Verena Lutter | Drucken05.07.2012 

Held ohne Fallhöhe

Andrew Garfield statt Tobey Maguire: Der neue Peter Parker in „The Amazing Spider-Man“ hat sein Nerd-Image abgelegt

Der menschlichste aller Superhelden ist zurück auf der Kinoleinwand (Fotos: Sony Pictures Releasing GmbH)

Superhelden wirken umso interessanter, je unterschiedlicher ihre beiden Identitäten sind. Clark Kent aus der US-Fernsehserie Superman ― Die Abenteuer von Lois und Clark ein leicht vertrottelter und schüchterner Zeitungsreporter, doch als Superman strotzt er vor Selbstvertrauen. Batman nennt sich gerade deshalb so, weil er eigentlich Angst vor Fledermäusen hat. Und Sam Raimis Peter Parker verkörpert den ultimativen High-School-Loser, der als Spiderman von allen verehrt wird.

Zwischen dem ersten Teil von Raimis Spider-Man-Trilogie und Marc Webbs Neustart mit The Amazing Spider-Man liegen nur zehn Jahre. Der Streit um das Drehbuch für Spider-Man 4 hatte sich so lange hingezogen, bis Raimi und sein Hauptdarsteller Tobey Maguire hinschmissen. Außerdem wollte Sony mit der erneuten Verfilmung des Marvel-Comics angeblich eine Zielgruppe zurückholen, die mit Spider-Man 3 vergrault worden war: die der Teenager.

Statt einer Weitererzählung mit Tobey Maguire und Kirsten Dunst gibt es einen Neustart mit Andrew Garfield und Emma Stone im High-School-Milieu

Zumindest das dürfte gelingen. Wo Spider-Man 3 die Konflikte von Erwachsenen verhandelte (Beziehungskrise, Identitätskrise, Verantwortung als Bürde), geht es in The Amazing Spider-Man wieder zurück an die High School. Mit Andrew Garfield schickt Webb außerdem einen wesentlich massenkompatibleren Peter Parker auf die Leinwand als Maguire. Auch er trägt das Nerd-Markenzeichen Hornbrille. Doch bei ihm ist es völlig anders codiert. Das Publikum erfährt, dass die Brille von Parkers Vater getragen wurde, bis er durch mysteriöse Umstände ums Leben kam. Die Brille wird in der Folge zum Symbol für Parkers Streben, diese Umstände aufzudecken. Und sie wird (Kalkül oder nicht) zum schicken Accessoire, da sie der aktuellen Brillenmode folgt. Ihrem Träger steht sie außerdem ausnehmend gut. Sicher hat Webb Garfield auch deshalb ausgewählt, weil er mit seinem perfektem Äußeren einige Mädchenherzen höher schlagen lassen wird.

Dass The Amazing Spider-Man in 3D gefilmt wurde, passt zu seinem makellos aussehenden Hauptdarsteller. Hinter der Entscheidung für diese Technik stand wohl auch die Angst, nicht genügend Teenies in die Kinos locken zu können. Das Ergebnis dürfte ihnen gefallen: Eist ohne Frage beeindruckend, wie sich der Spinnenmann aus den Häuserschluchten New Yorks in den Kinosaal zu schwingen scheint. Doch die perfekten Effekte wiegen die vielen Schwachpunkte des Films nicht auf.

Dr. Curt Connors (Rhys Ifans) verwandelt sich in The Lizard

Die Liebesgeschichte zwischen Peter Parker und Gwen Stacy (Emma Stone) gleicht der in tausend anderen Teenie-Filmen. Vergleichsweise schnell und leider mit viel weniger Drama als bei Raimi finden die beiden zueinander. Zusätzlich dazu fehlt ein die ersten beiden Spider-ManTeile prägendes Spannungselement: Gwen entdeckt sehr bald, dass sich Peter hinter der Spinnenmaske verbirgt. Mary Jane (Kirsten Dunst) brauchte dafür wesentlich länger. Genau das machte die Beziehung zwischen ihr und Peter aber so faszinierend.

Die Verwandlung von Dr. Curt Connors (Rhys Ifans) in The Lizard kann dank inzwischen ausgereifterer Computertechnik genauer gezeigt werden als beispielsweise die des grünen Kobolds (der sah aus wie ein Power Ranger). Und sie verfehlt ihre Wirkung nicht: richtig schön ekelhaft, wie Dr. Connors ein glitschiger Arm wächst, der sich zur Echsenpranke verhärtet. Genauso wie Raimis Bösewichte ist Webbs Lizard zudem ein Monstrum mit menschlichen Motiven. Die Tatsache, dass er zusätzlich dazu ein Freund von Peters Vater war, bringt eine gehörige Portion Spannung in seine Beziehung zur Hauptfigur. Das alles macht The Lizard mit Abstand zum interessantesten Charakter dieses Films.

The Amazing Spider-Man krankt in erster Linie daran, dass seine Hauptfigur kein Nerd mehr ist. Bei Raimi musste Maguire dem Schulbus nachrennen, Garfield hat gleich mehrere coole Skateboards im Zimmer hängen. Der neue Peter Parker braucht das Spinnenkostüm nicht mehr, um ein Anderer zu sein. Er hat schon Muskeln und Selbstvertrauen, bevor ihn die genmanipulierte Spinne beißt. Er ist ein Held ohne Fallhöhe.

The Amazing Spider-Man

USA 2012, 136 Minuten

Regie:Marc Webb; Darsteller: Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Denis Leary, Campbell Scott, Martin Sheen, Sally Field

Kinostart: 28. Juni 2012


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