Moritz Arand | Drucken05.07.2012 

Friedliche Hütten und Paläste

Das Deutsche Kleingärtnermuseum zeigt neben seiner Dauerausstellung ein Kabinettstück zur Geschichte der Gartenlaube

Fotos: Moritz Arand

Wer kennt sie nicht, die grünen Enklaven im urbanen Raum, die organisierte Idylle der akkurat geschnittenen Hecken und fein geharkten Wege? Wie wichtig einem nicht unerheblichen Teil der deutschen Bevölkerung ihre Kleingärten sind, zeigt sich bereits an den Statistiken. Es existieren mehr als eine Million Kleingärten auf einer Fläche von 520 Millionen Quadratmetern. 4 Millionen Menschen sind in 15.000 Kleingartenvereinen organisiert. Als ein deutsches Phänomen, das sich mit dem Beginn der Industrialisierung und der damit einhergehenden Urbanisierung anzeigt und auch eine kulturelle Wichtigkeit zeitigt, ist es verwunderlich, dass das Deutsche Kleingärtnermuseum unter der Leitung von Caterina Hildebrand das weltweit einzige Museum ist, das sich ausschließlich der geschichtlichen Entwicklung der Kleingartentradition widmet. In der zweiten Etage des Vereinshauses des Kleingärtnervereins Dr. Schreber e.V. – auch der bekannte Namesgeber des Schrebergartens kommt aus Leipzig – kann man in der seit 2008 dort befindlichen Dauerausstellung die geschichtlichen Hintergründe der Entstehung des Kleingartens verfolgen. Die Entwicklung von den Armengärten Berlins über Arbeitergärten des Deutschen Roten Kreuzes, der Vereinnahmung der deutschen Faschisten bis hin zur Übernahme des VKSK (Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter) in den BDG (Bundesverband Deutsche Gartenfreunde e.V.) nach der Wende 1990 kann hier nachvollzogen werden. Anhand vieler Exponate – Bilder, Bücher, eine Inneneinrichtung einer Laube ist zu sehen, Werkzeuge werden gezeigt – ist diese Ausstellung didaktisch gut ausgearbeitet. Die relative Enge der Räume und die an manchen Stellen mit Holz vertäfelten Wände unterstreichen die stereotypische Vorstellung eines jeden, der schon mal Zeit in einer Kleingartenlaube verbracht hat.

Bildergalerie8 Bilder 

 

 

Im Kabinett, einem mit lindgrünem Holz getäfelten Raum, dessen Grundfläche der der historischen Lauben auf dem Vereinsgelände entspricht, zeigt das Deutsche Kleingärtnermuseum derzeit die Ausstellung Hütten und Paläste – Zur Geschichte der Gartenlaube.

Entlang verschiedenster Fotografien werden persönliche Haltung der Pächter, deren Stolz und Individualität in den Mittelpunkt gerückt. Die Bilder und die dazugehörigen Anekdoten von Personen aus ganz Deutschland wurden zu diesem Zweck gesammelt und hier in einer Auswahl präsentiert. Man sieht Fotografien einer seit neunzig Jahren in Familienbesitz befindlichen Laube und eine Laube aus Hannover, die den Titel Palast verdient hat. Alte und neue Fotografien werden gegenübergestellt. An anderer Stelle sieht man ein Foto mit einem Ehepaar, das vor seiner Laube posiert, die es anlässlich seiner Hochzeit geschenkt bekommen hat. Für sich selbst spricht das Bild einer imposanten Gartenlaube, in deren Hintergrund der Stahlbeton eines Plattenbaus die Idylle hart begrenzt. Und gerade dieses Spannungsfeld, das in der Idee des Kleingartens bereits angelegt ist, blitzt zu selten auf. Dennoch erwartet den Besucher eine sehr gemütliche, musikalisch unterlegte Ausstellung, die auf eine sehr herzliche Art zu einem Gang durch die idealen Gefilde der Kleingärtnerei einlädt.

Bezogen auf den Gesamtaspekt beider Ausstellungen muss am Ende jedoch angemerkt werden, dass sich die Ausstellung der in der Thematik des Kleingartens angelegten kritisch zu beurteilenden Aspekte verweigert. Ein wachsamer Besucher ist sicher in der Lage zwischen den Zeilen zu lesen, jedoch wäre ein klarer und reflektierter Standpunkt wünschenswert.

Die Problematik einer romantischen Regressionsbewegung, die sich in einen vermeintlichen Raum der individuellen Freiheit zurückzieht und sich gerade durch diesen Akt der Flucht objektiviert, ist ein konstitutives Moment des Ereignisses Kleingarten. Was aus finanzieller Armut entstand, wurde zur kollektiven Armut eines vorgetäuschten Reichtums. Die Altlasten dieses Erbes gären heute noch auf dem Komposthaufen der Kleingärtnerei. Geschichte ist mehr als nur die Darstellung einer Tatsachenentwicklung. Es wäre der Ausstellung zu wünschen, dass die Leerstelle besetzt wird. Der äußerst motivierten Leiterin des Museums ist das allemal zuzutrauen.

Deutsches Kleingärtnermuseum

Aachener Straße 7

04109 Leipzig

Öffnungszeiten: Di.-Do. 10.00 – 16.00 Uhr (an der Eingangstür klingeln!)


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