Steffen Lehmann | Drucken29.08.2003 

Von Siegern und Unterlegenen

Die Ausstellung "Beutestücke" zeigt Kriegsgefangene in der deutschen und sowjetischen Fotografie von 1941 bis 1945

Welche Rechte haben Kriegsgefangene? Die Antwort: Ganz klar verbriefte. In der Genfer Konvention, die nach dem Ende des 2. Weltkrieges verabschiedet wurde, steht der Passus, dass Kriegsgefangene nicht fotografiert werden dürfen. Damit soll deren Würde und Ehre gewahrt bleiben. Die Geschichte der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Zeit nach 1945 hat genügend Beispiele parat, die das Gegenteil beweisen. In guter Erinnerung dürfte noch der Aufschrei der amerikanischen Regierung sein, als die Iraker in den ersten Tagen des jüngsten Golfkriegs amerikanische Soldaten vor laufender Fernsehkamera präsentierten. Was ist mit den ohne Anklage und rechtlichen Beistand auf Guantanamo (Kuba) festgehaltenen, mutmaßlichen al-Quaida-Kämpfern? Warum zeigte die US-Armee ihrerseits ebenfalls irakische Kriegsgefangene.

Der Moment der Gefangennahme ist auch bei aller körperlichen Unversehrtheit ein Moment der persönlichen Niederlage und der Demütigung. Das soll nicht abgebildet werden. Auf der anderen Seite die Sieger. Sie dürsten nach Beweisen für ihren Erfolg. Professionelle Fotografen waren immer mit dabei, um ?starke? Bilder zu machen. Bilder, die die eigene Stärke demonstrieren und die Schwäche des Gegners vor Augen führen sollten. Die Aufnahmen bilden einen singulären Moment ab. Von den Strapazen und Qualen, dem Sterben und Leiden in der Kriegsgefangenschaft erzählen sie nichts. Allenthalben lässt sich erahnen, welches Schicksal auf die deutschen und sowjetischen Soldaten wartete, wenn sie gefangengenommen wurden. Was geschah abseits der Kameras der Fotografen?

Sechs Millionen sowjetische Soldaten gerieten während des 2. Weltkriegs in deutsche Kriegsgefangenschaft. Auf ihre Rechte konnten sie nicht bauen. Politoffiziere und Soldaten jüdischen Glaubens wurden gleich getötet. Die Grundlage dieses mörderischen Handelns legte Hitler auf einer Generalsbesprechung vom 30. März 1941 fest: ?Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskrieg.? Auf die anderen Gefangenen wartete Hunger und Zwangsarbeit. Eine Anweisung aus dem Jahr 1941 lautete: ?Nichtarbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern haben zu verhungern.? Erschreckendes Resultat: Drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene starben. Sie stellen eine der größten Opfergruppen des Krieges dar. Den Überlebenden erging es nicht viel besser. Von Stalins Schergen als Verräter und Kollaborateure verunglimpft, mussten viele nach dem Ende des Krieges in die Lager des Gulag. Auf russischer Seite erging es den deutschen Soldaten kaum besser. Von drei Millionen gefangenen Soldaten überlebten eine Million die Gefangenschaft nicht. Und jene, die überlebten, landeten in Stalins Lagern. Entgegen dem Völkerrecht.

Die Bilder von Kriegsgefangenen sind immer auch Bestandteil einer unnachgiebigen Propagandamaschinerie. Dazu gehört, dass Aufnahmen inszeniert wurden. Wie die vom Rückzug deutscher Soldaten vor Moskau im Dezember 1941. Da wurden gefangene deutsche Soldaten auf ein Feld gebracht, der Schnee von Propellerflugzeugen aufgewirbelt und fertig war das Bild vom Rückzug. Die Vogelperspektive verschafft dem jeweiligen Betrachter ein Gefühl der Überlegenheit. Die langen Kolonnen der Marschierenden lassen das Individuum verschwimmen. Und man möchte sich nicht vorstellen, welches Schicksal sie erlitten. Die wenigsten durften ihre Heimat wiedersehen. Auf deutscher Seite hatten Bilder von russischen Kriegsgefangenen nur die Funktion, dass Feindbild noch zu überhöhen. Das Vorurteil deutscher Überlegenheit sollte bestätigt werden. Die sowjetische Bilddarstellung basiert auf dem konkreten Handeln der deutschen Soldaten. Sie sind ebenso Feind, jedoch wird die Möglichkeit, dass sie auch Freunde sein könnten, nicht vollends ausgeschlossen. Diese Möglichkeit dürfte auf Guantanamo nicht zur Disposition stehen.

Ausstellung: Beutestücke. Kriegsgefangene in der Deutschen und Sowjetischen Fotografie, 1941 bis 1945Katalog 11 €
Deutsch-Russisches Museum, Berlin-Karlshorst, bis 4. September

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