René Seyfarth | Drucken | Kommentare (6)17.09.2007 

Neues von Jungs und Mädchen

Der aktuelle Galerierundgang ist eine ästhetische tour de force

Wenn man die neuen Ausstellung in der Baumwollspinnerei unter einen gemeinsamen Titel stellen wöllte, dann böte sich "Neues von Jungs und Mädchen" an, wahlweise auch "Stellungskrieg und Rückzug an der Gender-Front", denn kaum ein Gedanke drängt sich bei dem vielseitigen Kunstprogramm mehr auf, wenn man Themen und Stilistik betrachtet. Während die Künstler strenge Stillleben von architektonischen Ensembles und Innenräumen aufbauen, lösen die Künstlerinnen die Bildräume und den Rahmen auf und zaubern florale und / oder bunte Bildwelten zusammen. Überspitzt formuliert: Die Jungs schauen raus, die Mädchen schauen rein. Aber ehe ich mich in derart kühnen Verallgemeinerungen verliere, die einen Neuheitswert wie Eva Hermanns Gedanken zur Familie haben, gehe ich lieber von Fall zu Fall.

Schwierig dabei jedoch ist: Auf dem Gelände der Baumwollspinnerei scheint es keine Grenzen des Wachstums zu geben. Neue Galerien und Kunsträume, temporäre Ausstellungen (zum Beispiel Susanne Ruccius und Julia Rüthers in Interplay oder die Gruppenausstellung der Gruppe 11, wobei die Serie Seitensprung erwähnenswert ist), offene Ateliers (zum Beispiel um bei Alexander Prokoch Motive aus einem scheinbaren Durcheinander von Gitternetzen herauszulösen) etc. sind wiederum dazugekommen und auch die Besucherströme finden kein Ende. Von Ermüdungserscheinungen kann keine Rede sein, aus einem unbekannten Quell boomt es irgendwoher irgendwohin. Eine erschöpfende Übersicht bieten zu wollen, ist schlichtweg nicht (mehr) möglich. So seien zu Beginn drei Empfehlungen ausgesprochen: Der neu zugezogene Laden fuer Nichts mit der beängstigend-bizarren Installation N° 2 von Katrin Heichel, die Fotografien und Gemälde von Sabine Dehnel bei Filipp Rosbach und die Bilder von Martin Eder bei EIGEN + ART zählen dieses Mal zu den Höhepunkten der Schau. Und jetzt der Gewaltmarsch durchs Gelände:
ASPN - Grit Hachmeister: Du alter Sack, was nun?; bis 3. November 2007
Hier wird sie eröffnet, die Genderfront. Aggressive bis verstörte Nacktheit, blass aufgestellt in der Kälte der Welt. Muschis bis über beide Ohren, ein paar Puller dazwischen, kokett mit den Geschlechterrollen gespielt und zynisch-freche Skizzen dazwischengehängt, fertig ist die Ausstellung. Hier treffen die Malkünste der ABC-Schützen den virtuos, aber grob umrissenen Welthass der Pubertät und das technische Experiment (Street Art) der Twens. Aber das ist nicht die Ausstellung eines soziokulturellen Jugendzentrums, sondern alles Werk von Grit Hachmeister. Hier soll verstört werden und zwar richtig doll. Allerdings ist alles ein bisschen zu viel - das Können, das sich in einigen Bildern zeigt, verliert sich in einem Sammelsurium gleichsam einer Grrl-Geröllhalde und der angesprochene alte Sack darf zu Recht zurückfragen: "Ja, was denn nun?"
Dogenhaus Galerie - Angelina Gualdoni; bis 27. Oktober 2007
Wer sich erinnern kann, wann im Dogenhaus noch nicht großformatiges Mittelmaß, welches sich trefflich zur Dekoration von Kongresszentren eignet, gezeigt wurde, bekommt vom Autor ein Freibier. Aufregung war hier jedenfalls schon länger nicht mehr und nach den "netten" Eindrücken kann man aufgewärmt und sinnendurstig weiterziehen.
Filipp Rosbach Galerie - Joachim Blank, Sabine Dehnel, Katja Wiechmann; bis 17. November 2007
Ganz anders dagegen die junge Filipp Rosbach Galerie. Auch dieses Mal ist hier wieder eine hervorragende Ausstellung dreier KünstlerInnen gelungen, deren Arbeiten sehr verschieden, doch allesamt von hoher Qualität sind. Besonders beeindruckend sind dabei die Fotografien und Gemälde von Sabine Dehnel, die unter dem Titel anderswo - elsewhere zusammengestellt sind. Zentral gestellte Torsi in jungen Wäldern bilden stark vereinfachte, zu bloßer Vertikalität tendierende Motive, die bei aller Schlichtheit beklemmende Geschichten erzählen. Gerade durch den ruhigen Blick der Künstlerin gewinnen die Porträts und Körperausschnitte an Strahlkraft, was durch die glückliche Hängung der Bilder noch unterstrichen wird.
Galerie b2_ - Mark Hamilton: Metal Box; bis 13. Oktober 2007
Fünf Einzelstücke oder alles zusammen eine Installation? Warum Metal Box? Und überhaupt?? Leicht macht es einem die Ausstellung von Mark Hamilton nicht, karg beziehungsweise minimalistisch das Konzept, unentschlossen schwankend zwischen Zitat, Ironisierung und Gesamtkonzept. Dass das Mitsubishi-Logo tausendfach zweckentfremdet wurde, um Ecstasy-Pillen zu zieren, ist eine Nice-to-Know-Info, doch um symbolische Aneignung im zeitgenössischen Kapitalismus zu thematisieren (so der Anspruch), bedarf es etwas mehr als der bloßen Re-Reproduktion dieses Logos. Und den alten Hut des Minimalismus aufs Korn zu nehmen, indem man seine Stilistik nachahmt und es dann Fetish work chic zu nennen, ist zwar witzig und kann auch als Kommentar zur Kunst- und Museumswelt gelesen werden, denn kaum eine Strömung ist im 20. Jahrhundert diesbezüglich symptomatischer gewesen als Minimal Art. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass die Arbeit hier auf halber Strecke stehen geblieben ist. "We're keeping steady with a routine of the same music, coffee Stopps and lunches and at night we always drink beer from green bottles." - Dann mal Prost, Jungs, aber nach'm Aufstehen weitermachen!
Galerie EIGEN + ART - Martin Eder; bis 21. Dezember 2007
Es ist ja beinahe etwas peinlich, immer den Star unter den Galerien weiter zu pushen, obwohl er es nicht nötig hätte, aber wenn so penetrant auf Qualität beharrt wird, kann man sich dagegen nicht verwehren. Die Großformate von Martin Eder zeigen eine verwirrende Kombination von - euphemistisch ausgedrückt - experimenteller Erotik und gediegenem Luxus. Man könnte ein Nobelbordell assoziieren, aber irgendwie klappt das nicht, die Bilder entziehen sich einer klaren Zuordnung. Rassekätzchen tauchen immer wieder auf, desinteressiert in ein Nirgendwo starrend und gleichzeitig die Situation beherrschend. Es scheint, als habe sich das Verhältnis von Haustier zu Frauchen umgekehrt, zumal bei näherem Hinsehen Störungen in Form von kleinen Farbflecken und Verwischungen sich wie ein Nebel über die ganze Szenerie ziehen und etwas sehr eigen kränkliches von den menschlichen Figuren ausgeht. Vor allem die unnatürlich proportionierten Hände der überwiegend weiblichen Figuren übertragen die technische Bildstörung in den Inhalt weiter. Das Bild (Durst) eines jungen Mädchens, das unglücklich an seiner Schnitte nagt, vermag hier einen Hinweis auf die Programmatik auch der anderen Bilder zu geben: Alle Figuren scheinen unglücklich mit ihrem Dasein zu sein, da sie zwar haben, aber nicht das, was sie wollen. Die zoologisch reich bevölkerten Gemälde erschöpfen sich jedoch nicht in einer simplen Konsum- und Gesellschaftskritik, sondern sind meisterlich verfertigte, weit ausgreifende Bildwelten, welche die Großformatigkeit nicht nur ausfüllen, sondern geradezu verlangen und darüber hinauswuchern.
Galerie Kleindienst - Tobias Lehner: Chromatic; bis 13. Oktober 2007
In Grautönen gehaltene Bilder unter den Titel Chromatic zu stellen, lässt von Anfang an vermuten: Hier waltet die Beliebigkeit. Das wäre allerdings etwas zu kurz gegriffen, wenngleich der große Wurf nicht erwartet werden darf. Zweifelsohne inspiriert von der Vielschichtigkeit jahrzehntelanger Tapezierbestrebungen (wahlweise auch des monatelangen Plakatklebens), die mitunter ein faszinierendes Zusammenspiel verschiedenster Muster, Überlagerungen, Verunreinigungen und Schäden ergeben, spielen auch bei Lehner verschiedenste Formen ineinander. Im Gegensatz zum Vorbild in der Realität erkennt man jedoch bei einem Gemälde nicht die Abfolge der Schichten, alles fügt sich zu einer Fläche zusammen und ein Ineinanderspielen der Muster wird gekonnt komponiert, ebenso der Wechsel zwischen starken Konturen und unkenntlich gemachten Übergängen. Die Verweigerung der Farbe hebt die formale Harmonie weiter hervor. Im Resümee: Tobias Lehner ist ein vom Autor weitgehend unverstandener Künstler, der nicht ohne weiteres abgetan werden sollte.
Galerie PIEROGI - William Lamson: SUBLUNAR; bis 10. November 2007
Galerie Pierogi ist nicht nur der übliche Wendepunkt beim Galerierundgang, sondern auch ein deutlicher Kontrapunkt. Keine Galerie vermag es, sich so deutlich von allen anderen auf dem Gelände abzuheben. Doch dies muss nicht gleichbedeutend mit der Qualität sein. Bisher bekannt durch ein verspieltes und intelligent lustbetontes Programm, drängen sich dieses Mal unweigerlich die Worte "sperrig", "spröde" und "verkopft" auf. Das Thema ist der Traum vom Fliegen und da vor allem die Momente des Scheiterns beim Versuch der Verwirklichung dieses Traums bearbeitet wurden, bleibt auch die Leichtigkeit aus. Die Charakterisierung der Arbeiten im Pressetext als "gleichermaßen auffallend klar und seltsam düster, humorvoll und mitleidserweckend" verlangt dem Publikum reichlich Vorstellungskraft ab - zu kargem Lohn.
Halle 14 / Universal Cube - BURGHARD, Stéphane Dafflon, Carsten Fock, Katarina Löfström, Dennis Loesch: VOLUME II - It Feels Good!; bis 20. Oktober 2007
Der Universal Cube in der Halle 14 war bislang vor allem ein Raumkonzept beziehungsweise -experiment und zeichnete sich leider nicht durch aus der harten Konkurrenz herausragende Inhalte aus. Dieses Mal jedoch lohnt ein Abstecher in die White-Cube-Stellage. Vor allem Carsten Fock, der mit Bleistift auf Leinwand zeichnet und so kontrastarme, äußerst reduzierte Bilder schafft. Die Botschaften wirken zuerst allzu plakativ: "Schon wieder eine Verknüpfung von Revoluzzertum und Werbewelten," will man zunächst seufzen. Allerdings erweisen sich seine Anspielungen als mehr als nur doppelbödig. Durch geschickte Weglassungen oder Weißblenden, wie schon im Titel dieser Zusammenstellung "Idealisten sind immer" eröffnet sich die Frage, was man als BetrachterIn denn nun ergänzen könnte/möchte. Oder gibt es dem möglicherweise nichts mehr hinzuzufügen?
Kavi Guptar Gallery, Chicago - Danielle Gustafson-Sundell: It's midnight and I'm lonely; bis 3. November 2007
Wer noch mehr Parolen will, findet sie bei Kavi Guptar. Emanzipatorische wie konservative Leitsätze der US-amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts sind an der Wand zu einem "demokratischen" Diskussionsforum gefügt: "Words on the wall create a pleasing chaos." Das ist sehr schön bunt und wenn man möchte, kann man bei der Gelegenheit über das Wesen der Demokratie und die Stellung des Individuums in ebenjener nachdenken. Wenn man dies nicht tut, mag man den Gedanken hegen, die schmale Wendeltreppe zu erklimmen, um sich die Landschaftsbilder von Sarah Nesbit anzuschauen, doch die sind in jedem Fall weniger bunt und was man angesichts dieser Bilder überdenken könnte, ist eigentlich nur der Treppenabstieg.
Kunstinitiative Pilotenkueche (Halle 18) - Markus Bacher, Berenice Darrer, Christoph Mayer, Petra Strobl, Hendrik Voerkel, Eva Walker; 15. & 16. September 2007
Leider nur für die Dauer des Galerierundgangs stellt sich die Initiative Pilotenkueche vor. Dabei haben die jungen Künstlerinnen und Künstler aus Leipzig, Wien und Halle einiges herzuzeigen, allen voran die Burg-Studentin Eva Walker. Auf ihren monochromen Grafiken vermischen sich üppige Ornamentik mit Motiven in Heimatfilm-Optik. Trotzdem will sich die heile Welt nicht einstellen, obwohl dem süßen kleinen Mädchen im floralen Durcheinander weder das Blut aus dem Mundwinkel trieft, noch der böse Wolf hinterm Baum lauert. Beides hält man aber unmittelbar für möglich, im nächsten Moment einzutreten. Eine feinziselierte Bedrohlichkeit webt unauffindlich durch die Bilder, aber man findet den Faden nicht, was es umso spannender macht. Und um auf das eingangs erwähnte mögliche Leitmotto aller Ausstellungen einzugehen, hängen diesen Bildern wie zur Bestätigung einige Gemälde von Hendrik Voerkel gegenüber. Menschenleer und in reduzierter Farbigkeit inszeniert er angenehm unaufgeregte urbane Szenerien.
Laden fuer Nichts - Paule Hammer, Enrico Meyer, Frank Walter: Ich bin ein Deutscher bumsfallera; 15. & 16. September 2007
Mit einem Paukenschlag eröffnet der Laden fuer Nichts seine Tore auf dem Spinnereigelände. Ich bin ein Deutscher bumsfallera hält, was der Titel verspricht: Es macht zuerst einmal Spaß, ist laut und nimmt unsere schöne Heimat und ihre Hanswursts ins Visier. Da wachsen die Krauts nur so auf dem Feld und was tut Kohl, wenn man ihn nicht rechtzeitig erntet? Richtig: schießen; das vorgestellte Kraut ist jedoch rechtzeitig geköpft und dementsprechend friedlich. Dann kann die Fressorgie ja losgehen - und wenn wir Eierlikör kotzen, ist das immer noch besser als hungern.
maerzgalerie - Miriam Vlaming: Afterall; bis 27. Oktober 2007
Immer ein bisschen glamourös präsentiert sich die maerzgalerie - WE WILL WIN thront leuchtend über dem Entree, da kann auch mal etwas Glitter in die Tempera im Innenraum geraten (God save the queen). Die Gemälde der bereits öfter in der maerzgalerie präsenten Miriam Vlaming sind zweifelsohne von hoher handwerklicher Qualität, doch wirken die ins alptraumhaft strebenden Bildthemen teilweise zu aufgesetzt. Idee - gemalt - fertig, Missbrauch und Scheinwelt gehen schließlich immer. Wird man deshalb am Eingang von der Videoinstallation I want to be somewhere else in Dauerschleife vorgewarnt? Eine Ausnahme macht dabei vor allem das Bild Die Zentrale, auf dem eine Waldhütte zu sehen ist. Die unwirkliche Orangedominanz und der ins schematisch-ornamentale abdriftende Baumbestand erzeugen eine rätselhafte Intensität, die alle anderen Bilder im Raum übertrifft.
Schlien & friends - Martin Mainer, Harold Hoffman: Prag meets Leipzig
Acrylfarben bis zum Schwindel, ein wildes Getümmel der Farben, "so reiht sich [Martin Mainer] in die Geisteswelt seiner Heimatstadt Prag [ein], wie auch in deren starke malerische Tradition des 20.Jhs." Harold Hoffman reiht sich dagegen deutlich in Leipzig ein, mit geometrisch aufgebauten, extrem statischen und gleichzeitig irrealen Industrie-Landschafts-Ansichten. Und da alle so schön in Reihe stehen und hängen, kann man die Schublade auch gleich wieder zumachen.
SPINNEREI archiv massiv - Sandro Porcu, Andreas Jeriga: intermission / Uwe Walter: Bildarchive 3; bis 3. November 2007
Neben einer hart im Geiste arbeitenden Ameise findet man hier beim Eintritt oder Verlassen des Geländes die Vielfachbelichtungen von Uwe Walter vor. Das Kommen und Gehen, Geschehen oder auch eben völlige Ausbleiben von irgendeinem Geschehen wird auf seinen Bildern gekonnt in Szene gesetzt, ohne bloß bei einer technischen Spielerei zu verharren. Je nach Wurfrichtung lohnt es sich durchaus, hier den Rundgang zu beginnen oder ausklingen zu lassen, so man die Augen noch offen halten kann.

Galerierundgang in der Baumwollspinnerei
ASPN
Dogenhaus Galerie
Filipp Rosbach Galerie
FRED [LONDON] LTD
Galerie b2_
Galerie EIGEN + ART
Galerie Kleindienst
Galerie PIEROGI
Gruppe 11
Halle 14 - Universal Cube
Kavi Guptar Gallery, Chicago
Kunstinitiative Pilotenkueche (Halle 18)
Laden fuer Nichts
maerzgalerie
Schlien & friends
SPINNEREI archiv massiv

Bilder:
Sabine Dehnel: Spurenlos
Katja Wichmann: O.T.
Martin Eder: Die Schlaflosen (Detail)
Eva Walker: O.T.
Katrin Heichel: Installation N°2

Bildergalerie5 Bilder 

 

Kommentare lesen und hinzufügen (6)

mmikkerr schrieb am 12.04.2010 um 23:19 Uhr:

18. September 2007

rundgang an der kotzgrenze
zum galerierundgang, september 2007: seit wann wird man eigentlich auf dem spinnereigelände von porsche-geländewagen überfahren, auf denen groß "vip shuttle service" steht und in denen in bayrische trachten oder sonstwelchem widerlichen kunstmarkt-typischem gewand gekleidete semi-promis bzw. leitende bankangestellte herumkutschiert werden? und seit wann wird mit güldenen kerzenständern und luxusfresschen dem biederen "nur für geladene gäste"-ausschlussprinzip gefröhnt in der kleinen halle hinter dem sich natürlich nicht lumpen lassenden und brav auch auf der spinnerei angedackelt gekommenen laden für nichts? herrschaftszeiten. was für ein galerierundgang. da freut man sich fast schon, dass stück für stück alles, was man vielleicht noch subversiv nennen könnte, vom gelände verschwindet, bimbotown weicht einer tshirt-fabrik, wgs werden rausgemobbt - mögen sie ein schöneres domizil finden, das alte ist verseucht. was bleibt ist ein gelecktes kunstghetto mit pseudo-bröckel-charme, security-deppen und bratwurstständen. ich frage mich: für wen wird da eigentlich kunst produziert? irgendwie kann man ja martin eder da schon fast als sinnbild für das begreifen, was in der spinnerei passiert: war eder mit seinen installationen, happenings und kätzchen/muschi/aquarellen irgendwann mal sperrig aber sexy und dreckig und durchaus witzig, ist der meister, seitdem er seit ein paar kurzen jährchen in lukrativerem öl macht, einfach nur noch leer-pompös, anbiederisch und aufgesetzt. egal. pierogi bleibt zu wünschen, dass sie den abflug früh genug schaffen. die am traum vom fliegen scheiternden und sich lächerlich machenden männer machen's doch gut vor.

René Seyfarth (Kunst-Redakteur) antwortete am 12.04.2010 um 23:20 Uhr:
18. September 2007
Kunst wurde (fast) immer für die Herrschenden produziert und Kunstbesitz war nie bloßem Mäzenatentum oder Feinsinnigkeit geschuldet, sondern meist zu viel größerem Anteil einem Bedürfnis der Repräsentation - von Besitz und Herrschaft(sansprüchen).

Wenn es immer mal wieder ein Aufbegehren seitens KünstlerInnen zu verzeichnen gibt, so ist das doch nur eine Randerscheinung und eben auch keine Alternative. Denn ein Ölgemälde muss eben auch bezahlt werden, ebenso wie ein Künstlerleben. Dass die Reichen und Mächtigen sich dies eher leisten können als abgehalfterte Kommunen ist klar. Und das Kunst ebenso Marktregeln unterliegt wie jedes andere Handelsgut auch, sollte nun wirklich kein Aufreger mehr sein...

Wichtig ist doch: was kommt dabei raus? Wird nur auf den Bedarf und den Geschmack der gediegenen oder auch ganz unverschämt protzigen Herrschaften und Damen belanglose Dekoration produziert, oder gibt es da noch ein Mehr, das Je-ne-sais-quoi der Kunst? Sicherlich kann man sich über einzelne Werke streiten und deren Gelungenheit bezweifeln, wie z.B. bei M.Eder.

Andererseits: es gab und gibt auch seit einigen Jahrzehnten Kunst, die an den gegenteiligen Geschmack angepasst wurde - wo Provokation zur Geste erstarrte und Revoluzzertum oder irgendetwas "Subversives" produziert wurde bzw. werden sollte. Doch das wird eben langweilig und ist genauso beliebig und bieder wie die Akademiekunst des 19. Jahrhunderts. Der Ruf danach, dass Kunst authentisch subversiv zu sein habe ist verständlich, aber meiner Meinung nach schallt er ins Nichts und deswegen wird man wohl auch kein Echo vernehmen. Zu Recht, wie ich meine.

mmikkerr schrieb am 12.04.2010 um 23:20 Uhr:

18. September 2007

mein ruf ging nicht nach subversiver kunst, ich habe eigentlich überhaupt nicht über die kunst geschrieben, die sich da am wochenende unter katastrophalsten bedingungen (meinung des autors) begucken lassen musste. mir ging und geht es eher um die sichtbarmachung von strukturen, die das baumwollspinnereigelände mittlerweile veröden lassen. und zwar verödet dort ein lebens-raum für alltagsexperimente von ganz konkreten menschen, welche seit geraumer zeit dem repräsentations-wahn von stadt und kapital weichen müssen. diesen umstand, im endeffekt eine ausweitung des blicks auf das, was passiert, wenn man die kunstkritikerbrille abnimmt, in eine besprechung des galerierundgangs einfließen zu lassen, finde ich nur fair. fair den lebens-projekten von menschen gegenüber. je ne sais plus.

René Seyfarth (Kunst-Redakteur) antwortete am 12.04.2010 um 23:21 Uhr:
19. September 2007

Dagegen lässt sich wenig einwenden, außer vielleicht zwei Dingen:

1) Wollen wir Biotope und Kulturschutzgebiete für KünstlerInnen oder müssen diese sich den gleichen Verdrängungsprozessen stellen wie der Rest der "Gesellschaft" auch?

2)Ich persönlich halte es mittlerweile für müßig, mich über immer neue Formen des Event-Marketings und Getreibes auf dem Spinnerei-Gelände zu äußern, da dies bereits vor zwei (?) Jahren die Feuilletons landesweit hoch- und runtergebetet wurde. Alternative Strategie: Da ist etwas, was Kunst genannt wird. Worum handelt es sich dabei? Alles andere kann man bedauern oder verdammen, aber es wäre doch jedes halbe Jahr die selbe Leier, oder?

mmikkerr schrieb am 12.04.2010 um 23:22 Uhr:

19. September 2007

zu 1) auf welcher seite stehst du?

zu 2) ich bin immer für eine aufarbeitung und evtl. sogar umarbeitung von diskursen zu haben. und sorry, kunst findet nicht im luftleeren raum statt.

René Seyfarth (Kunst-Redakteur) antwortete am 12.04.2010 um 23:24 Uhr:
19. September 2007

Auf einer eindeutigen Position würde ich mich furchtbar langweilen. Aber ich möchte es gern mal illustrieren:

Man stelle sich mal vor, z.B. Herr Rauch würde sich, wie das langezeit nicht unüblich war, eine hübsche Stadtresidenz bauen, an prominenter Stelle und auch eher groß als klein. Hach, wäre das ein Geschrei! "...unglaubwürdig geworden!", "...dem Kommerz geopfert", "...Frechheit!" usw usf. Obwohl sich weder Bernadette P. aus der Südvorstadt oder Horst K. aus Sellerhausen-Stünz reinreden lassen würden, wofür SIE ihr Geld ausgeben und wieviel überhaupt etc pp... die Diskussion über Kunst & Kommerz(ialisierung), Bildpreise und das ganze Drumrum ist meines Erachtens zu einem guten Teil eine Neiddebatte.

In alldem schwingt etwas von "Sei bescheiden und nähre dich redlch mit", der moralische Not(Hunger)haken für alle die glauben, im Leben zu kurz gekommen zu sein. Und die sitzen dann in ihrem Zimmerchen, trösten sich damit, dass sie "sich selbst treu geblieben sind" und schimpfen auf alle, denen es vermeintlich besser oder sogar viel zu gut geht. Mir geht es nicht darum, eine Lanze für die Reichen zu brechen und noch weniger will ich soziale Probleme leugnen, aber ich frage mich, was das immer mit Kunst zu tun haben soll? Als ob Wahrheit und Prekariat in einem kausalen Zusammenhang stünden und Geld und "Authentizität" sich in jedem Fall ausschließen würden. Ich sehe da jedoch keinen Zusammenhang. Und deswegen halte ich es auch nicht für erforderlich, mich über jeden Porsche auf dem Spinnereigelände zu erregen und muss auch nicht jeden Tisch, der über das Niveau der Stehtheke vom Bratwurststand hinausragt, elitär schelten.

mmikkerr schrieb am 12.04.2010 um 23:24 Uhr:

20. September 2007

nein nein nein, der vergleich hinkt. neu bauen an stellen wo nix is, zählt in dieser unserer kleinen debatte nicht! (liest das hier eigentlich überhaupt jemand oder haben nur wir beide unseren spass?) und der neo würde selbst dann noch als gutes beispiel voran gehen, ob seiner protestantisch-disziplinierten arbeitsmoral nämlich, und jetzt auch noch der lehrauftrag und dann noch weib und kinder, herr- und fraujemine!

das prekariat hast du aus dem ärmel gezaubert, da setz ich einen drauf und bringe mal kokett das böse g-wort ins spiel: gentrification, hu ha! und von authentizität war ja vorher auch noch gar nicht die rede. da muss ich jetzt erstmal drüber schlafen, befürchte ich...

Verpeilnix schrieb am 12.04.2010 um 23:26 Uhr:

25. September 2007
Oh nein, nicht das g-Wort!

Anke L. schrieb am 12.04.2010 um 23:27 Uhr:

20. September 2007

ch verfolge eurre Debatte gespannt und habe auch meinen Spass. Wäre also schön, wenn ihr diskutiert.

 
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