Paula Franke | Drucken26.09.2013 

Luxus der Bescheidenheit

Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2013, 2. Platz: Rezension über eine Fotoausstellung im Grassi-Museum über das Künstlerpaar Lillian Bassman und Paul Himmel

Das Künstlerpaar Lillian Bassman und Paul Himmel hat in New York 71 Jahre lang zusammen gelebt und gearbeitet. Beide erschufen ein eigenes, beeindruckendes OEuvre. Lillian Bassman gilt als eine der wichtigsten Modefotografinnen des 20. Jahrhunderts und feierte vor allem in den 50er Jahren große Erfolge. Auch ihr Mann Paul Himmel fotografierte für Modemagazine, widmete sich dann jedoch maßgeblich dokumentarischer, aber auch experimenteller Fotografie. Was kann es bedeuten, für die Fotografie zu leben? Das versucht die erste gemeinsameRetrospektive der beiden Künstler zu zeigen. „Zwei Leben für die Fotografie“ ist alsSonderausstellung im Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig zu sehen.

Als Paar im gleichen Bereich zu arbeiten, mag gefährlich sein: Konkurrenz, Neid und symbiotische Abhängigkeit kann jedoch einem Pol von Inspiration, Ermutigung und Antrieb gegenüber stehen. Die Künstlerin Lillian Bassman stellt im Katalog zur Ausstellung eine verblüffend einfache Trennung zwischen dem gemeinsamen künstlerischen Schaffen fest: Ihr Werk sei eben feminin, das ihres Mannes viril. Im Grassi Museums zeigt die eine Wand Bassmans Werke, gegenüberliegend sind Paul Himmels Fotografien zu sehen. Der femininenSeite zugewandt, kann man filigrane Modefotografien entdecken. Nach einigen Anlaufschwierigkeitenkonnte Lillian Bassman in den 50er Jahren schließlich Aufträge für bekannte Modemagazine wie Harper’s Bazar oder die Vogue an Land ziehen, für die sie bis in die 90er Jahre hinein arbeiten sollte. Durch eine besondere Technik erzeugte die Künstlerin eine Komposition aus Malerei und Fotografie. Ihre Schwarzweiß-Fotografien haben eine weiche Optik, wirken teilweise wie Kohlezeichnungen. Dieser fuzzy look kam durch Bearbeitung der Abzüge in der Dunkelkammer zustande. Mit Bleichmittel durchtränkte Gaze und Schwämme wurden Bassman zum Werkzeug, um scharfe Konturen zu verwischen, Details genau herauszuarbeiten und der Fotografie schließlich eine Stimmung zu verleihen, in dem das Aussehen des Models über die Mode hinaus seinen eigenen Stil, seine eigene Ausstrahlung finden sollte. Die Modefotografien sind ein sinnliches, wohltuendes Erlebnis. Die Bearbeitung der Bilder verwischt die Realität im wahrsten Sinne des Wortes. Dadurch entsteht eine fastunwirkliche Schönheit, zu derem surrealen Abbild das Model wird. Es ist diese besondere weibliche Eleganz, die Bassmans Bilder betörend macht: Schultern zurück, Kinn gehoben. Alles mit einer gewissen Leichtigkeit, in der Satinstoffe und Spitzenwäsche geradezu zelebriert werden.

Paul Himmels Werk gegenüber besticht durch eine Vielfältigkeit, welche für die Kuratoren ein Geschenk gewesen sein muss. Neben Fotografien seiner Reisen durch Osteuropa ist hier auch ein Projekt zu sehen, bei dem Himmel die Bewegung von Balletttänzern durch Langzeitbelichtung einzufangen versuchte. Ein interessantes Seherlebnis sind die verwischten Bewegungen der Pirouetten und Sprünge, die durch die lange Belichtung in weißen Schleiern hinter den Tänzern herwabern. Beeindruckend ist auch die Reihe Nudes, die, großformatig abgezogen, nackte Frauensilouetten in extrem grobkörniger, fast geisterhaft wirkender Unschärfe zeigt. Paul Himmel war mit diesen Experimenten seiner Zeit voraus und traf nicht so sehr wie seine Frau den Geist der Nachkriegskonsumwirtschaft. Lange blieben Teile seines Werks unbeachtet, einiges vernichtete Himmel im Laufe der Zeit. Gut, dass es hier nun die Beachtung finden kann, die es verdient. Und doch dominiert Lillian Bassman diese gemeinsame Retrospektive, was sicher ihrer klareren künstlerische Linie zuzuschreiben ist.

Die Werkschau verschafft durch ihre Vielfalt einen genauen Überblick über das OEuvre der beiden Künstler und zeigt zugleich Fotografiegeschichte aus dem 20. Jahrhundert. Himmels Fotos von Massen eilender Mantelträger an der Grand Central Station, in denen er den Kontrast von Hast und Stillstand einzufangen versucht und Bassmans stolze Abbildungen eines immer selbstbewussteren Frauentypus’ sind treffsichere Zeitzeugnisse des New Yorks der 40er und 50er Jahre. Paul Himmels Solarisationsfotografien, die er nachträglich mit Farbe angereichert hat, erwecken einen fast futuristischen Eindruck und Bassmans erste Versuche in der Farbfotografie sind auf naive Art und Weise mutig.

Den Plan, die Besucherherzen endgültig für dieses fotografische Lebenswerk zu gewinnen, haben die Hamburger Kuratoren Woischnik und Taubhorn konsequent und bis ins letzte Detail verfolgt. Im zweiten Raum eröffnet die Ausstellung einen sehr privaten, fast intimen Zugang zum Künstlerpaar. Hier sind die fotografischen Anfänge zu sehen, die sich in einer künstlerischen Dokumentation des Familienlebens offenbaren. Die junge Lillian am Morgen nackt in den weißen Bettüchern, daneben der ebenso nackte Paul. Er lesend am Strand. Sie, schwanger im Nachthemd am Fenster der New Yorker Wohnung. Dann als Mutter, Gesicht an Gesicht mit den Kindern. Es scheint, als hätten die Beiden zunächst das portraitiert, was sich als Zauber und intimes Eigenes aus ihrer persönlichsten Umgebung herausfiltern ließ, um dann ihren Blick für das große Draußen zu weiten. Zwei Leben für die Fotografie.

Trotz ihres Alters sind Bassmans und Himmels Fotografien zeitgemäß. Denn die Arbeit mit Verfremdung und Bearbeitung ist eine dem digitalen Zeitalter umso verständlichere. Manchmal wünscht man sich beim Betrachten der Bilder regelrecht in das analoge Zeitalter zurück, um den so kinderleicht gewordenen Vorgang des Retuschierens wieder zum ehrlichen Handwerk erklären zu können. Das mediale Element der Ausstellung, ein kurzer Dokumentarfilm, der das hoch betagte Künstlerpaar in seiner New Yorker Wohnung zeigt, ist zwar interessant, doch entzaubert er zu sehr. Schließlich erzählen die Fotografien selbst ja auch schon viele der Lebensgeschichten. Ob Dokumentationen, Experimente oder Mode: Alle Bilder haben eine authentische und ehrliche Ausstrahlung, wirken trotz luxuriöser Extravaganz bescheiden, beinahe zurückhaltend. Ihre Kunst hat das Künstlerpaar Bassman und Himmel reich werden lassen. Nicht nur materiell, sondern vielmehr auf inspirierende und produktive Art und Weise. Das trägt ihr Werk und verleiht dieser Ausstellung eine zeitlose Dringlichkeit.

Zwei Leben für die Fotografie

21. November 2012 – 3. März 2013, Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig


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