Babette Pohle | Drucken13.10.2011 

Der Versuch, sich ein Bild von der Welt machen

Eine Fotografie-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau versetzt W. Eugene Smith in eine Position, die er nie hatte

Stahlwerkarbeiter, Pittsburgh, 1955
© Fotos: The Heirs of W. Eugene Smith, courtesy Black Star, Inc., New York

Einen „politisch und sozial engagierten Fotojournalisten“ hatte der Pressetext zur Ausstellung W. Eugene Smith – Fotografien. Eine Retrospektive versprochen, und unter anderem Bilder „vor dem Hintergrund des Wirkens des Ku-Klux-Klans“, sowie „Eindrücke der Lebensverhältnisse in einem faschistischen Regime“. Man könnte an Bilder vom Koreakrieg denken oder die Thematisierung von Rassismus im Amerika der 1950er Jahre. Diese Erwartungen hat die Ausstellung allerdings nicht bedient, den politisch engagierten Fotojournalisten Smith lernt man nicht kennen.

Die Ausstellung zeigt zwei unterschiedliche Schaffensebenen Smiths (1918-1978). Der größere Teil beschäftigt sich mit fünf seiner Fotoreportagen, die er im Auftrag des Magazins Life angefertigt hat. Ein kleinerer Teil zeigt Fotografien, die ohne Auftrag entstanden sind. Für keine dieser beiden Ebenen funktioniert allerdings die Einschätzung, Smith sei politisch engagiert gewesen, auch zeigen die ausgestellten Fotografien nur in einem Fall tatsächlich einen gesellschaftskritischen Blick, den man auf Grund der Ankündigung erwartet hätte.

Für Life arbeitete Smith nach dem Zweiten Weltkrieg und bis 1955. Die Redaktion des Magazins hatte stets, sowohl bei der Auswahl der Themen, als auch bei der Auswahl der von ihm angefertigten Bilder für den Abdruck, einen großen Einfluss. Smiths politisches Engagement war somit eingeschränkt, was er selbst auch stark kritisierte und was letztendlich der Grund für seine Kündigung war. In diesem Sinne sollte man nicht versuchen, Smith zu einem politisch engagierten Fotojournalisten zu machen.

An den ausgestellten Bildern wird vielmehr sein Interesse deutlich, die Menschen, die er portraitierte und die Umstände, die er dokumentierte, formal-kompositorisch in eine Harmonie zu bringen. Ein Beispiel ist sein Foto-Essay Spanisches Dorf von 1950. Er zeigt eine Dorfgemeinschaft, in der die Menschen, trotz, oder vielleicht gerade wegen des Lebens „in einem faschistischen Regime“ friedlich, beinahe familiär erscheinen. Selbst in der Situation einer Auseinandersetzung, auf der Fotografie Streit um Parzellen, welches gestikulierende Menschen zeigt, sind diese aber kompositorisch in einer kreisenden, vereinenden Bewegung zusammengefasst.

Ähnliches passiert in der Reportage Hebamme ein Jahr später. Die Reportage beschäftigt sich mit dem Alltag einer schwarzen Hebamme in den Südstaaten von Amerika, einer Entbindung zum Beispiel, ihrer Fürsorge um die Kinder nach der Geburt und nächtlichen Fahrten in Notfällen. Den Rassismus und die Aktivität des Ku-Klux-Klans hat man dabei höchstens im Hinterkopf, aus den Fotos gehen solche Themen nicht hervor.

Ohne Titel, 1951

Smith befand sich in einem Dilemma als Fotograf, in einem Oszillieren zwischen objektiver Berichterstattung für das Magazin und den subjektiven Eindrücken, die sich zwangsläufig einstellten, wenn er die Protagonisten seiner Essays kennenlernte. Dieses Dilemma wird noch deutlicher, wenn man die Fotografien betrachtet, die er frei von Auftraggebern angefertigt hat. Dazu zählt zum großen Teil auch das Portrait der Stadt Pittsburgh von 1955. Die Fotografien arbeiten stärker mit Hell-Dunkel-Kontrasten, zum Beispiel der Stahlwerkarbeiter, im Gegensatz zu den journalistisch-dokumentarischen Auftragsfotografien. Zudem ist Smiths Orientierung an der Malerei bemerkbar, besonders deutlich auf seiner wohl bekanntesten Fotografie Walk to paradise garden von 1947, auf der die Umrisslinien weich sind, die Kontraste fließend ineinander übergehen.

Diese Diskrepanz gesteht er letztendlich ein, die Diskrepanz zwischen dem Bestreben zur Objektivität in seinen journalistischen Fotografien und seinem subjektiven Blick, dem er sich nicht verwehren kann, zusammen mit einer künstlerischen Herangehensweise. In einem der Begleittexte wird er damit zitiert, dass es keine Objektivität in der journalistischen Fotografie gäbe und somit auf dem Fotografen eine enorme Verantwortung läge. Darum wählte er auch den Essay als Form für seine fotografischen Arbeiten, welcher für Skizzenhaftigkeit und Subjektivität steht.

Statt bei der Retrospektive von Smiths politischem Engagement zu sprechen, was eher irritiert, als dass es einen Zugang bietet und zudem Erwartungen weckt, die die ausgestellten Fotografien nicht erfüllen können, hätte man bei der Umsetzung die Frage noch stärker in den Vordergrund stellen können, die auch für Smiths Arbeiten elementar erscheint: Wenn bereits der Fotograf vor Ort niemals eine objektive Darstellung der Wirklichkeit erreichen kann, wenn dazu noch ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit durch den Einfluss des Verbreitungsmediums gezeichnet wird, wenn die Fotografie ohnehin zwischen Dokumentation und Fiktion oszilliert, wie kann die enorme Bildproduktion der Moderne es überhaupt leisten, den Menschen, den Lesern der Magazine und Zeitungen, ein adäquates Bild der Wirklichkeit zu vermitteln? Interessant ist dabei, dass die Ausstellung im Gropius-Bau selbst zu dieser Wirklichkeitsverzerrung beiträgt. Sie stellt den Fotografen Smith in eine Position, die er vielleicht nie hatte. Indirekt setzt sie damit aber auch eine wichtige Grundlage des Arbeitens von Smith um: Stets skeptisch dem gegenüber zu sein, was einem als die Wirklichkeit präsentiert wird.

W. Eugene Smith – Fotografien. Eine Retrospektive

Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Berlin

25. September bis 27. November 2011

Infos zur Ausstellung im Museumsportal Berlin

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