Verena Lutter | Drucken31.10.2015 

Die gefährliche Welt des Dokumentarfilmers

DOK Leipzig: Kristýna Bartošová kommt in „The Dangerous World of Doctor Doleček” einem Srebrenica-Verharmloser näher, als ihr lieb ist – zum Glück für das Kinopublikum

Rajko Doleček und Kristýna Bartošová an dem Ort, wo 1995 das Massaker von Srebrenica stattgefunden haben soll. Die Szene ist zugleich Höhepunkt des Films: Beharrt Doleček selbst hier auf seinem Standpunkt? (Foto: DOK Leipzig)

Das Massaker von Srebrenica gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 8000 Bosnier starben im Juli 1995, als die Armee der bosnischen Serben unter General Ratko Mladić im Verbund mit serbischen Paramilitärs und der Polizei Rache nahm am jugoslawischen Brudervolk. Bis 2001 identifizierten Forensiker in der Gegend rund um Srebrenica 21 Massengräber und ordneten 6900 Leichen namentlich zu. Es handelte sich dabei vor allem um Männer im wehrfähigen Alter. Wie lässt sich der Massenmord während des Bosnienkriegs trotz der erdrückenden Last historischer Beweise leugnen?

Dr. Rajko Doleček ist einer, der es seit 20 Jahren tut. In Tschechien kennt man den Mediziner unter anderem wegen seines skurrilen Bestsellers „The Dangerous World of Calories“. In den 1990er-Jahren fiel der Tscheche mit serbischen Wurzeln als Vermittler des serbisch-nationalistischen Weltverständnisses auf. Die Europäische Union sei mitverantwortlich für die Gräueltaten während der Jugoslawienkriege und habe eine generelle Aversion gegen ein starkes Serbien, behauptete er 1999 in seinem Buch „I accuse!“. Die Bosnier hätten zuerst mit dem Morden angefangen, sagt er im Dokumentarfilm „The Dangerous World of Doctor Doleček“, der bei DOK Leipzig im Wettbewerb Next Masters vertreten ist. Doleček steht auf einer Wiese in Srebrenica, umgeben von einem Meer aus hellgrauen Grabsteinen. Die junge Frau neben ihm kann nicht fassen, was sie da hört.

Diese Szene ist der Höhepunkt des Films und hätte fast nicht stattgefunden. Auf die Bitte von Regisseurin Kristýna Bartošová, mit ihr nach Srebrenica zu fahren, reagiert Doleček vor der Kamera zunächst ausweichend. Dann droht er mit Kontaktabbruch, sollte sie weiter auf ihrem Wunsch beharren. „Auf einmal wollte er dann doch“, erzählt Bartošová beim Publikumsgespräch.

„The Dangerous World of Doctor Doleček“ ist ein spannender und manchmal auch absurder Film über eine Annäherung zwischen zwei ungleichen Gegnern. Dass der arrivierte Dr. Doleček der jungen Regisseurin in Sachen Lebenserfahrung und gesellschaftlicher Stellung überlegen ist, lässt er sie im Film immer wieder spüren. Trotzdem kann sich Bartošová – und auch das Kinopublikum – dem offenherzigen Charme Dolečeks nicht entziehen. Der fast 90-Jährige freut sich über die Aufmerksamkeit, die ihm der Film bringen wird und macht die Regisseurin unverhofft mit prominenten Freunden bekannt. So entsteht die absurde Filmszene, in der Bartošová plötzlich neben dem Sohn von Serben-Führer Ratko Mladić sitzt. Denn Doleček, wie er immer wieder stolz betont, ist ein guter Freund des Ex-Generals.

Die Regisseurin gewinnt ihren Protagonisten im Lauf der Dreharbeiten lieb. Das bringt sie in Konflikt mit ihrer Herkunft und ihren Wertvorstellungen. Müsste sie, die Tschechin mit bosnischen Wurzeln, diesen Mann nicht abgrundtief hassen? Dieser Konflikt, den die Regisseurin im Film auch immer wieder offen thematisiert, wird in „The Dangerous World of Doctor Doleček“ zum Clou. Er zeigt, wie schwer es ist, als Dokumentarfilmer Distanz zu seinem Gegenstand zu wahren. Er zeigt auch, wie schwer es ist, der historischen Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Mehrmals zeigt die Kamera Bartošová, wie sie grübelnd vor ihrem Laptop sitzt und sich Filmaufnahmen vom Bosnienkrieg ansieht. „Am Ende meines Films hatte ich mehr Fragen als Antworten“, sagt sie in Leipzig. Eine könnte lauten: Wer bestimmt, was historische Wahrheit ist? Oder: Gibt es sie am Ende gar nicht?

The Dangerous World of Doctor Doleček

Tschechische Republik 2015, 75 Minuten

Regie: Kristýna Bartošová

DOK Leipzig 2015

Next Masters Wettbewerb

Filminfos auf www.dok-leipzig.de

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