Florian Fromm | Drucken27.02.2011 

Der Dude des Wilden Westens

Jeff Bridges als schießwütiger Marshall in „True Grit“: Die Filmemacher Joel und Ethan Coen setzen ihre Tradition als Arthouse-Popcorn-Kino-Brüder fort

Jeff Bridges als Marshall Rooster Cogburn (Bilder: Paramount Pictures)

Als die Ankündigung des Westernremakes True Grit durch alle Feuilletons der Republik geisterte, erging es einem Großteil der filmliebenden Leser sicherlich ähnlich wie dem Autor folgender Rezension: kurze Besinnungslosigkeit, dicht gefolgt von einem lauten Aufschrei der Freude.

Jeff Bridges als schießwütiger Marshall, inszeniert von den Arthouse-Popcorn-Kino-Brüdern Coen. Sofort reitet vor meinem inneren Auge der ungewaschene, zottelige „Dude“ Lebowski in Boxershorts und Bademantel durch die weite Prärie des amerikanischen Westens, gleichgültig gegenüber seiner Umwelt, auf der vergeblichen Suche nach seinem „bekackten Teppich“ und seiner Ruhe. Natürlich ohne weder das eine noch das andere zu finden.

Unterwegs wird er von allerlei skurrilen Begegnungen gepeinigt, die er selbst am allerwenigsten versteht und die mich und das Kinopublikum an den Rande des Erstickungstods führen – vor Lachen versteht sich.

Und tatsächlich…: Zwar nennt sich Lebowski in „True Grit“ Marshall Rooster Cogburn, trägt eine Augenklappe unter dem löchrigen Westernhut und sucht anstelle des Teppichs nach einem entlaufenen Banditen, dennoch: Wer den Dude sucht, der findet ihn. Ungepflegter Bart, langer Mantel, den Alkohol immer in Reichweite und ein unüberschaubares Repertoire an kurzen, prägnanten Sprüchen. Jeff Bridges in Bestform.

Aus dem postmodernen Alltagsheld wird ein postmoderner Westernheld. Aus der Bowlinghalle eines kalifornischen Vororts wird die unendliche Weite hinter der amerikanischen Westgrenze Ende des 19. Jahrhunderts, einem Rückzugsort für skrupellose Verbrecher – einer gesetzlosen Zone. Die Kultkomödie verwandelt sich in ein episches Drama. Eine Reise, die das Publikum tief in den Kinosessel sinken lässt. Ein Hoch auf die Coens!

In den USA spülte der Film bereits über 80 Millionen Dollar in die Kinokassen, die Coen-Brüder sind längst angekommen beim Massenpublikum. Cineasten und Kritiker haben sie auf ihrem Weg trotzdem nicht verloren, genau das ist ihre Stärke. Ob Fargo, No Country for Old Men, O Brother Where Art Thou? oder der besagte The Big Lebowski. Den intellektuellen Programmkinogängern, allen Liebhabern von Fellini und Bergmann, gefallen ihre Filme ebenso gut wie den Anhängern großer Hollywood-Blockbuster im Stile eines Michael Bay. Erzählerisch missglückte, kommerziell aber erfolgreiche Ausflüge wie Burn After Reading werden im Hause Coen mit kleinen Filmjuwelen wie A Serious Man kompensiert.

Mit dem Western True Grit setzen sie diese Tradition fort. In allererster Linie ein unfassbar spannendes und unterhaltsames Kinoerlebnis.

Die Suche der 14-jährigen Mattie Ross nach dem Mörder ihres Vaters, führt sie mitsamt ihren Begleitern Marshall Rooster Cogburn und dem Texas Ranger LaBoef auf eine ungewisse Abenteuerreise. Stoff aus dem Kinoträume seit jeher gemacht sind.

Dahinter verbergen sich für den, der es denn braucht, ungeahnte Reflexionen über die einstige Männerheldenwelt des amerikanischen Kinos der 50er Jahre, gepaart mit dem unvergleichlich schrägen Humor der Coens, den immer wieder in kurzen heftigen Wellen überschwappenden Gewaltexzessen und eindrucksvollen Kamerafahrten. Ein klassischer Western auf der einen Seite – der möglicherweise größte Antiwestern auf der anderen.

Da bleibt für alle Leipziger nur noch eine Frage: Deutsche Fassung im Cinestar oder lieber das Original mit Untertiteln in den Passage Kinos? Diese Entscheidung kann Ihnen der Autor, ganz im Sinne der Gebrüder Coen, leider nicht abnehmen.

True Grit

USA 2010, 110 min

Regie: Ethan Coen, Joel Coen; Darsteller: Hailee Steinfeld, Jeff Bridges, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper, Domhnall Gleeson, Leon Russom, Elizabeth Marvel, Ed Corbin

Kinostart: 24. Februar 2011


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