Fabian Stiepert | Drucken16.08.2012 

Alles so schön bunt hier

Klassiker der Tschechischen Neuen Welle: Das Label Bildstörung veröffentlicht den experimentellen Spielfilm „Tausendschönchen“ auf DVD und Blue-ray

Pippi Langstrumpf hätte sich mit ihnen sicher gut verstanden: Marie 1 (Jitka Cerhová) und Marie 2 (Ivana Karbanová), Hauptfiguren in dem Film „Tausendschönchen“ (Fotos: Filmove Studio Barrandov)

Das gibt es selten: Ein Film, bei dem die Beschreibung der ersten Szene ausreicht, um einen Großteil der Handlung zu erfassen. Also: Zwei Frauen, Marie 1 (Jitka Cerhová) und Marie 2 (Ivana Karbanová), sitzen im Schwimmbad nebeneinander und sinnieren über die Verdorbenheit der Welt. Fortan beschließen sie selbst so verdorben wie möglich zu sein und leben ein nihilistisches Leben im Zeichen der Anarchie. Was danach folgt, basiert gänzlich auf dieser ersten Szene. Marie 1 und 2 essen so viel sie können, nutzen die Freigiebigkeit älterer Männer und dekonstruieren munter ihre Welt und sprichwörtlich sich selbst. Wäre Pippi Langstrumpf entgegen ihrem Willen irgendwann erwachsen geworden, hätte sie sich mit den beiden Unruhestiftern auf jeden Fall sehr gut verstanden.

Was ein wenig nach intellektueller Spielerei klingt, erweist sich schnell als ein riesiger, kinematographisch durch und durch ausgereifter Jux mit geschickt platzierten ernsten Untertönen. Marie 1 und 2 sind dabei von einem derartigen Spieltrieb besessen, dass ihre unverbrüchliche gute Laune schier eine Wonne ist. Aber der Film liefert nicht nur Bilder von frühem Pop-Anarcho-Feminismus. Für sein Entstehungsjahr 1966 ist er pure Avantgarde und schwelgt in vielfarbigen Bilderwelten, die wohl ewig berauschend sein werden, ganz egal, wie weit das Kino irgendwann von Special Effects aus dem Computer dominiert wird. Die verschiedenen Kamerafilter, die den Film mal düstergrau bis regenbogenbunt färben oder die schnell geschnittenen Collagen von Schmetterlingen und Sägespänen machen eins deutlich: So viel handgemachte quietschbunt-trippige Bildgewalt sucht seinesgleichen und dank soviel Akkuratesse wird Tausendschönchendefinitiv für jeden zu einem unvergesslichen Filmerlebnis.

Die aufgemotzte DVD-Version schwelgt in vielfarbigen Bilderwelten

Man mag es mal wieder gar nicht glauben, was für ein weiteres Juwel das Kölner Label Bildstörung in hervorragender Aufmachung auf den Markt bringt. Die Bildqualität ist für einen Film, der bald ein halbes Jahrhundert alt sein wird, absolut überragend und der Pappschuber sowie das 24-seitige Booklet machen den Film zu einem echten Sammler- und Schmuckstück für die heimische DVD-Kollektion. Das Bonusmaterial ist zwar nicht allzu umfangreich, aber die enthaltene 25-minütige Doku dafür äußerst informativ hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Films und wieso er nach dem Prager Frühling verboten wurde. Ein englischsprachiger Audiokommentar von Daniel Bird und Peter Hames, beide absolute Experten auf dem Gebiet des tschechischen Kinos, sorgt für eine noch tiefergehende Analyse dieses herausragenden Films. Das Einzige, was negativ hervortritt, ist die etwas softpornohaft anmutende deutsche Synchronisation, die aber wohl eher dem damals verantwortlichen Synchronstudio als den Herausgebern anzulasten ist. Dann doch lieber den Originalton (mit Untertiteln) nutzen, damit man den wahren Charme dieses Meisterwerks voll und ganz auskosten kann.

Tausendschönchen

Auf DVD und Bluray

Auch erhältlich als Limited Edition inklusive Soundtrack (streng limitiert auf jeweils 300 Stück)

Regie: Věra Chytilová

Spieldauer: 73 Minuten

Ton: Tschechisch 2.0, Deutsch 2.0

Untertitel: Deutsch

Bildformat: 4:3 Vollbild

Bonusmaterial: Audiokommentar von Daniel Bird und Peter Hames; Doku „Ungezogene junge Leute“

Erschienen bei Bildstörung im Vertrieb von Alive


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