| Drucken07.03.2006 

Zwei Stunden meines Lebens: Terrence Malicks „The New World” im Kino (Maike Schmidt)

The New World
USA 2006
Regie: Terrence Malick
Darsteller: Colin Farrell, Q'Orinaka Kilcher, Christian Bale, Christopher Plummer u.a.
135 Min.
Deutscher Kinostart: 02.03.2006Die Geschichte von Kapitän Smith und Pocahontas
-Kraftloses Poetenepos ohne Aussage-

Poetenepos, was soll das sein?... wird sich der eine oder andere nun vielleicht fragen. Ich gebe zu, dass das Wort von mir just für diesen Film erfunden wurde, aber durchaus mit Grund. Denn wer sich den neuen Film von Terrence Malick ("Der schmale Grad") antut, der wird reinste, verquere Poesie in epischer Breite zu sehen kriegen, eine 2stündige Qual der Extraklasse - und das in Cinemascope! Unter Zuhilfenahme der Voice-Over Technik (heißt: die Figuren erzählen aus dem OFF, während auf der Leinwand mehr oder weniger komplementär gehandelt wird) soll ein stimmiges, ich nehme an, realistisch-naturalistisches Bild der wahren Gegebenheiten der Geschichte von Pocahontas und Kapitän Smith entstehen. Was wie eine annehmbare Vorgehensweise erscheinen mag, die den Zuschauer emotional ganz nah an den Film und besonders seine Figuren binden soll, ist hier nach einer Stunde schon nerviges Beiwerk, das seinen Zweck so gar nicht erfüllen kann und das man bei der xten Wiederholung lahmer Liebesschwüre im Geheimen als überflüssig und sinnlos entlarvt.

Die Idee einer spielfilmischen Umsetzung dieses Stoffes ist nun keine schlechte. Gerade auch, und das kann gerne herausgestellt werden, wenn großen Wert auf eine möglichst realistische, nicht romantisierend-verschönigende Inszenierung gelegt wird. Diese Intention ist augenscheinlich, wenn auch nicht in letzter Konsequenz durchgespielt. An dreckigen Kulissen und Kostümen, bezogen und angezogen von verwahrlosten Männergestalten wird nicht gespart, auch die Darstellung der Eingeborenen lässt auf lange Recherche und Detailfreude schließen, wenn auch die knappen Bekleidungen - gerade die der Darstellerin der Pocahontas- Konnotationen in anderer Richtung durchblicken lassen, was weniger erfreulich ist.

Der Film beginnt 1607 in Virginia. Engländer finden nach langer Zeit auf hoher See endlich Land, das sie im Auftrag der englischen Krone besiedeln wollen. Man lässt sich nieder, schließ Freundschaft mit den Eingeborenen und versucht ein neues Leben zu beginnen, ein Leben gespickt mit Illusionen schnellen Reichtums und hehren Zielen für ein neues Gesellschaftssystem, weit weg vom monarchistisch gelenkten Heimatland. Kapitän Smith (Colin Farrell) wird gleich als Rebell, als Progressiver in Szene gesetzt, erreicht er doch das neue Land in Ketten, da er auf der Überfahrt wohl zu sehr seine Kompetenzen überschritten hat und zu vielen damit auf die Füße getreten ist. Doch frei nach dem Motto: neues Land, neues Glück, darf auch er sich hier einen neuen Platz suchen, wird im Schnellverfahren begnadigt und darf sich erneut beweisen, als nach ein paar Wochen verdorbenes Essen und Ernteeinbußen zu allgemeinem Unmut führen und sich ein paar Männer auf den Weg flussaufwärts machen sollen, Hilfe holen. Smith wird ihnen als Führer vorgesetzt, ein kleines Boot klargemacht und los gehts. Die Unwegsamkeiten der Reise gipfeln in der Gefangennahme des Helden durch sich angegriffen fühlende Eingeborene, die diesen in ihr "Dorf" verschleppen, wo er hingerichtet werden soll. Doch Smith hat eine Fürsprecherin, die jüngste Tochter des Häuptlings - Pocahontas (die erst 15jährige Q'Orianka Kilcher). Es kommt wie es kommen muss, sie verlieben sich, entgegen aller Wiederstände, bis aus ersten Widrigkeiten, ernste Schwierigkeiten werden und ein offener Krieg zwischen Engländern und Eingeborenen ausbricht. Smith weiß hier nur eine Rettung, er verlässt Amerika und - um es Pocahontas leichter zu machen- lässt sich für tot erklären. Verzweifelt und ohne Hoffnung steht sie nun da, von ihrem Stamm ausgestoßen, als Geisel von den Engländern genommen, lernt sie im Fort, das mittlerweile eine beträchtliche Größe angenommen hat und immer neue Abenteuerer aus der alten Welt beheimatet, einen jungen, schüchternen Mann (Christian Bale) kennen, der sich verliebt und sie bittet, seine Frau zu werden. Pocahontas stimmt zu, zieht zu ihm, sie heiraten und kriegen ein Kind. Alles könnte schön werden, bis sie eines Tages durch Zufall erfährt, dass ihr geliebter Kapitän Smith gar nicht tot ist.

So weit, so ungut. In immerwiederkehrenden, gleichen Bildern unterlegt mit sich wiederholenden Textuntermalungen soll dem Zuschauer diese eigentlich spannenden Geschichte zweier sich Liebender erzählt werden, die an den kulturellen Richtlinien ihrer Systeme zerbrechen. Was spannend hätte sein können, ist hier nur unglaublich langwierig und - noch schlimmer- langweilig. Belanglose Worte zieren schöne Landschaften, mehr gewollt als gekonnt ist hier gar nichts ergreifend. Was bleibt, ist eine ungewöhnlich blutleere Story, die auch die Darsteller nicht füllen können. Im Gegenteil, gerade Colin Farell in der Rolle des Kapitän Smith ist ganz und gar fehlbesetzt. Irgendwie scheint er nicht begriffen zu haben, was er hier tun soll und - das merkt man so sehr, dass es weh tut - Spaß hats wohl auch nicht gemacht. Es zeigt sich einmal mehr, dass nicht jeder zum Schauspieler geboren ist, wenn es darum geht ohne viele Worte, allein mit Körper und Mimik, zu agieren. Alles in allem eine schwache Leistung, die mich zwei Stunden meines Lebens gekostet hat. (Maike Schmidt)

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