Benjamin Brückner | Drucken12.06.2013 

Triptychon des Todes

„The Place Beyond the Pines“ wartet mit Hollywood-Schwergewichten auf, die sich am wohlsten in vertrauten Rollen fühlen. In einer dreiteiligen Struktur erzählt das Familiendrama eine ebenso simple wie aufrüttelnde Geschichte von dunklem Erbe

Ryan Gosling spielt in „The Place Beyond The Pines“ wie schon in „Drive“ einen gesellschaftlichen Außenseiter (Fotos: Ascot Elite)

Luke Glanton (Ryan Gosling) alias „Handsome Luke“ spielt nervös mit seinem Butterfly-Messer. Der Oberkörper ist mit Tätowierungen übersät ― eine Granate, ein tränendes Auge mit einem Messer darüber und weitere Gravuren der Gewalt, die ihm im Laufe seines Lebens in der amerikanischen White-Trash-Schicht widerfahren sind, zieren seine Haut. Nun wird er als Attraktion gehandelt, steigt auf Jahrmärkten überall im Land auf sein Motorrad und rast mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch einen Metallkäfig. Die Menschenmenge johlt. Luke ist ein moderner Gladiator, ein Outlaw.

Doch da gibt es noch einen anderen Luke Glanton. Einer, der seine Angebetete Romina (Eva Mendes) fürsorglich fragt: „Soll ich dich fahren?“ Moment mal ― haben wir diese Frage nicht schon einmal von Ryan Gosling gehört? Na klar ― als abgebrühter Stuntman, der nachts Bankräuber in den Straßenschluchten von Los Angeles von der Polizei abwimmelt. Denn bereits in Drive mimte der coole Kanadier einen Soziopathen mit Doppelleben und einem Hang zur ebenso punktuellen wie exzessiven Gewalt. Luke Glanton ist da in The Place Beyond The Pines nicht anders. Romina und er haben einen kleinen Sohn, wegen dem er das wenig sesshafte Schaustellerleben an den Nagel hängt und vom Handsome Luke zum Bankrobber Luke mutiert. Flugs setzt er sich auf sein Moped und erleichtert die umliegenden Geldinstitute der Kleinstadt mit einem dubiosen Komplizen.

Und Eva Mendes gibt mal wieder das Sexsymbol

Die eigentlich interessanten Konflikte folgen konsequent auf der Familienebene, die Regisseur Derek Cianfrance in seiner ungeschönten Intimität ohnehin am liebsten beleuchtet. Doch anders als bei Blue Velvet, in dem Gosling auch schon den Störenfried einer Familie spielte, wird hier mit harten Bandagen gekämpft. Und spätestens am Ende des ersten Filmdrittels wird vollkommen klar, dass es sich bei The Place Beyond The Pines um einen gnadenlos brutalen dreiteiligen Film handelt.

Cianfrance geht dabei chronologisch und übersichtlich vor. Keine durcheinander gewürfelten Rückblenden, mit denen sich oft über erzählerische Lücken gehangelt werden soll, stören den Fluss der Geschichte. Stattdessen schneidet der Regisseur mit einer geschickt platzierten Klimax den ersten Handlungsstrang überraschend streng ab und entführt den Zuschauer in den Korruptionssumpf der ortsansässigen Polizei. Der alteingesessene Bulle Deluca kontrolliert in einem Klima der Angst das gesamte Department. Lieutenant Avery Cross (Bradley Cooper) behauptet sich inmitten dieser feindlichen Umwelt. Wenig überraschend, dass Ray Liotta in der Rolle des Deluca aufgeht. Eine identische Paradefigur spielte er bereits im Thriller Copland.

Dass Regisseur Cianfrance seinen Top-Schauspielern vertraute Rollen gegeben hat, ist kein Makel, sondern eine sehr intelligente Überlegung. Denn je näher sie an ihren Charakteren dran sind, desto mehr Kapazitäten stehen für andere Fähigkeiten bereit. So konnte Gosling das professionelle Motorradfahren erlernen, während Cooper und Liotta an realen Polizeistreifen teilnahmen und so gemeinschaftlich zu einem großen Ziel des Regisseurs für diesen Film beitrugen: Wahrhaftigkeit.

Macht aber nix, denn Regisseur Derek Cianfrance (Mitte) ist trotzdem ein konzentrierter und spannender Film gelungen

The Place Beyond The Pines ist wie ein Fast-Food-Menü mit bekannten Bausteinen in neuem Gewand: Drive ist der dicke Burger, der die Story in Schwung bringt, Copland gibt es als sättigende Pommesbeilage dazu, und die Geschichte über das bittere Erbe der Kinder dieser Väter ist die durchrutschende Cola, die man vor lauter Durst ungeduldig durch den viel zu engen Strohhalm der Geduld in sich hineinzutscht. Und wie es sich für ein solches Menü gehört, ist auch dieses Drama schwer verdauliche Kost, die den Zuschauer schüttelt und rüttelt.

Unfreiwillig komisch hingegen wirkt die Aussage von Regisseur Cianfrance in einem Interview in Bezug auf Mendes: „Sie hat eine magische Ausstrahlung auf der Leinwand, aber irgendwie scheint sie immer in der Rolle des Sexobjektes zu landen.“ Komisch, dass das immer „irgendwie“ passiert. Denn solch ein Eindruck kann schon mal entstehen, wenn ihre Figur Romina beim ersten Auftritt ihre Brustwarzen auf Grund eines fehlenden BHs beinahe im 3D-Format durch die Leinwand drückt. Das ist wahrhaft unnötig.

The Place Beyond The Pines ist ein geschickt ineinander greifendes filmisches Triptychon, das den Versuch einer Ursachenforschung für familiäre und gesellschaftliche Konflikte unternimmt, ohne den Zuschauer mit Nebenhandlungen zu überfrachten. Konzentriert und spannend gelingt es Cianfrance somit, 140 Minuten Film problemlos zu füllen und Fragen zu stellen, die jeder für sich selbst beantworten muss.

The Place Beyond The Pines

USA 2012,140 Minuten

Regie: Derek Cianfrance; Darsteller: Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes, Mahershalalhashbaz Ali, Ray Liotta

Kinostart: 13. Juni 2013


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