Maria Preußner | Drucken | Kommentar (1)06.05.2011 

Die Menschenfresserfamilie

Jorge Michel Grau entblößt in seinem verstörenden Spielfilmdebüt „Wir sind was wir sind“ die Abgründe der Armut

Opfer oder Täter? Menschenfresserin Sabina (Bilder: Alamode Film)

Ein Mann läuft taumelnd durch eine Einkaufspassage, stützt sich mit letzter Kraft gegen die Schaufensterscheibe eines Geschäfts. Der Verkäufer kommt erbost heraus, wischt die Druckspuren der Hand des Mannes weg – „Hau ab!“, schreit er ihn an. Der Kraftlose schwankt weiter, bricht zusammen, dunkle Flüssigkeit rinnt aus seinem Mund, er stirbt. Schon ist Reinigungspersonal zugegen, das die Flüssigkeit wegwischt und die Leiche entfernt.

Die Eingangssequenz von Wir sind was wir sind, dem Spielfilmdebüt des Mexikaners Jorge Michel Grau, verbildlicht den automatisierten und jeder Emotionalität entbehrenden Ablauf des Sterbens in einer Gesellschaft, die sich vor Gewalt und Menschenverlust kaum mehr retten kann – wer kann sich da schon das Trauern leisten?

Der Verstorbene ist der Vater einer verarmten Familie, für deren Lebensunterhalt er an einem kleinen Marktstand in Mexiko-City Uhren reparierte. Die Familie muss eine neue Überlebensstrategie finden: Wer kümmert sich nun um die Geschäfte? Wer hat fortan das Sagen? Die Tochter Sabina, obschon das resoluteste Kind, scheidet wegen ihres Geschlechts aus – bleiben der hitzköpfige jüngste Sohn Julián und der introvertierte, sensible Erstgeborene Alfredo. Bald offenbart der Kampf der Selbsterhaltung der verzweifelten Mutter und ihrer drei jugendlichen Kinder eine dunkle Seite: Sie pflegen den Ritus, Menschen zu essen. Das finden auch die Polizisten bei der Autopsie des Leichnams heraus, als sie im Magen einen menschlichen Finger finden.

Beklemmend und mit bewusstem Verzicht auf Splatter-Effekte inszeniert Grau die Jagd der Polizisten auf die Kannibalen-Familie sowie die Verzweiflung und moralischen Skrupel der Familie, das existenzsichernde Ritual fortzusetzen. Dabei nutzt er eine langsame Kameraführung und ein Halbdunkel, in dem Gewalt vorrangig nur angedeutet wird. Hinzu kommt der äußerst gelungene Einsatz von Sound und Musik: Während die schneidenden Streicher physische und psychische Grausamkeiten evozieren, macht das taktlose Ticken der vielen Uhren in der Werkstatt die Sprach- und Ratlosigkeit der Familie angesichts des Verlusts des Vaters, der bisher die menschliche Beute nach Hause gebracht hatte, noch eindringlicher.

Die Familie überwirft sich geradezu in der Auswahl ihrer Opfer, die sie am Rande der Gesellschaft zu finden glaubt: Sie lauert mittellosen Kindern und Prostituierten auf. Vor allem Alfredo fällt das Töten nicht leicht. Die Familie droht somit nicht nur ohne Nahrung dazustehen, sondern auch die von ihnen gepflegte Tradition sterben zu lassen.

Die Vergleichsebene, die Jorge Michel Grau aufbaut, ist mit Blick auf die Anfangszene recht schnell ersichtlich. Der Kannibalismus steht für eine verrohte Gesellschaft, in der zudem Außenseiter selbst durch Anwendung extremer Mittel kaum Überlebenschancen haben. Wenngleich ein Film durch den Einsatz einer Allegorie Gefahr läuft, an bildhafter Bedeutungsschwere zu erlahmen, schafft es der Regisseur, das Sinnbild am Plot nicht nur statisch und allzu offensichtlich abzuarbeiten. Zwar wird der Familienzwist mitunter durch redundante Dialoge in die Länge gezogen, doch werden im Laufe des Films Fragen nach Moral aufgeworfen, die dem Werk Dynamik verleihen. So ist zum Beispiel eine Coming-Of-Age-Geschichte eingewoben, in der Alfredo einen Jungen küsst und diesen später, womöglich aus Liebe, opfern will – die Mutter lehnt das Essen einer „Schwuchtel“ jedoch als sittenwidrig ab.

Unvermeidlich drängt sich die Frage auf, ob man sich als Zuschauer angesichts solch menschenverachtender Handlungen wie dem Kannibalismus überhaupt auf die Familie einlassen darf, die zu allem Übel nun auch noch homophob ist. Ist Armut eine Rechtfertigung für Gewalt? Oder macht ein nicht näher erläutertes, aber an die Aztekenkultur erinnerndes Festhalten an Traditionen das Tabu verständlicher? Indem die Familie Skrupel beim Töten zeigt, eröffnet der Regisseur in erster Instanz eine menschliche Projektionsfläche. Mit dieser muss man als Zuschauer fortan umgehen.

Nachdem Wir sind was wir sind auf der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes zu sehen war, wurden sogar Vergleiche mit den Werken Michael Hanekes gezogen. Das ist zwar ziemlich gewagt, angesichts der verstörenden Wirkung und evozierten Selbstbefragung des Zuschauers jedoch nicht ganz falsch. Grau entwirft obendrein ein Spiel mit den Rezeptionsgewohnheiten der Öffentlichkeit. So kann man es als intelligenten Kniff ansehen, dass der mexikanische Regisseur sich nicht der vermeintlich dokumentarischen Bilder bedient, die schon so oft in Zusammenhang mit Gewalt gezeigt wurden und bei denen der Zuschauer leider allzu oft nur noch wegschauen mag. Greift Grau etwa auch aus fehlender Empathie des Zuschauers zu einer Übertreibung, um die Gefühlskälte seines Umfelds zu illustrieren?

Den Originaltitel Somos lo que hay könnte man wörtlich mit „Wir sind was es gibt“ übersetzen – Individuen und Familien als Produkte und Kristallisationspunkte der gesellschaftlichen Zustände, Opfer und Täter zugleich. Kriminalisierung, Egoismus, Angst, Armut, Gewalt, unterdrückte Lust, soziale Kälte in all ihren Widersprüchen – wie positionieren wir uns als Rezipienten von Bildern und Geschichten, die das aufzeigen? Keine neue Frage, aber eine lohnenswerte.

Wir sind was wir sind

Originaltitel: Somos lo que hay

Mexiko 2010, Länge: 90 min.

Regie: Jorge Michel Grau; Darsteller: Francisco Barreiro, Alan Chávez, Paulina Gaitán, Carmen Beato, Jorge Zárate, Esteban Soberánes, Adrián Aguirre, Juan Carlos Colombo, Octavio Michel

Kinostart: 2. Juni 2011


Kommentare lesen und hinzufügen (1)

00$ schrieb am 17.01.2012 um 16:03 Uhr:

Das ist ekelhaft und Unmenschlich.Heute gibt es solche
Menschen nur noch in Filmen und in Australien.
Zum Glück!!!!!! :-) ;-)

 
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