Robert Rudel | Drucken05.07.2012 

Ein einziger Cockfight

„The Rum Diary“ ist randvoll mit Gegensätzen ― und Rum

Die Story taumelt zwischen absurd komischen und bitterernsten Situationen ― und der Rum steht immer griffbereit (Fotos: Verleih)

Pressevorführungen sind wunderbar und schrecklich zugleich. Sie sind kostenlos, es gibt was zu trinken und der Saal ist selten voll. Man fühlt sich wie in einer Privatvorstellung. Andererseits ist es häufig noch nicht mal Mittag, was es schwer macht, als Einziger Alkohol zu bestellen. Und wenn der Film dann auch noch vordergründig vom Saufen handelt, fühlt es sich leider auch nicht viel besser an, mit einem Kaffee zwischen zwei leeren Stühlen zu hocken. In Pressevorführungen führen Freiheit und Einsamkeit, Traum und Wirklichkeit eine schmerzhafte Liaison.

In The Rum Diary auch. Zwei irrsinnige Stunden lang ist der Film sowohl Traum als auch Wirklichkeit, klug aber auch total bescheuert. Beides ehrt den Film. Bei mir sah das nicht viel anders aus. In meinem Gesicht tobte der gleiche Kampf, und ich versuchte wenigstens klug auszusehen, während ich eigentlich nur bescheuert grinste. Allein in meinem Sitz. Ich bereute abermals, nur meinen inzwischen handwarmen Kaffee zu haben. Ob die in den Passage-Kinos auch Rum ausschenken?

Zwei Dinge brachten mich dazu, so auszusehen. Einerseits ist dieser Film sehr oft wirklich unglaublich beknackt und dabei einfach saukomisch. Vor allem aber wankt Johnny Depp endlich mal wieder als Charakter und nicht als Karikatur über die Leinwand. Was für eine Erleichterung. Doch es ist mehr als das. Man kann in jeder Szene spüren, dass Thompson ihm sehr am Herzen lag. Und selbst wenn dieser Film nur ein seelenloses Frickelstück wäre ― was er nicht ist ― diese Zuneigung würde ihm immer noch mehr Leben verleihen, als gewisse Freizeitparkattraktions-Verfilmungen und Vampirklamotten überhaupt verdient hätten.

Johnny Depp spielt in „The Rum Diary“ den in Puerto Rico gestrandeten Reporter Paul Kemp

Dabei knüpft Depp nicht an seine Ausschweifungen von einst an. Während Fear and Loathing in jeder Hinsicht maßlos war, ist The Rum Diary zwar ausschweifend, aber nicht exzessiv. Während mich Terry Gilliams Film permanent abstürzen ließ, taumelt man bei Bruce Robinson eher zwischen absurd komischen und bitterernsten Situationen hin und her. Paul Kemp ist nicht Raoul Duke. Er trinkt nicht, um den Rausch als solchen zu ergründen. Sein Rausch spiegelt sich in seinen Augen, müde verschlossen vor einer Welt der Gegensätze von Tradition und Kapitalismus, Kultur und Kulturlosigkeit, Wertschätzung und Vermassung. Für Kemp ist dieser Rausch eine Basis. Permanent. Nicht methodisch. Robinsons Film zeigt den Erwachensprozess des einst erfolglosen New Yorker Autoren. Er zeigt Kemp, der seine Stimme findet. Tief verwurzelt in der Wut über die ihn umgebenden Übel. Genährt an der Titte der Verzweiflung über das wiederkehrende Scheitern daran.

Als Kemp von jenen Geschäftsleuten, für die er propagandistisch tätig werden soll, das Modell einer Hotelanlage gezeigt bekommt, fragt er, warum eines der beiden Gebäude blau und das andere rot sei. Ihm wird erklärt, dass eines für die gewöhnlichen Urlauber, das andere für Investoren gedacht wäre. Diese Trennung, die anfänglich erwähnte Trennung von Traum und Wirklichkeit, Wunsch und Erfüllung, zerreißt auch den Film. Alles zu einer Zeit, deren Bilder unseren kulturvergessenen Seelen schmerzlich bewusst machen, auf welcher Seite dieses Risses wir heute stehen.

Nicht zuletzt die Käfige der beiden gegeneinander antretenden Hähne sind mit den Farben der Papierhotels markiert. El Monstro, jener mystische Hahn, dem Voodoozauber die Kraft verliehen hat, jeden Kampf zu gewinnen, repräsentiert dabei besser als jedes andere Element im Film Tradition, Stolz, Aggression. Das Monströse, das jederzeit bereit ist, bis zum Tod all das zu verteidigen, wofür es steht. Dieser Film ist ein einziger Cockfight.

Insbesondere wenn Moberg (Giovanni Ribisi) ins Spiel kommt. Ein abtrünniger, wie ein Cowboy gekleideter, permanent im Vollrausch nuschelnder Reporter. Der dem Chefredakteur des „San Juan Star“ gegenüber von der Freiheit des Arbeiters spricht und in seiner Freizeit Reden von Hitler hört oder mit einer Wäscheschleuder Schnaps aus den verbrauchten Filtern einer Rumfabrik extrahiert. Alles was Kemps Wandel bewirkt, kollidiert in Moberg. Es ist diese Kollision, an der sich Raoul Duke und Paul Kemp scheiden. Im Aufeinanderprallen von Überzeugung und Opportunismus wandelt sich außerdem die Motivation hinter dem Gebrauch von Rauschmitteln und Halluzinogenen. Denn auch hierin findet Kemp seine Stimme. Es geht nicht länger um Betäubung. Es geht um Bewusstseinsveränderung.

Giovanni Ribisi als abtrünniger Journalist Moberg

Gleichzeitig frage ich mich, ob dieser Film nicht auch selbst ein Beispiel für die Vermassung von Kultur darstellt. Immerhin erscheint er einem als ein nach Hollywood-Maßstäben massenkompatibel gestaltetes Produkt. Seine Wurzeln, Thompsons mit Anfang 20 geschriebenes Buch, liegen dagegen in der Kritik dessen. Doch am Ende ist es die Darbietung Depps, die den Film vor allem Anderen zu einer sehr persönlichen Hommage eines Schauspielers an seinen Freund werden lässt. Und eigentlich ist der Film auch gar nicht massenkompatibel. Die Einspielergebnisse sprechen für sich. Dafür ist er wertvoll! „Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert“, wird aus dem „Bildnis des Dorian Gray“ zitiert. Weder der in tiefstem Zynismus ertrunkene Lotterman (Richard Jenkins) kennt ihn, noch der aus purer Gier bestehende Sanderson (Aaron Eckhart). Und ebenso wenig jene, die sich in zahllosen Kritiken nicht ausreichend an die Textvorlage oder gar an Jack Sparrow erinnert fühlen!

The Rum Diary hat einen fabelhaften Blick auf all seine vom Rum gezeichneten Gestalten. Würde Robinson es auch noch schaffen, in diese Gestalten einzutauchen, sich mit ihnen zu identifizieren, wäre alles perfekt. Doch darin liegt für mich der einzige Wermutstropfen: Das Buch hat einen verschwommenen Blick auf eine verklärte Welt zum Thema. Der Blick des Films ist schärfer, realistischer. Klarer ist er jedoch nicht. Denn er bleibt distanziert, beschreibt nur. Wirklich zu erleben, seine Zuschauer erleben zu lassen, schafft er leider nicht. Aber vielleicht kann man das mit dem einen oder anderen Gläschen gezielt selbst kompensieren. Auch ohne Schnaps habe ich mich immerhin bereits glänzend amüsiert.

Wer nicht so gern in der Öffentlichkeit säuft oder sich dabei sozial abseitig fühlt, dafür aber des gelallten Englischen mächtig ist, kann sich auch einfach die bereits vor einiger Zeit erschienene DVD ansehen. Wie oder wo auch immer: The Rum Diary ist ein wunderbarer Film, der ebenso viel Beachtung verdient hat, wie die Darbietung seines Hauptdarstellers. Fünf von fünf Gonzo-Fäusten! Oder fünf von fünf Schnapsflaschen. Oder einfach eine aufrichtige Empfehlung.

The Rum Diary

USA 2011, 120 Minuten

Regie: Bruce Robinson; Darsteller: Johnny Depp, Aaron Eckhart, Michael Rispoli, Amber Heard, Richard Jenkins, Giovanni Ribisi

Kinostart: 2. August 2012

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