Constanze Stutz | Drucken25.03.2013 

Liebe nach dem Happy End

Sarah Polley findet in „Take This Waltz“ übergroße Erklärungen für das Scheitern einer Ehe

In die Ehe von Lou (Seth Rogen) und Margot (Michelle Williams) hat sich der Alltag eingeschlichen (Fotos: Verleih)

Er und sie haben sich gefunden, geheiratet und die hübsch schäbigen Holzmöbel im Reihenhaus richtig platziert. Wo die meisten der ungezählten Liebesfilme gemächlich in den Abspann überblenden, verliebt sich Margot (Michelle Williams) in einen Anderen. Die Hauptfigur in Take This Waltz gibt ein Leben auf, das liebevoll und spannungslos vor sich hinläuft, um mit dem Künstler Daniel (Luke Kirby) nach ein paar aufregenden Monaten genau wieder da anzukommen, von wo aus sie losgelaufen ist. Nur die Holzmöbel kommen im Lichte der neuen Wohnung besser zur Geltung.

Lou (Seth Rogen), der Mann, der verlassen wird, schreibt Kochbücher über die unterschiedlichen Arten Hühnchen zuzubereiten. Margot besucht ihn manchmal in der Küche, wenn es ihr am Schreibtisch zu einsam wird. Sie möchte irgendwie schon schreiben, momentan allerdings mehr Prospekte als Gedichte. Es wird klar: eine Ehe in der Krise. Eine leise natürlich, denn sie lieben sich ja. In Margots Augen spiegeln sich verschwommen die alltägliche Grenzgänge einer Beziehung: die vorgeschobenen Probleme, die Aushandlungen, das Suchen nach Worten, die irgendwann nur noch „Ich liebe dich“ heißen oder ganz ausbleiben. Exemplarisch steht hierfür ein Wasserglas, das Margots Ehemann ihr jeden Tag von neuem, ohne ihr Wissen, mit infantilem Genuss unter der Dusche über den Kopf schüttet. Dieses Geheimnis wird die totale Aufklärung der Trennung nicht überleben.

Take this Waltz setzt an, wo „Ich liebe dich“ eine Antwort ohne Frage bleibt. Erwachsene Liebe nach dem finalen Kuss wird selten erzählt in der Bedeutungsmaschinerie der Filmindustrie. Eine grandiose Ausnahme bleibt Derek Cianfrance's Blue Valentine, ebenso mit einer umwerfend verzweifelten Michelle Williams in der Hauptrolle. Beide Filme kreisen um mögliche und unmögliche Konsequenzen, die aus einem Leben (und Lieben) mit all seinen Widersprüchen erwachsen können.

Als Margot den Künstler Daniel (Luke Kirby) trifft, will sie ihre bisherige Beziehung aufgeben

Findet man bei Blue Valentine noch ein gnadenloses Sezieren einer am Leben gescheiterten Liebe, verbleibt Take this Waltz auf einer verspielten und angedeuteten Ebene. Worte werden gesucht um Gefühle greifbar, erklärbar zu machen. Leider findet Regisseurin Sarah Polley, die auch das Drehbuch geschrieben hat, nur übergroße. So wird aus der alkoholsüchtigen Schwägerin (Sarah Silverman) die schlichte Aussetzung einer ganzen Familie. Als Apologetin der Wahrheit erklärt sie Margot am Ende des Films: Wir Menschen haben alle ein riesiges Loch in uns, und man sollte nicht die ganze Zeit versuchen es zu stopfen. Das Unabgegoltene, Widersprüchliche zwischen den Menschen und ihrer Wirklichkeit wird eingestampft oder in fertig verpackte Sinnbröckchen zerlegt.

In den besten Momenten gelingt es gerade Michelle Williams gegen diese Überproduktion von Lebenssinn und Bedeutung anzuspielen. In der lauten Rahmung eines Wassergymastikkurses ist es ihr ins Hysterische kippender Lachanfall samt Ins-Hallenbad-Pinkeln, eines der letzten großen nachbürgerlichen No-Gos, der den Ambivalenzen eines Liebens zwischen sich selbst, der vertraut langweiligen Sicherheit und der Unwägbarkeit eines Fremden neue Möglichkeitsräume öffnet. Die Figur der Margot trifft ihre Entscheidungen mit all dem Egoismus, dem Mut und der Schüchternheit eines denkenden Menschen. Leider findet sich gerade diese Vielschichtigkeit nicht in allen Charakteren wieder.

Sarah Polley manövriert ihre Figuren zielsicher in einen deterministischen Zirkel: Alle (na gut: alle heterosexuellen romantischen Zweierbeziehungen) enden aus sich selbst heraus letztendlich vor einer stetig offenen Klotür und oder dem Fernseher. Mit dem Ausblenden der letzten Einstellung des Films — Michelle Williams sitzt nun allein in der Achterbahn (des Lebens) und schafft es, sich ein Lächeln abzuringen — wird man allein mit dem Gefühl zurückgelassen, dass mehr Vertrauen in Nuancen und Ambivalenzen durchaus gut getan hätten. Aber vielleicht geht es Polley ja wie ihrer Hauptfigur Margot, die noch in einer der ersten Einstellungen meint: „I don’t like being in between things.“

Take This Waltz

Kanada 2011, 116 Minuten

Regie: Sarah Polley; Darsteller: Michelle Williams, Seth Rogen, Luke Kirby, Sarah Silverman

Kinostart: 6. März 2013


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