Tobias Prüwer | Drucken05.05.2013 

Mit Tattoos durch Leben und Tod

Himmelhochjauchzend und tieftraurig: Der Film „The Broken Circle“ punktet nicht nur in punkto Hautkunst

Bilder: Pandora Film

„Ich habe deinen Namen übermalt“. Als Zeichen, dass sie nicht mehr an der Seite ihres Mannes sein kann, hat Elise seinen Schriftzug von ihrem Körper getilgt. „Didier“ zierte zu freudvolleren Tagen ihre rechte Leiste nebst einem Glückstropfen verschießenden Revolver. Nach dem Krebstod der gemeinsamen Tochter aber fühlt sich die einstige Lady Lucky – davon zeugen ihre Fingertattoos – Elise in einen neuen, traurigen Lebensabschnitt gedrückt und markiert diesen mit Tinte.

Didier und Elise bilden das innig-verliebte Gespann von The Broken Circle. Hoch emotional und absolut ergreifend erzählt der belgische Film von ihrer Liebe, dem Verlust der siebenjährigen Tochter und dem Entgleiten des gemeinsamen Lebens. In Rückblenden und den Zuschauer nicht überfordernden Zeitsprüngen lässt Regisseur Felix Van Groeningen (Die Beschissenheit der Dinge) dieses leicht kauzige Outsiderpärchen am Rande der Mainstream-Gesellschaft auftreten und die Sympathie des Publikums im Sturm gewinnen. Er ist Bluegrass-Musiker, sie steigt in seiner US-Folkmusik-Band ein, ist aber von Haus aus Tätowiererin. Nicht nur auf ihrem Körper, sondern auch im Film hat die Hautkunst ihre Spuren hinterlassen und zeigt sich als dessen untergründiges Leitmotiv.

Jeden neuen Lebensabschnitt begeht die ebenso sensibel-zerbrechliche wie selbstbewusst-starke Elise mit einer neuen Tätowierung. Die wechselnden Daseinsetappen werden oft durch Männer markiert, deren Namen die Tätowiererin dann einfach überschrieb. Sie tätowiert sich zum Teil selbst, was als ihr persönliches Ritual erscheint, das Leben durchzustehen. Denn vor den sieben Jahren Glück mit Didier hat sie scheinbar mehr als sieben Jahre Pech erlitten – und nach dieser himmelhochjauchzenden Schonzeit geht es ja für sie wieder abwärts. Ein geflügeltes Herz mit Skelettpaar auf dem Brustbrein, ein Kreuz im Nacken, Schmetterling und Frauenkopf mit Schwingen auf den Schulterblättern: Protagonistin Elise ist ordentlich zugehackt, was die Tätowierung, selbst wenn sie nie im Vordergrund steht, immer anwesend sein lässt. Hier ragt ein Stück Haut mit Pfau ins Bild, gekreuzte Schlüssel sind es in einer anderen Einstellung. Einige Szenen spielen auch in Elises Tattoo-Studio, das realistisch dargestellt ist und nicht als die of bemühte schmierig-schmutzige Kellerhöhle. Weil sie so völlig natürlich zur lachenden und leidenden Elise gehören, erscheinen die Tattoos – sie hat die Tätowierin Emy la Perla aus Brüssel entworfen – eher wie mit ihr verwachsen denn aufgemalt zu sein. Sie strahlen hier absolute Normalität aus, was ein großer Pluspunkt des ohnehin großartigen Films ist.

Wie geht man mit dem Tod, wie gehen Eltern mit dem Sterben ihres Kindes um? Noch dazu, wenn ein Elternteil nicht religiös ist? Das ist die zentrale Frage von The Broken Circle. Glück ist zerbrechlich, der wunderbare Kreislauf aus Kennenlernen, Hochzeit und Kinderfreude mag nicht anhalten. „Halte Dich an Deiner Liebe fest“, summt dieser poetische Streifen aus allen Szenen, ohne überzogen darzustellen oder extra auf die Tränendrüse zu drücken müssen. Auf der Berlinale 2013 hat er Deutschlandpremiere gefeiert und einen Publikumspreis gewonnen. Seit 25. April ist der tiefgehende und berührende Film in den deutschen Kinos zu sehen. Sind gebrochene Herzen nur eines von Elisas Motiven, so wird The Broken Circle auch bei manchem Zuschauer das Herz erweichen – spätestens mit Elises todtraurigem Versöhnungstattoo.

The Broken Circle

Belgien 2012, 112 Minuten

Regie: Felix Van Groeningen; Darsteller: Veerle Baetens, Johan Heldenbergh, Nell Cattrysse

Kinostart: 25. April 2013


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