auf die Leinwand. Nach dem gleichnamigen Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev erzählt sie die Geschichte einer selbstbewussten Frau, die beginnt die Fassade ihrer eigenen Existenz einzureißen. Und weil jede Liebe auch gleichzeitig eine Suche nach sich selbst ist, nimmt sie diese zum Anlass die großen Sinnfragen zu stellen. Wer sind wir? Wo liegen unsere emotionalen Wurzeln? Was wollen wir eigentlich von denen, die wir lieben? Und Jara will viel, das weiß Arie genau wie sie. "Du bist hungrig, ich bin satt", sagt er bei einem gemeinsamen Ausflug ans Meer. Und er hat Recht. Sie will wissen, was es auf sich hat mit diesem Fremden, der ihre Eltern so aus dem Gleichgewicht bringt. Sie will wissen, welchen Platz sie in dieser sozial verschachtelten Konstellation eigentlich einnimmt. Während ihrer Suche nach der Wahrheit schreibt sie nicht nur einen Teil ihrer eigenen Biographie neu, sondern legt den Finger in eine familiäre Wunde, deren Schmerz sie nie orten konnte.

Der Film hat etwas Befreiendes, etwas Ehrliches. Weil er manifestiert, dass die Ehrlichkeit zu sich selbst eine Notwendigkeit ist. Wer sich belügt, findet die verdorbenen Früchte früher oder später auf seinem eigenen Teller wieder. In eindrucksvoller Erzählweise und mit Hilfe von metaphorischen Fantasiebildern, erdeutet Maria Schrader das aufgewühlte, nach Verständnis schreiende, Innenleben der Protagonistin. Die Art der Inszenierung erinnert an Philip Kaufmanns und Jean-Claude Carri?res Literaturverfilmung Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Dort fand sich Juliette Binoche in ihrer Traumwelt in einem Schwimmbad wieder, wo sie nackt mit den unzähligen Geliebten ihres Mannes ausharren musste. Erschreckend. Am Ende doch sinnbringend. Für alle, die selbst auf der Suche sind, ist Liebesleben ein Muss und gleichzeitig ein erschütternder Schlag gegen das eigene Ich oder das, was man glaubte zu sein.

Liebesleben
R: Maria Schrader
Mit: Netta Garti, Rade Sherbedgia, Tovah Feldshuh, Stephen Singer, Ishai Golan u.a.
DE / IL 2007 - 113 min.
Kinostart: 8. November 2007
www.liebesleben-derfilm.de


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