Elisabeth Hauck | Drucken07.09.2016 

Melodrama pur

Wie weit kann ein Kinderwunsch gehen? Mit viel Herzschmerz verfolgt „The Light Between Oceans“ diese Frage und ist damit immerhin im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig gelandet

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Isabel (Alicia Vikander) will unbedingt Mutter sein. Mit der (vermeintlichen) Waisen Lucy scheint sich ihr Wunsch endlich zu erfüllen. (Foto: Ascot Elite)

Der weite Ozean. Glitzern die Wellen im Sonnenlicht, kann sich der gestresste Städter, romantisch verklärt, manchmal nichts Besseres vorstellen als in einem einsamen Häuschen am Meer zu wohnen. Fernab jeglicher Zivilisation, zurückgeworfen auf das eigene Selbst, Ruhe und Frieden findend. Ähnliches muss auch Tom (Michael Fassbender) im Kopf gehabt haben, als er sich dafür entschied, auf einer abgelegenen Insel im Westen Australiens alleine einen Leuchtturm zu bewachen. Der erste Weltkrieg ist gerade erst zu Ende gegangen, und Tom sehnt sich nach Einsamkeit. Vielleicht auch nach der Möglichkeit, die schrecklichen Bilder des Schützengrabens zu vergessen.

Doch Isabel (Alicia Vikander), die er am ersten Tag im 100 Meilen entfernten Dorf trifft, hat ganz andere Pläne. Schon mit einem ersten Augenaufschlag wird dem Zuschauer klar, diese Frau will etwas, und sie wird es bekommen. So heiraten die beiden dann auch bald, die Familienplanung kann beginnen. Doch Isabel verliert gleich zweimal die Kinder noch vor der Geburt, was Regisseur Derek Cianfrance mit sehr viel Dramatik inszeniert. Der Schmerz und das Leid Isabels wird dem Zuschauer eingeschrieben, damit er auf die kommenden Filmminuten vorbereitet ist.

Denn der eigentliche Konflikt des Films setzt erst nach über 45 Minuten Laufzeit ein. In einem kleinen Ruderboot werden ein toter Mann und ein Baby an die Küste der Insel gespült. Für Isabel ist ohne Umschweife sofort klar: Dieses Kind gehört ihr. Tom protestiert zunächst noch, doch die Abgelegenheit der Insel macht es einfach, zu vertuschen und moralisch fragwürdiges Terrain zu betreten. Alles scheint jedoch perfekt, denn wer weiß schon, ob die Eltern des Kindes überhaupt noch leben und das kleine Mädchen nicht in ein Waisenhaus muss?

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Tom (Michael Fassbender) steht zwischen der Liebe zu Isabel und Lucy und dem Wunsch, das moralisch Richtige zu tun. (Foto: Ascot Elite)

Schon hier beginnt sie, die Frage: Wie hätte man selbst gehandelt? Cianfrance hat weise daran getan, seine beiden Hauptfiguren langsam und minutiös einzuführen. Der Film fängt ihren Blickwinkel ein und verleitet den Zuschauer dazu, automatisch Mitgefühl zu empfinden. Erst nach und nach gerät das erschlichene Familienglück ins Wanken. Denn die Mutter (Rachel Weisz) der kleinen Lucy lebt. Im selben Dorf und sie trauert. Ihr schmerzverzerrtes Gesicht lässt Tom an seiner Tat zweifeln und er beginnt der Mutter Fährten zu legen, um ertappt zu werden.

Der Film bietet eine gute Plattform, um hinterher über Moral, Vergebung und die Ausmaße von Mutterliebe zu diskutieren. Ist Isabels Wunsch nach einem Kind ungerechtfertigt und egoistisch? Sollte ihre Liebe zu Lucy bestraft werden? Ist die Liebe einer Mutter groß genug, um ihr Kind freizugeben und ihm ein besseres Leben zu ermöglichen? Oder kann Vergebung ein Weg sein? Cianfrance greift alle diese Themen auf. Er schafft es zuweilen auch, so richtig ins melodramatische Romanzenfach abzugleiten. Die Kostüme der 1920er-Jahre und die durchaus beeindruckenden Landschaftsaufnahmen tragen zudem zu einem ernsten Ton bei.

Gegen Ende des Films beschleicht einen das Gefühl, dass der Regisseur hier vielleicht ein bisschen zu viel wollte. Die Wendungen häufen sich, der Zuschauer wird emotional nochmal richtig durchgeschüttelt. Das grenzt dann zuweilen doch etwas an Effekthascherei. Auch die letzte, zeitlich nachgelagerte Szene, ist eigentlich wie unnötig drangepappt, um auch dem Letzten noch ein Schluchzen zu entlocken. Dieses Überkandidelte lässt dann auch die moralischen Fragen etwas verblassen. Aber wer wieder einmal ein richtiges Melodram geboten bekommen möchte, was mit den drei Hauptdarstellern zudem ausgezeichnet besetzt ist, kann mit The Light Between Oceans nichts falsch machen. Zudem ist der Film auch echtes Festivalmaterial. Nach Derek Cianfrances Filmen Blue Valentine und The Place Beyond The Pines, die auf internationalen Filmfestivals glänzten, lief auch The Light Between Oceans im diesjährigen Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Aber den Goldenen Löwen sollte der Film dann doch nicht gewinnen.

The Light Between Oceans

USA/Großbritannien/Neuseeland 2016, 130 Minuten

Regie: Derek Cianfrance;

Darsteller: Michael Fassbender, Alicia Vikander, Rachel Weisz

Kinostart: 8. September 2016, voraussichtlich in den Passage Kinos, Schauburg


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