| Drucken25.07.2003 

Spike Lee: 25 Stunden (Diana Kluge)

Regisseur: Spike Lee
DB: David Benioff
Kamera: Rodrigo Pietro
Darsteller: Edward Norton, Anna Paquin, Barry Pepper, Philip Seymor Hoffman, Rosario Dawson
USA 2002/ 134 min
Cineding
Spike Lee: 25 Stunden

25 Stunden sind nicht viel angesichts der restlichen 364 Tage im Jahr. Doch für Monty, (Edward Norton) einem Drogendealer aus New York, ist dies die Zeit, die er verbringt, bevor er für sieben Jahre ins Gefängnis muß. 25 Stunden also, um sein Leben Revue passieren zu lassen, sich zu verabschieden und herauszufinden, wer ihn verraten hat. Es wird ein langer Tag und eine lange Nacht für Monty, seinen Vater, seine Freundin Naturelle und für seine beiden Freunde: Francis, der smarte Wall Street Manager, und Jacob, ein verklemmter Lehrer, der eine pubertäre Schülerin begehrt.

Spike Lee lässt sich und seinem Protagonisten zunächst viel Zeit. In langen, ruhigen Einstellungen, begleitet von einem klassischen, bedrohlich klingenden Musikmotiv, geht Monty seinem letzten Tag entgegen. Um die Vielschichtigkeit jeden Augenblickes dieses kurzen Tages bildlich festzuhalten, wählt Lee einprägsame, schnelle und verwirrende Kameraeinstellungen. Von allzu großer Nähe geht es zurück zu halbnahen Einstellungen, bis hin zu Halbtotalen, um wieder bei einer Nahaufnahme zu enden. Auch die schnell wechselnden Kameraachsen zeigen die Bedeutung eines jeden Augenblickes, der nie wiederkehrt. Montys Rückblenden werden in bunten Farben erzählt und bilden so ein Symbol, für eine Zeit, in der alles besser lief. Verstörend und an die Radikalität einiger von Lees früheren Filmen erinnernd ist jene Szene, als Monty eine Hasstirade auf die Einwanderer in New York loslässt. Wütend und zornig werden hier Klischees bedient und mit bunten Bildern unterlegt. Dieser für Zündstoff sorgende Moment geht allerdings in den oberflächlichen Dialogen unter.

Monty ist New Yorker und Spike Lee zeigt eine verwundete Stadt nach dem 11. September. Montys letzter Tag in Freiheit und jener verhängnisvolle Tag im September werden so zu einer Art Gleichnis für 24 Stunden, die Leben verändern oder gänzlich auslöschen können. Lee gelingt es allein durch die Kamera, die Stimmung des heutigen New Yorks einzufangen. Die Folgen des einen Septembertages sind in dieser Stadt mit jeder Faser ständig und überall spürbar. Gleich zu Beginn des Filmes fängt Lee's Kameramann Pietro in verschiedenen totalen Einstellungen die Lichtsäulen der Twin Towers ein. Zwei blaue Lichtstrahlen, umringt von den hell erleuchteten New Yorker Wolkenkratzern, als ein Symbol für die Vergänglichkeit, aber auch das Weiterleben. Dieses Blau findet sich wieder auf Montys Abschiedsparty in einem Nachtclub. Dem Vorort der Hölle gleich, bewegen sich anonyme Leiber zum Groove eines 17-jährigen DJ's. Es wird zu einem Ort der Abrechung und Wahrheiten. So spricht Monty das erste Mal offen über die Angst vor dem Leben, das ihn erwartet.

Auch Ground Zero wird in seinem schmerzlichen Ausmaß gezeigt. Es ist eine der längsten und ruhigsten Einstellungen dieses Filmes. Während Jacob und Francis über ihr Leben reden, sitzen sie vor einem Fenster, das den Blick auf Ground Zero frei gibt. Mit einer Musik unterlegt, die Gänsehaut erzeugt, zwingt Lee den Zuschauer für mehrere Sekunden in den blau getauchten Abgrund zu sehen.

Spike Lees Film ist eine Hommage an das Leben. ?Um Haaresbreite hätte es dieses Leben nie gegeben?, wird am Ende Montys Vater sagen. Und genau darum geht es, um die Bedeutung jedes einzelnen Tages, an dem man Entscheidungen fällt, die ein ganzes Leben beeinflussen können. Leider ist dieser Film über weite Strecken nicht geglückt. Während Lee die Folgen des 11. Septembers allein durch Bilder einfängt und damit tiefe Eindrücke hinterlässt, erscheint im Gegensatz dazu die eigentliche Geschichte banal und belanglos. Das Schicksal von Monty und seinen Freunden lässt einen eher unberührt. Sie haben sich nicht wirklich viel zu sagen und langweilen mit ihren sinnentleerten Dialogen. Erst am Ende, wenn Monty für einen kurzen Moment seine coole Fassade aufgibt und hemmungslos seine Fehler bereut oder wenn sein Vater ihn auffordert zu fliehen und ein neues Leben zu beginnen, packt einen dieser Film mit Haut und Haaren. Nur leider ist es dann zu spät!

(Diana Kluge)

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