| Drucken27.02.2006 

„Wahre Lügen”, der neue Film von Atom Egoyan (Vicky Noack)

Wahre Lügen ("Where The Truth Lies")
Canada, UK, USA 2005
Regie, Drehbuch: Atom Egoyan
Darsteller: Kevin Bacon, Colin Firth, Alison Lohman u.a.
108 Min.


Der Mythos Hollywood auf Abwegen

Lanny Morris (Kevin Bacon) und Vince Collins (Colin Firth), zwei grundverschiedene Charaktere, sind das Show-Duo der fünfziger Jahre. Vince verkörpert den hochgewachsenen, lässig-eleganten Gentleman, im Gegensatz dazu - sein Partner Lanny, ein manischer Komödiant, nie um einen bissigen Spruch verlegen. Neben ihren legendären Spendenmarathons und Auftritten in Mafia-Clubs genießen sie ein berauschendes Leben in Luxus-Suiten mit Champagner, Cocktails, Hummer und schönen Frauen. Doch das Schicksal wendet sich, als eine junge Schönheit tot in der Hotelsuite der Stars aufgefunden wird. Karriere und Freundschaft nehmen ein jähes Ende, der Mord bleibt unaufgeklärt. Die Ermittlungen laufen ins Leere.

Fünfzehn Jahre später nimmt Karen O´Connor (Alison Lohman), eine junge und ehrgeizige Journalistin, den Fall wieder auf. Glanz und Glamour des goldenen Zeitalters von Hollywood sind längst verblichen. Karen plant, eine brandheiße Story über die einstigen Stars zu veröffentlichen. Ihr Verlag knüpft den Auftrag an eine Bedingung. Sie muss herausfinden, was in der Mordnacht wirklich passierte.

Drei unterschiedliche Perspektiven auf die Mordnacht führen die karrierebesessene, attraktive Dame auf eine Spur in die düstere Vergangenheit und in größte Verwirrungen. Je mehr sie der vermeintlichen Wahrheit folgt, desto dichter verheddert sie sich in einem Netz gefährlicher Verstrickungen. "Wahre Lügen" soll ein Thriller über Liebe, Verrat und Ehrgeiz sein. Um in diesem Film Liebe zu finden, muss man genau hinschauen. Denn die Beziehungen der Protagonisten wirken vor allem gestört und gekünstelt. Die zum Teil hocherotischen Szenen unterstreichen den Eindruck und führen zudem Akteure und Betrachter in die Irre. Dass ein Mord Verrat nach sich zieht, liegt auf der Hand. Im Showgeschäft zählt bekanntlich nicht der einzelne Mensch, sondern allein sein Prestige, Ruhm und Geld. Erst zum Mythos erhoben, stößt man ihn daraufhin vom Podest, um ihn gnadenlos zu zerreißen. Genau aus dieser Motivation heraus handelt die Journalistin. Angezogen von der Faszination, die die Welt im Rampenlicht hervorbringt, himmelt sie Morris an und versucht gleichzeitig, ihm den Mord anzuhängen.

An der Professionalität des Regisseurs Atom Egoyan ist hier nicht zu zweifeln. Sein Talent schlägt sich jedoch fast ausschließlich in der Darstellung Hollywoods nieder. Beeindruckend authentisch lässt er die goldenen Fünfziger und die siebziger Jahre über stimmungsvolle Bilder und mit einer Mischung aus jazzigen und melancholisch-düsteren Klängen nochmals aufleben.

Egoyan orientierte sich am Film Noir, um die dunkle, destruktive Seite von Ruhm und Reichtum vorzuführen. Keine schlechte Idee, könnte man meinen. Leider will eine geheimnisvolle Atmosphäre nicht so recht aufkommen. Zwar balancieren die vielschichtigen Charaktere kunstvoll zwischen Prestige, Glamour und Heldentum einerseits sowie dem Rand menschlicher Abgründe, nämlich Drogenexzessen, Sexorgien und Gewalt andererseits, doch büßt der Plot bereits im Mittelteil an Spannung ein und selbst die wenigen wirklichen Wendungen reißen den Zuschauer nicht unbedingt vom Kinosessel. Anstatt die einzelnen Perspektiven miteinander zu verbinden, zerstückelt Egoyan die Story derart, dass sie auf der Strecke bleibt. Irgendwie hatte man sich davon mehr erhofft. Vielleicht liegt das Problem darin, dass die Schattenseiten des Mythos Hollywood nicht erst seit gestern bekannt sind und es deshalb besonderer Begabung bedarf, um das Publikum bei Laune zu halten. Auf den Punkt gebracht heißt das, der Stoff ist weder sensationell noch neu und die Umsetzung nur mittelmäßig gelungen, "Wahre Lügen" verliert sich in Details. Daher verpufft das Interesse an der Handlung lange vor der Enthüllung. Zurück bleibt ein eher fades Gefühl. Man wird den Gedanken nicht los, diesen Film vor Jahren schon einmal im Fernsehen gesehen zu haben.

(Vicky Noack)

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