Sarah Linke | Drucken19.11.2008 

Fiat lux

Die 15. Leipziger Jahresausstellung präsentiert sich im Joseph-Konsum

Grau-blaue und grau-grüne Auslegeware dämpft die Schritte des Besuchers der diesjährigen Leipziger Jahresausstellung. Die Räume im Joseph-Konsum in Leipzig Plagwitz zeichnen sich durch große Flächen und lange Fensterfronten mit viel natürlichem Licht aus, der Blick wandert bei Tag von den Werken auf die Hinterhöfe und Straßen des Viertels, um sich schließlich wieder der Kunst zu widmen. Die beiden Etagen des Joseph-Konsums sind eine Herausforderung für die Kuratoren der 15. Jahresausstellung. Sie bieten viel Boden- und wenig Wandfläche und erlauben dem Betrachter lange Sichtachsen durch den Raum. Zahlreiche Türen, Deckenbalken und Säulen, die durch eine grobkörnige, weiße Wandbemalung noch betont werden, irritieren den Blick. Eine zusätzliche Schwierigkeit stellt sich den Ausstellungsmachern durch das Fehlen einer bereits installierten Beleuchtung - die Werke müssen einzeln mit Strahlern erhellt werden. Für die Hängung der Bildwerke kommen wie jedes Jahr die gleichen Stellwände der Firma Messeprojekt zum Einsatz. All das erinnert an Ausstellungen in Provinzsparkassen oder an "Gymnasium Kunstkurs", wie Rainer Schade, Vorstandsmitglied des Vereins Leipziger Jahresausstellung, es formulierte. Zudem bleibt der Eindruck von Büro- oder Verkaufsräumen ständig präsent.
Cyclas revoluta nimmt diese Atmosphäre auf. Für den Eröffnungsabend hat Andreas Ullrich die Firma "PalmenPrinz" eingeladen, ihre Produkte zu präsentieren - künstliche Palmen und Zimmerpflanzen aller Art, nach Katalog oder als Maßanfertigungen für Sonnenstudios, Diskotheken, Kaufhäuser oder Privaträume. Der Stand befindet sich in einer gefliesten Nische des Raumes, wo sonst wohl kaum ein Werk der Ausstellung bestehen könnte. Ein freundlicher Mitarbeiter erklärt dem neugierigen Besucher die Produktpalette der Firma und die Art der Fertigung. Massenimporte aus Schwellenländern mit zum Teil prekären Arbeits- und Lebensbedingungen ermöglichen dem Unternehmen eine hohe Gewinnspanne und dem willigen Käufer den preisgünstigen Erwerb der Kunstpalmen zu Preisen zwischen 20 und 70 Euro. Eine Alternative für potentielle Käufer, deren Budget nicht ausreicht für die preisintensiveren Kunstwerke? Oder als Mitbringsel für Besucher des Eröffnungsabends, die eine Palme im Grunde doch einem Bild vorziehen?

Unweit vom Kunstpflanzenstand stolpert man beinahe über einen vielleicht 40 cm hohen Haufen aus knallbunten Farbklecksen, der wirkt als wäre er bloß zufällig auf dem grünlichen Teppichboden gelandet. Dabei schießen Szenen aus Paul McCarthys Video Painter durch den Kopf. McCarthy stellt in diesem Video einen erfolgreichen, aber durchgedrehten Maler mit riesiger Knollennase und aufgeblähten Fingern dar, der in seinem Atelier mannshohe Farbtuben wie Sexpuppen bearbeitet. Allerdings wäre Koslovas Farbhaufen wohl zu ordentlich, um aus den Tuben dieses Malers zu stammen. Im Hintergrund fällt der Blick auf eine weitere Arbeit der Leipziger Künstlerin. Asphalt besteht ebenfalls aus Klecksen, in diesem Fall sind es unzählbar viele, winzig kleine schwarze und graue Pünktchen auf einer zwei mal zwei Meter großen Leinwand. Diese Arbeit gewinnt durch die grobe Struktur der Wand, auf der sie hängt und die zum Vergleich der Oberflächen, der Fern- und Nahwirkungen verlockt. Weniger Aufmerksamkeit als diese Arbeiten vermögen Kurt Müllers eher traditionelle Plastiken im selben Raum auf sich zu ziehen. Durch die schlechte Ausleuchtung geben sie leider wenig von ihrer Oberfläche zu erkennen. Andere Objekte fallen hingegen gerade durch ihre zentrale Position im Raum und ungewöhnliche Materialien auf. Piotr Barans Final Lab/Die Letzte Runde besteht aus einem Kreis von Plastik-Gartenstühlen. In deren Mitte befindet sich ein aus Kanistern, Wasserbehältern und Reifen geformter Brunnen. Von Zeit zu Zeit springt die Pumpe an und lässt Wasser von oben in eine orangefarbene Plastikschüssel plätschern. Aufgeschnittene Kanister sind so an dieser Schüssel befestigt, dass der Eindruck entsteht, als würde sich das Wasser in nächster Zeit über die Füße des Betrachters ergießen.

Malerei und Grafik dominieren trotz der prominenten Position von Installationen wie Final Lab/Die Letzte Runde oder auch Der Tisch des Galeristen von Phillip Köhler. Einige Werke erinnern in ihrem Umgang mit der Figur an die so genannte "Neue Leipziger Schule", zudem sieht man stärker abstrahierende Tendenzen und Werke von Künstlern der 50er- und 60er Jahrgänge, die nicht zum gewohnten Repertoire in Leipzigs Galerien gehören. Dazu zählen auch Jürgen Wenzels großformatige Malereien Karpfen und Rinderschädel, aber auch Lothar Becks Bronzen Müder Krieger, Kontrapost und Segmentbüste. Wenzel setzt die Farbe pastös und in kleinen Flächen auf die Leinwand, in mehreren Schichten übereinander, um riesige Stillleben erstehen zu lassen. Becks Bronzen stehen für eine Bildhauerkunst, die mit traditionellen Verfahren arbeitet und sich thematisch dem Spiel zwischen geometrischen Formen und stark abstrahierten figurativen Elementen widmet.

Die Idee einer Leipziger Jahresausstellung geht auf das Jahr 1912 zurück, als die erste Ausstellung mit zeitgenössischen Werken französischer und deutscher Künstler im Handelshof stattfand. In den folgenden Jahren bis zum Ersten Weltkrieg zeichnete sich die Ausstellung durch internationale Präsenz und bedeutende Namen aus. Dem Verein Leipziger Jahresausstellung geht es heute - nach seiner Wiederbelebung im Jahr 1992 - darum, einen Querschnitt der aktuellen Kunstproduktion aus der Region Leipzig-Halle und Sachsen zu zeigen. Diesem Anspruch versucht die Ausstellung gerecht zu werden, indem sie klassische Bildhauerei neben Installation, abstrahierende neben figürlichen malerischen Handschriften zeigt. Andere künstlerische Techniken sind hingegen kaum vertreten. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Umstand auch der Art der Auswahl der vertretenen Positionen geschuldet ist: Die cirka 80 Mitglieder des Vereins, davon ungefähr 15 aktiv Tätige, dürfen Künstler vorschlagen. Anhand ihres bisherigen Schaffens wählt ein fünfköpfiges Komitee aus den Reihen des Vereins aus, wer an der Ausstellung teilnimmt. Daraufhin reichen die Künstler in mehr oder weniger enger Absprache mit den Kuratoren, in diesem Jahr Wolfgang Henne und Otto Bernd Steffen, aktuelle Werke ein. Bei diesem Verfahren bleibt die Ausstellung einseitig und zugleich ein Sammelsurium an Positionen ohne einen roten Faden. Auch das eher einfallslose Thema "Tunnel" wirkt übergestülpt und vermag nicht, die Werke zueinander in Beziehung zu setzen - außer wenigen buchstabengetreuen Umsetzungen des Themas findet sich kaum eine Auseinandersetzung damit.

Es stellt sich die Frage, ob angesichts der sehr schwierigen Raumssituation der Leipziger Jahresausstellung ein konkreter formuliertes kuratorisches Konzept vonnöten wäre, eines, das versucht, die alten Pfade der Auswahl und Präsentation der Arbeiten zu verlassen und die drängenden Raumprobleme zur Tugend zu machen. Ist es nicht vorstellbar, ganz auf Messestellwände zu verzichten und nur Werke zusammenzustellen, die ohne Hängung auskommen? Wäre es nicht möglich, Künstler um die Herstellung ortspezifischer Werke zu bitten? Könnte man nicht die Auswahl der Arbeiten an ein kuratorisches Konzept knüpfen, das mit dem Raum arbeitet, anstatt ihn bloß zu füllen? Und ist nicht ein Thema denkbar, das enger verbunden wird mit den Möglichkeiten der Präsentation? Damit böte sich die Chance, die eher illusorische Idee einer Querschnittspräsentation zugunsten größerer konzeptioneller Tragweite hinter sich zu lassen. Warum sollte man nicht experimenteller und konstruktiver mit der Situation umgehen, dass dem Verein bislang keine institutionell abgesicherten Räumlichkeiten zur Verfügung stehen? Es ist nicht zu übersehen, dass der Verein das Raumproblem auch als Vorwand nutzt, um die eigenen Einfallslosigkeit in Sachen der Ausstellungskonzeption zu verdecken. Dabei hätte die Leipziger Jahresausstellung das Potential einer wirklichen Alternative zu zuweilen eintönigen Leipziger Galeriepräsentationen.

15. Leipziger Jahresausstellung
13. November bis 7. Dezember 2008
Joseph-Konsum, Karl-Heine-Straße 7
www.leipziger-jahresausstellung.de




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