| Drucken02.05.2007 

Sozialdrama im Vorortidyll: Todd Fields „Little children” (Claudia Euen)

Little children
Regie: Todd Field
Darsteller: Kate Winslet, Patrick Wilson, Jennifer Connelly, Jackie Earle Haley u.a.
USA 2006 - 136 min.
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany
Kinostart: 26. April 2007
www.littlechildren.de
Als Mutter ungeeignet

Von Anfang an ist klar, dass sie anders ist. Sarah Pierce (Kate Winslet) und Töchterchen Lucy verbringen ihre Tage im Park in einer sauberen Vorstadtidylle inmitten einer Schar aufgeregter Frauen, deren Hauptberuf es ist, Mutter zu sein. Die mäßig interessanten Gespräche über Babynahrung und den täglichen Klatsch und Tratsch erregen nur selten Sarahs Aufmerksamkeit. Oft starrt sie über ihr Buch hinweg ins Leere. Eines Mittags, als alle Supermamas sorgfältig die geschälten Äpfelchen und geschmierten Brote, verpackt in bunten Tupperdosen, auf dem Picknicktisch verteilen, sucht Sarah vergeblich in ihrer Ramschtasche nach etwas Essbaren. Ungeheuerlich, wie konnte sie nur den Vormittags-Snack für ihr Kind vergessen?

Und das ist nur der Anfang des Films. Als die verheiratete Sarah dann den attraktiven Fremden, das Objekt der Begierde der gut erzogenen Kleinstadtfrauen, auf dem Spielplatz küsst, gerät alles aus den Fugen. Wie aufgescheuchte Hühner verlassen sie den Ort des Geschehens dieser moralischen Untat. Zum zweiten Mal nun, nach seinem Debut In the Bedroom, schafft der amerikanische Regisseur Todd Field mit Little Children ein Sozialdrama, welches sich mit den Menschen und ihren Tragödien einer Kleinstadt auseinandersetzt. In den Vororten von Boston ist der Film zu Hause. Zweistöckige Einfamilienhäuser, adrette Vorgärten, blitzblanke Autos vor den Garagen, München-Ottobrunn im amerikanischen Stil.

In dieser architektonisch als auch kulturellen Einöde verkörpert Sarah eine schlafende Kämpferin gegen Vorurteile, Scheinheiligkeit und vor allem Langeweile. Der Kuss ist das Erwachen, die Flucht aus den geordneten Bahnen. Und die Situation scheint perfekt. Ihr Herz ist entflammt für einen Mann, der selbst unglücklich mit seinem Leben, in einer ähnlichen Situation ist wie sie. Seine Leidenschaft entbrennt wie die ihre. So verbringen sie ihre Tage im Freibad der Stadt, die heimliche Liebe im Rücken genauso wie die Sehnsucht nach einem neuen Leben. Wie Scarlett Johannsons in Woody Allens Komikthriller Scoop leuchtet Sarahs roter Badeanzug und zieht die Blicke ihres heimlichen Geliebten auf sich. Die ordnungsliebenden Stadtbewohner haben jedoch gerade eine andere Quelle für die Befriedigung ihrer Sensationslust als eine außereheliche Affäre.

Ein aus dem Gefängnis entlassener Kinderschänder bringt Unruhe in die Harmonie des städtischen Lebens. Eben bei seiner Mutter eingezogen, versucht er, in eine Normalität zurück zu finden. Die gut situierten Bürger verweigern ihm jedoch sein Existenzrecht. Als er zum Schwimmen in das Freibad kommt, flieht eine ganze Stadt aus dem Wasser, er allein bleibt zurück. Todd Field schafft es mit sehr eindrucksvollen und witzigen Szenen, Akzente zu setzen und die Thematik zu verschärfen. Alle starren den Verbrecher an, er erinnert an einen gerade zusammen geleimten Krug, der erneut in tausend Scherben zerfällt.

Auch Sarah und Brad wollen ganz neu anfangen. Doch das Alte wägt gegen das Neue. Wie hoch ist der dafür zu zahlende Preis? Hoffnung und Angst wechseln sich ab. Ist ein Ausbrechen möglich? Todd Field schafft es immer wieder, bekannte Fragen in einem emotionalen und einfühlsamen Film kunstvoll zu verweben. Seine Darsteller scheinen fast ein wenig zu perfekt für seine Absicht. Die sinnliche Kate Winslet und der muskelbepackte Patrick Wilson gehören zur Sorte Standard-Hollywoodpärchen und doch geben Sie ihren Charakteren so viel Tiefe, so dass sich der Film mit den aalglatten, amerikanischen Bestsellerfilmen keineswegs vergleichen lässt. Auch die anderen Nebenrollen wie Jennifer Connelly und Jackie Earle Haley, der zurückgekehrte Verbrecher, sind gut und präzise besetzt. Für alle die, die große Geschichten mit einer ausbrechenden Portion Dramatik lieben, für die, die sich für das Seelenleben der Menschen interessieren und nicht nur für ihre Oberfläche ist Little Children der richtige Film. (Claudia Euen)

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