Edda Reimann | Drucken16.04.2012 

Keine Spur Gender Studies

„Tomboy“ von Céline Sciamma zeigt auf angenehm unprätentiöse Weise ein Mädchen auf der Suche nach sich selbst

Aus Laure wird Michael: Zoé Héran in „Tomboy“ (Bilder: Verleih)

In spätsommerlichen Farbtönen zeigt die Leinwand einen unbeschwerten Moment der Kindheit. Vier Hände umgreifen das Lenkrad, Vater und Kind gemeinsam auf dem Fahrersitz. Es sind die ersten Fahrstunden auf dem väterlichen Schoß. Die Fahrt führt in ein neues Zuhause. Ein Umzug macht die 10-jährige Laure (Zoé Héran) zur Neuen in der fremden Nachbarschaft. Das erste Mal nach ihrem Namen gefragt muss sie nicht lange überlegen, und so ist sie den anderen Kindern fortan als Michael bekannt. Es beginnt ein Spiel mit der fremden Geschlechtlichkeit, in der es sich zu behaupten gilt.

Mit ihrem Film Tomboy gelingt Céline Sciamma ein stimmungsreicher Film über das frühe Spiel mit der Geschlechtsidentität. Dabei entgeht sie gekonnt jeder Versuchung, die sensible Thematik effektvoll auszuschlachten und erzählt stattdessen die unprätentiöse Geschichte eines Neuanfangs, der einen Sommer lang alles möglich scheinen lässt.

Laure fügt sich immer mehr in ihre neue Rolle und besteht meisterhaft die ersten Hürden beim Fußballspiel und bei Raufereien um jungenhafte Ehre. So gewinnt sie schon bald die Akzeptanz der anderen Jungen, und auch die allseits umworbene Lisa (Jeanne Disson) zeigt größeres Interesse an dem so anders wirkenden Neuen in der Gruppe. Doch wie es so ist mit großen Geheimnissen, fliegen diese meist auf und stellen die Betroffenen vor die unangenehmen Folgen ihres Trugspiels.

In der neuen Umgebung erregt Michael alias Laure das Interesse der beliebten Lisa (Jeanne Disson)

Was diesem Film so gut tut, ist die Gewöhnlichkeit, in der seine Handlung angesiedelt ist. Keine prekäre Kindheit, keine schwere Identitätskrise müssen hier für die filmische Behandlung herhalten. Laure hat ein liebevolles Elternhaus, ein inniges Verhältnis zu ihrer kleinen Schwester und zudem ein Faible für kurzes Haar und Schlabbershirts. Als sich ihr die Gelegenheit bietet, baut sie dies zur fremden Geschlechterrolle aus und wird kurzerhand zu Michael. Die Protagonistin nimmt hier jedoch nicht die Stellung einer Galionsfigur ein, deren Schicksal gleichsam für all diejenigen steht, die ihre Kindheit leidvoll als Außenseiter erdulden mussten. Sie ist vielmehr das, was ein Kind von zehn Jahren sein kann: neugierig, experimentierfreudig und ein klein wenig anders. Genauso lernt der Zuschauer sie auch kennen, und so wird an keiner Stelle des Films wirklich deutlich, ob Laure tatsächlich lieber ein Junge wäre oder lediglich mit Neugier der Inszenierung dessen nachgeht.

Das Spiel der jungen Darsteller ist dabei von bemerkenswerter Authentizität. Überhaupt wirkt Tomboy wenig inszeniert. Viele Szenen scheinen einer eigenen Dynamik zu folgen, und man könnte fast meinen, in das unmittelbare Miteinander der Schauspieler sei kaum eingegriffen worden. Der Anschein täuscht nicht ― die Regisseurin ließ während der Dreharbeiten viel Raum für Improvisation und freies Spiel.

Beim Fußballspiel und bei Raufereien mit den Jungs fügt sich Laure immer mehr in ihre neue Rolle ein

Heraus kommt dabei ein Film, der das feinfühlige Porträt eines jungen Mädchens zeichnet, welches den großen Fragen der Kindheit prüfend auf den Grund geht. Mit Humor und großer Natürlichkeit zeigt Céline Sciamma das Imitationsspiel von Geschlechterrollen und verzichtet dabei gänzlich auf den belehrenden Zeigefinger der Gender Studies. Nie zwingt sie dem Zuschauer das große Gefühlskino auf oder bedrängt ihn mit einer psychologisierten Innensicht der Protagonisten. Indem die Regisseurin den Geschlechterwechsel in all seiner Leichtigkeit auf die Leinwand bringt, stellt sie sich nicht in die lange Reihe der Cineasten, die ihre Erfolge durch den gesellschaftlichen Tabubruch feiern. Mit etwas mehr Sensationslust hätte aus Laure das erste transsexuelle Kind des europäischen Arthouse werden können. So ist sie nur ein Mädchen auf der Suche nach sich selbst.

Fast möchte man der französischen Filmemacherin seine Dankbarkeit dafür aussprechen. Ihr Film kommt ganz ohne Wertung daher und bewegt sich fern jedes aufklärerischen Impetus. Die Regisseurin wagt etwas, was man sich im Kino häufiger wünschen würde: Sie lässt den Film ganz einfach für sich sprechen.

Tomboy

F 2011, 84 Minuten

Regie: Céline Sciamma; Darsteller: Zoé Héran, Malonn Lévana, Jeanne Disson, Sophie Cattani, Mathieu Demy, Yohan Vero, Noah Vero, Cheyenne Lainé, Rayan Boubekri, Christel Baras, Valérie Rouche

Kinostart: 4. Mai 2012


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