Marie-Louise Monrad Møller | Drucken28.10.2011 

Panik! Seuche! Popcornkino!

Hysterische Jagd nach dem Killer-Virus: Steven Soderberghs „Contagion“ zeugt von unfreiwilliger Komik

Jennifer Ehle als Dr. Ally Hextall (Bilder: Warner Bros.)

Ist es vermessen, einen Film langweilig zu finden, obwohl er (unter anderem) in Hong Kong, San Francisco, Tokio, Chicago und einem chinesischen Urwald spielt? Obwohl (unter anderem) Kate Winslet, Matt Damon, Jude Law und Gwyneth Paltrow ihre Künste zum Besten geben? Vermutlich. Aber irgendwie hat man das, was in Steven Soderberghs neuem Film Contagion erzählt, gezeigt, gespielt wird, doch alles schon mal gesehen. Sie kommen eben immer wieder: Filme, die die Blockbustermaschinerie am Laufen lassen und sich herrlich einfach in Kategorien einordnen lassen – Schubladen-Kino par excellence.

Contagion ist ein Virus-Thriller. Also erwarten uns epidemisch auftretende Todesfälle, üble Krankheitsbilder, Massenhysterie, hektische Ärzte, unterkühlte Wissenschaftler und ein einsam-trauriger Held (Matt Damon als angedickter Familienvater in Strickpulli), der natürlich nicht nur gegen die mysteriöse Krankheit immun ist, sondern auch gegen menschliche Makel, als die Gesellschaft kollabiert und er seine Tochter aus Vorsichtsmaßnahmen zu sozialer Isolation verdammen muss. (Er schenkt ihr am Ende dafür ein rosa Kleid aus Tüll.)

Seine Frau Beth (Gwyneth Paltrow) war es, die als Erste den Erreger in die USA trug. Zurück von einer Geschäftsreise in Asien, fühlt sie sich nicht gut. Es wird der Wetterumschwung sein, eisig die Temperaturen in Minnesota. Doch dann bricht sie in der Küche zusammen, schäumt aus dem Mund, zuckt epileptisch und stirbt. Die Obduktion ergibt Furchteinflössendes. Was genau die Pathologen sehen, als sie in Beths offenem Gehirn herumstochern (nachdem sie ihr zuvor die Schädeldecke säuberlich abgezogen haben – ein Lob an die Maskenbildner!), wird einem verschwiegen. Aber das besorgte Augenbrauenrunzeln der mundschutzmaskierten Pathologen gibt zu verstehen: Es muss sehr, sehr gefährlich sein.

Und richtig, kaum kehrt Beths Ehemann Mitchel Emhoff verstört aus dem Krankenhaus zurück, da liegt auch schon sein Stiefsohn tot im Bett. Zeitgleich sterben auch in Asien Menschen aus unerklärlichen Gründen. Bilder taumelnder, schwitzender, keuchender Menschen all over the world. Eine Epidemie? – Oh no! Jetzt geht es fix: Cuts und grummelnde Musik (zugegeben jedoch ein ziemlich gelungener Soundtrack!), die Seuchensuche beginnt. Wo kommt sie her? Wer ist infiziert? Wie können wir uns schützen? Panik!

Während Kate Winslet in der Rolle der couragierten Dr. Erin Mears im Auftrag des „Epidemic Intelligence Service“ Krankenstationen im winterlichen Minneapolis aufbaut, entschlüsselt Biowissenschaftlerin Dr. Ally Hextall (Jennifer Ehle) hinter desinfizierten Labortüren das (von realen Wissenschaftlern eigens für den Film konstruierte) 3-D-Modell des Virus. Dabei sagt sie sehr komplizierte Dinge, die ihr Vorgesetzter (Laurence Fishburne) nickend versteht. Beide haben große Angst, denn das Virus ist klüger als sie!

Aber halt, Dr. Ally Hextall ist ein gewitztes Kerlchen. Da blitzt doch so etwas in ihren Augen, sie wird doch nicht etwa den dringend benötigten Impfstoff entwickeln? Doch, doch, ruhig Blut, natürlich wird sie, aber vorher muss Matt Damon noch durch einige verwahrloste Straßen laufen (warum liegt da plötzlich überall Müll?), seine Tochter mit dem Gewehr beschützen, müssen Affen im Labor verenden, Jude Law als Blogger den Pharmakonzernen verschwörungstheoretische Paroli bieten und manch ein Bürger sein Leben lassen, um mit anderen Virusopfern plastiktütenverpackt im schneebedeckten Massengrab zu verschwinden.

Gleichzeitig muss natürlich aufgeklärt werden, wo die Keimzelle des Bösen denn nun liegt, also reist WHO-Beauftragte Dr. Leonora Orantes (Marion Cotillard) von Genf (ungewohnt: Armin Rohde in der Rolle ihres Schweizer Supervisors) in die chinesische Provinz, um auf den Spuren der letzten Lebenstage Beths den Virus-Ursprung zu finden. Dabei sieht sie natürlich auch als Geisel im Lieferwagen noch sinnlich schön aus.

Steven Soderberg betont den realen Bezug des Ganzen, und natürlich ist die Story vielfach interpretierbar. „Nichts verbreitet sich schneller als Angst“, lautet ihr Untertitel. Angst vor fremden Regionen, körperlichem Kontrollverlust, Verlassenheit, sozialer Isolation (der Sicherheitsaufruf der Filmärzte: Sprich mit niemanden, rühre keinen an!), gesundheitspolitischen Machtspielen, unsichtbaren Krankheitserregern. Und ja, wir erinnern uns. Nach BSE, H5N1 und H1N1 zuletzt die EHEC-Erreger. Zu Impfstofferpressungen, voll gemüllten Straßen und Plünderungen kam es damals glücklicherweise nicht. Im Gegenteil, am Ende blieben die Gurken übrig.

Contagion

USA 2011, 106 min

Regie: Steven Soderbergh

Darsteller: Marion Cotillard, Matt Damon, Laurence Fishburne, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet

Kinostart: 20. Oktober 2011, u.a. CineStar Leipzig


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