Fabian Stiepert | Drucken21.08.2013 

Das Leben ist eine Party,
die Requisiten gibt’s umsonst!

In „The Bling Ring“ findet Sofia Coppola zu alter Form zurück

Sie klauen, weil sie schöne Dinge haben wollen … (Fotos: Pathé Films)

Eine gewisse Enttäuschung ließ sich nicht verbergen, als man im Spätsommer 2010 nach dem Anschauen von Sofia Coppolas Somewhere das Kino verließ. Es entstand fast schon der Eindruck, dass sich nach dem auch nicht unbedingt überragenden Marie Antoinette bei der Tochter von Francis Ford Coppola ein Ausruhen auf den durch Lost in Translation eingeheimsten Lorbeeren eingesetzt hatte. Wer 2003 Treibstoff für seine Quarterlife-Crisis brauchte, der musste sich nur anschauen, wie sich die bildschöne Scarlett Johansson in rosa Unterhose im Bett eines Hotels in Tokio hin- und herwälzte und mit Bill Murray über das Leben philosophierte. Schon fühlte man sich so verstanden wie schon lange nicht mehr. Für all die jungen und ziellosen Menschen da draußen gab es endlich einen neuen Lieblingsfilm.

In The Bling Ring löst sich Coppola von ihrer zuvor festgefahren erscheinenden Rezeptur aus Melancholie, Hotels, Betten, Luxus und Langeweile und serviert ihren Zuschauern eine knallbunte Collage von Teenagern, deren Leben ohne ein Dazugehören zum Showbusiness sinnlos erscheint. Weil die Sehnsucht so groß ist und der eigene Geldbeutel nach eigenem Empfinden so klein, fangen die Jugendlichen an in Nacht- und Nebelaktionen in die Häuser von Berühmtheiten wie Paris Hilton (deren Schlüssel sich doch tatsächlich direkt unter der Fußmatte befand!), Megan Fox, Orlando Bloom und Lindsay Lohan einzubrechen. Dort wird dann spontan gefeiert und was einem gefällt, nimmt man sich einfach mit. Ist ja sowieso eher auszuschließen, dass es den millionenschweren Opfern auffällt, wenn das eine oder andere Teil aus der Schmuck- und Schuhsammlung fehlt, bei dem Überfluss.

… bis ihre Facebook-Partyfotos sie verraten.

Bei so viel Fatalismus im Hinblick auf das eigene illegale Handeln kann es nicht lange dauern, bis die Einbrüche und Diebstähle auffliegen und die ausgelassene Party schnell ein Ende findet. Am negativsten stößt am Ende die fehlende Solidarität zwischen allen Beteiligten auf. Jeder geht isoliert von den anderen zum Prozess und manch eine, wie die von Emma Watson bravourös verkörperte Nicki Moore, nutzt ihre Verurteilung noch zur Selbstdarstellung anstelle einer öffentlichen Entschuldigung. Was man am Anfang schon geahnt hat, bekräftigt sich nochmals am Ende: mangelnde Reflexion über die eigenen Taten, das völlige Fehlen vernünftiger Wertebilder in Kombination mit an Dummheit grenzender Naivität dürfen nicht ungestraft bleiben.

Zugegeben: Bei so vielen Jungschauspielern mit eher wenig Berufserfahrung darf man bei The Bling Ring keine Ansammlung oscarreifer Schauspielleistungen erwarten. Für das manchmal etwas dahingeschluderte und unprofessionell improvisiert wirkende Schauspiel von Katie Chang und Israel Broussard entschädigen dafür eine brillante Leslie Mann als vom Berühmtsein besessene Übermutter und eine Emma Watson, wie man sie noch nie gesehen hat (dafür will man ihr glatt das banale Teeniefilmchen Vielleicht lieber morgen verzeihen; eine Schande, wie dort Watsons und Ezra Millers Talent verschwendet wurde). Trotzdem merkt man an vielen Stellen, wie einfühlsam Coppola mit ihren Akteuren gearbeitet hat. Schließlich geht es in vielen Szenen darum, eine Gruppendynamik herzustellen, die sich im Gleichgewicht von scheinbar ewiger Jugend und krimineller Energie befindet. Das muss ihr filmisch erstmal einer nachmachen.

Nachdem Coppola in ihren beiden vorangegangenen Filmen weit hinter ihren Möglichkeiten zurückblieb, findet sie in The Bling Ring zu alter Stärke zurück. Im Gegensatz zu Harmony Korines unsäglichem Disneystar-Vehikel Spring Breakers schafft es The Bling Ring einen authentischen Blick auf die durch Celebrity-Kult und Konsumsucht verkorkste amerikanische Jugend zu werfen, ohne dabei ― wie Korine ― eine genauso verwerfliche „Laissez-faire“-Haltung an den Tag zu legen oder das bunte Treiben aus Luxus, Drogen und ständigem „Selfie“-Knipsen gänzlich zu verdammen. Vielleicht ist es der genial inszenierte, auf sanfte Weise vor den Kopf stoßende moralische Kern, der sich in der Schlusspointe des Films erst so richtig offenbart und den Zuschauer nach dem Anschauen von The Bling Ring so zufrieden zurücklässt. So ganz genau lässt sich das nicht beantworten. Aber eins steht fest: Wenn Frank Ocean passenderweise im Abspann des Films von „Super rich kids with nothing but fake friends“ singen darf, dann ist es wieder da: dieses Gefühl von Trost, das einem nur richtig gut gemachte Filmkunst geben kann.

The Bling Ring

Land Jahr, 91 Minuten

Regie:Sofia Coppola; Darsteller: Emma Watson, Leslie Mann, Taissa Farmiga, Erin Daniels, Israel Broussard, Katie Chang

Kinostart:15. August 2013


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